Ku’damm 56 Annette Hess

„Ku’damm 56“: Blick hinter die Kulissen

Ein Interview mit Annette Hess, die sich den Dreiteiler des ZDF ausgedacht hat und die schwule Geschichte einfügte

Der Dreiteiler „Ku’damm 56“ hat auf ungewöhnlich deutliche und historisch fundierte Weise das Thema Homosexualität ins öffentlich-rechtliche Fernsehen gebracht – und die schockierende Geschichte eines jungen schwulen Staatsanwalts in den 1950er-Jahren gezeigt, der „normal“ werden will. In den drei Folgen geht es um „Conversion Therapy“, Elektroschocks, bürgerliche Erwartungen in der jungen BRD und um einen ehemaligen KZ-Arzt, der an Homosexuellen experimentiert hat. Das Drehbuch hat Annette Hess geschrieben, die auch für die erfolgreiche Serie „Weißensee“ verantwortlich zeichnet. MÄNNER sprach mit ihr über Erfahrungen mit dem Thema in der eigenen Familie, über die Reaktionen des ZDF auf diesen neuen kritischen Umgang mit Geschichte und über die Fortsetzung von „Ku’damm 56“.

Sie haben sich vehement dafür eingesetzt, dass auf authentische Weise gezeigt wird, wie in der jungen Bundesrepublik mit Homosexualität umgegangen wurde. Wieso wollten Sie diesen Aspekt so zentral in die Geschichte einbringen?

Als Drehbuchautorin für das Fernsehen habe ich ja die große Chance, mit meinen Geschichten tatsächlich Millionen von Zuschauern zu erreichen. Daher versuche ich bei jedem meiner Projekte, von Schicksalen zu erzählen, die Mut machen, die aufwühlen, die verstören, die die Augen öffnen oder ganz idealistisch gesagt: Ich will von Menschen erzählen, deren Geschichte die Zuschauer über Empathie öffnet und zu besseren Menschen macht. Im besten Fall ist ein Film unterhaltsam – und wirkt dabei gleichzeitig gegen menschliche Dummheit, Intoleranz, Diskriminierung oder Rassismus. Bei „Ku’damm 56“ war es mir zunächst wichtig, von der Unterdrückung der Frau in den 50er-Jahren zu erzählen – aber ebenso von den Zwängen und gesellschaftlichen Erwartungen, mit denen die Männer zu kämpfen hatten. Die größten Schwierigkeiten hatten dabei zweifellos die Homosexuellen, deren Lebens- und Liebeswünsche brutal kriminalisiert wurden. Ich finde, in beiden Bereichen, bei der Emanzipation der Frau und der Selbstverständlichkeit von Homosexualität, ist in den letzten 60 Jahren viel erreicht worden. Aber lange noch nicht genug.

Drehbuchautorin Annette Hess. (Foto: Privat)

Drehbuchautorin Annette Hess. (Foto: Privat)

Oft werden die 50er-Jahre zu einer stilvollen „Heilen Welt“ verklärt: als in Deutschland noch alles moralisch und wirtschaftlich in Ordnung war. Sie zeigen, dass hinter der Fassade die Welt ganz und gar nicht heil war. Wieso hat es so lange gedauert, bis das auch in einem ZDF-Mehrteiler so schonungsklos gezeigt wird? Hat diese neue Sicht auf die 50er-Jahre etwas mit unserer aktuellen politischen Entwicklung zu tun – wo viele einen konservativen „Roll-back“ wünschen (und fürchten)?

Natürlich wird in Filmen der öffentlich-rechtlichen Sender oft ein revanchistisches, eskapistisches Weltbild vermittelt. Hier muss man reine Unterhaltungsformate von ambitionierten Produktionen trennen. Ich bemerke aber insgesamt eine steigende Tendenz zu Wahrhaftigkeit und Relevanz der Verantwortlichen – die für einen Autor natürlich großartig ist. Ich denke, zu dieser neuen Deutlichkeit im Erzählen, in der Darstellung von menschlichen Konflikten, von gesellschaftlichen Abgründen, hat auch die Vielfalt an internationalen Formaten, Filmen und Serien der letzten Jahre beigetragen.

