1 Jahr nach dem Hungerstreik im Knast

MÄNNER besucht den Koch Jürgen in der JVA Freiburg

Jürgen träumt schon von der gemeinsamen Zukunft mit Mikel. Seinen Verlobten hat er