Die Tatsache, dass „Ku’damm 56“ in seiner dargestellten Mentalität an bestimmte aktuelle Parteiprogramme erinnert, war hier zwar ein Zufall.

Unser Film war in dieser Hinsicht keine kalkulierte Produktion. Aber wir sind alle sehr froh, dass unser Film aktuell tatsächlich dazu anregt, über reaktionär faschistoide Strömungen zu reflektieren. Wir hatten hierzu sehr viel Zuschauerpost mit dem Tenor „Das ist das, was die AfD will. Ist das wirklich eine gute Idee?“ – Für mich als Autorin ist das eine ausgesprochen erfolgreiche Rezeption.

Sie zeigen am Beispiel des angehenden Staatsanwalts Wolfgang von Boost eindringlich, was passiert, wenn jemand versucht, gegen seine Natur ein heteronormatives Leben zu führen. Wieso haben Sie daraus gerade einen Staatsanwalt gemacht, der auch noch in fürchterliche Gewissenskonflikte gerät mit der Aburteilung von „Kommunisten“?

Ich wollte die Figur des Wolfgang von Boost nicht nur reduzieren auf ein einziges Problem, nämlich dass er in den 50er-Jahren schwul ist. Das hätte ihn zu einem reinen Opfer gemacht. Wolfgang hat weitere moralische Konflikte, er hat menschlich ehrgeizige Interessen. Er ist ein ganz normaler Mensch. Vorbild war hier ein Verwandter.

Ein Onkel, geboren 1930, von dessen Homosexualität unter der Hand gemunkelt wurde, der auf Familienfeiern auf mich immer sehr einsam wirkte. Ich habe bei ihm einen Schmerz wahrgenommen, dessen Grund mir als Kind natürlich nicht klar war.

Inzwischen weiß ich, dass er ein verborgenes Leben führen musste, eine Lüge in einer unglücklichen Ehe.

Woher hatten Sie die Fakten zum Alltag homosexueller Männer in der Adenauer-Ära?

Ich habe viel recherchiert über die Situation von Homosexuellen in der Zeit. Da findet sich inzwischen glücklicherweise viel im Internet. Darüber hinaus fällt es mir nicht schwer, mich in die Situation von Menschen hineinzuversetzen, die ihr Leben nicht leben können, die ihren Wünsche und Sehnsüchten nicht folgen können. Für mich als Autorin ist es immer erzählenswert, wenn die Idee von der eigenen (sexuellen) Identität nicht mit der gesellschaftlichen konform geht. Da sind die angeblichen Freiheiten auch heute immer noch meistens behauptet.

Sie gehen im Film einen Schritt weiter: Sie zeigen nicht nur Wolfgang von Boost, sondern erzählen auch die Geschichte von Professor Jürgen Fassbender, der als Assistenzarzt im Zweiten Weltkrieg auf furchtbare Weise Drüsen-Experimente mit homosexuellen KZ-Insassen durchführte, um Heilungsmethoden zu erforschen. Dabei sind alle Patienten gestorben. Nach 1945 wird Dr. Fassbender ein angesehener Frauenarzt. Wieso war es wichtig, die Rollen mit einem Sympathieträger wie Heino Ferch zu besetzen?

Dieser Blick aus der 50er-Jahre-Perspektive in die Vergangenheit – Vorbild waren hier die Verbrechen des KZ-Arztes Carl Værnet – war mir sehr wichtig. Denn es erzählt sehr perfide: In den 50ern hat sich angeblich etwas in der Behandlung von Homosexuellen verbessert – denn sie sterben ja nicht mehr. Inzwischen wird mit Elektroschocks versucht, die „Krankheit“ zu heilen. Ich hoffe, dass das für die Zuschauer heute zu einer entlarvenden Gedankenkette führt: Und was tun wir heute? Finden wir nicht eigentlich immer noch, dass Homosexualität eine Krankheit ist? Denn ich glaube, dass das in Wahrheit viele Zuschauer denken. Und mit der Darstellung von Wolfgangs Geschichte fällt vielleicht dem einen oder anderen bisher Unverbesserlichen auf, dass das eventuell eine grundsätzlich tieffalsche Wahrnehmung ist. Die prominente Besetzung des Arztes Fassbender ist hier vom Sender absolut gewollt gewesen, um einen starken Fokus zu setzen.

Der dänische Arzt Dr .Carl Værnet führte während des Krieges Experimente mit schwulen Häftlingen durch.

Der dänische Arzt Dr .Carl Værnet führte während des Krieges Experimente mit schwulen Häftlingen durch.

Sie zeigen recht ausführlich, wie mit Elektroschocks die heute stark umstrittene „Conversion Therapy“ durchgeführt wurde. Ist das nicht Folter, was da passiert?

Natürlich ist das Folter! Deshalb wird es auch als solche deutlich gezeigt. Ich denke, dass es jedem fühlenden Menschen als perverse Maßnahme gegen eine natürliche Präferenz erscheinen muss. Und ich habe das übrigens auch aus vielfältigen Zuschauerreaktionen so erfahren: Mit Elektroschocks kann man nicht gegen Liebe vorgehen.

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Die Idylle trügt: Helga (Maria Ehrich) und Wolfgang (August Wittgenstein). Foto: ZDF/Stefan Erhard

Unlängst gab es mehrere Filme zum Staatsanwalt Fritz Bauer, die auch in den 50er-Jahren spielen. Auch dort wurde darauf eingegangen, wie in jenen Jahren Homosexualität als Karrierekiller eingesetzt wurde, besonders von politischen Feinden – meist ehemaligen Nazis. Wegen der Darstellung Bauers gab es teils heftige Proteste, u. a. von der FAZ. Wieso ist es Ihrer Meinung wichtig, solche exemplarischen Lebensläufe zu zeigen und dabei auch die Sexualität zu erwähnen und nicht als „privat“ und „unwichtig“ auszublenden?

Zu der Frage bin ich zwiespältig, denn für mich gehört zur Lebensleistung eines Menschen nicht seine sexuelle Präferenz. Ich habe mich vor zwei Jahren wegen eines anderen Stoffes sehr intensiv mit Fritz Bauer und seiner Vorbereitung zum Auschwitz-Prozess beschäftigt – und war dabei gefangen von seinem unbedingten Aufklärungswillen: „Die Welt muss wissen, was Auschwitz war!“ Seine Homosexualität fand ich dabei völlig irrelevant. Ich war tief beeindruckt von seinem unbedingten Humanismus! Für mich ist die ideale Welt die, in der es einen nicht interessiert, was Menschen privat leben.

Dass so offen und zentral auf Homosexualität in einem ZDF-Mehrteiler eingegangen wird, ist sicher neu. Wie waren die Reaktionen beim ZDF, beim Produzenten Nico Hofmann und beim Regisseur Sven Bohse auf die Geschichte? Musste die Schwulengeschichte entschärft werden – oder im Gegenteil, wurde sie intensiviert?

Die Arbeit an „Ku’damm 56“ war in dieser Hinsicht sehr beglückend – denn tatsächlich hat niemand die Deutlichkeit der Erzählung in Frage gestellt. Hier muss ich einmal sehr die ZDF-Redaktion, das heißt Heike Hempel und Bastian Wagner, loben, die im Gegenteil – wie ich übrigens auch – gerne noch umfangreicher von Wolfgang und seiner Frau Helga erzählt hätten. Wir mussten bestimmte Szenen verkürzen, da es ein Ensemblefilm ist.

Aber eventuell gibt es ja eine Fortsetzung, in der Wolfgang – im Übrigen auch grandios von August Wittgenstein gespielt – noch deutlich mehr Raum einnehmen wird.

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Annette Hess und das „Ku’damm 56“-Produktionsteam bei der Filmpremiere. (Foto: ZDF)

August Wittgenstein ist ja ein ziemlich prominenter Shooting-Star. Haben Sie mit ihm darüber gesprochen, wie er es findet, diese Rolle zu übernehmen?

Ich habe August Wittgenstein von Anfang an als sehr einverstanden mit der Rolle erlebt. Wir haben lediglich über Nuancen im Dialog gesprochen. Mein Eindruck war, dass er – ebenso wie ich beim Schreiben – in seiner Darstellung die Relevanz der Figur empfunden hat und diese deshalb auch so großartig interpretieren konnte.

Haben Sie mit Heino Ferch über seine Arztrolle gesprochen?

Nein.

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Heino Ferch als ehemaliger KZ-Arzt, der an schwulen Insassen so experimentierte, dass niemand überlegt. Foto: ZDF/Stefan Erhard

In den USA kommen berührende und bewegende LGBTI-Geschichten in nahezu allen großen TV-Serien vor, oft sexuell sehr explizit (wie in „Game of Thrones“). Wieso ist Deutschland da vergleichsweise hinterher?

Ich denke, wenn wir über öffentlich-rechtliche Sender sprechen, gibt es da in Deutschland immer noch die Furcht, das „Stammpublikum“ zu verschrecken.

Beim ZDF sind die Zuschauer durchschnittlich über 61 Jahre alt. Da muss in bestimmten Formaten Homosexualität immer noch homöopathisch dosiert werden.

Aber aus meiner Sicht hat sich in den letzten fünf Jahren viel getan, schwule Paare sind zum Beispiel keine Seltenheit mehr.

Wenn in Deutschland LGBTI-Themen im öffentlich-rechtlichen Fernsehen verhandelt werden, wirkt das meist extrem didaktisch und bemüht. „Ku’damm 56“ ist da eine absolute Ausnahme. Können deutsche Drehbuchautoren das nicht so gut wie die amerikanischen Kollegen?

„Ku’damm 56“ ist ja eine Ausnahmeproduktion, auch finanziell. Man muss hier unterscheiden zwischen „Tagesgeschäft“ und „Leuchtturmproduktionen“. Das beeinflusst sich nur minimal gegenseitig. Was sich aber nach meiner Wahrnehmung verändert ist, dass in den wöchentlichen Produktionen wie zum Beispiel „Soko“, „In aller Freundschaft“, „Dr. Klein“ oder „Tatort“ die Darstellung von Homosexualität als akzeptiertem Teil der Gesellschaft immer selbstverständlicher wird. Da ist natürlich noch einiges an Arbeit zu leisten hin zu Normalität. Ein ganz schlichtes Beispiel aus dem Drehbuchalltag: „Wenn am Ende eine lesbische Frau die Mörderin ist, was erzählen wir damit? Dass lesbische Frauen psychisch krank und Mörderinnen sind?“ Da gibt es noch eine Befangenheit, die es zu überwinden gilt.

Haben Sie Reaktionen von Kollegen oder Zuschauern auf diese beiden großen Homogeschichten in „Ku’damm 56“ bekommen?

Wir haben sehr viele emotionale Reaktionen erhalten, wie schlimm es doch in den 50ern war, wie brutal man mit Homosexuellen umging. Viele Zuschauer waren schockiert – und es wurde auch deutlich, wie ahnungslos die Menschen da sind, wie wenig die meisten wissen.

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Drehbuchautorin Annette Hess arbeitet an einer neuen TV-Serie über die 1980er-Jahre. (Foto: Privat)

„Ku’damm 56“ ist eine großangelegte Geschichtsstunde für die Massen. Was können moderne Zuschauer aus diesem Geschichtsausflug in die 50er-Jahre lernen?

Ich wünsche mir für solche historischen Erzählungen, dass der Zuschauer zunächst denkt, wie schrecklich und rückständig die Zustände damals doch waren – um sich dann aber die Frage zu stellen: Sind wir denn wirklich so weit davon entfernt?

Woran werden Sie als nächstes arbeiten?

Ich arbeite zurzeit an einer Serie, die 1980 in Westdeutschland spielt. Die Serie heißt „Tennis“, ist böse und komisch. Es geht um eine rigorose Frau, die sich im Tennisverein eines niedersächsischen Dorfes an die Spitze des Vorstands kämpft. Gleichzeit wird ihre Tochter Punk, sie repräsentiert die Generation No Future. „Ku’damm 56“ behandelte die Jugend meiner Eltern, jetzt versuche ich, meine eigene zu erzählen.

Wenn auch nicht mehr mit Elektroschocks – noch heute sind Homoheiler in Deutschland am Werk (MÄNNER-Archiv).

Titelbild: Die Stars und Produzenten von „Ku’damm 56“ bei der Premiere, mit Annette Hess neben August Wittgenstein. (Foto: ZDF)

 

 

 


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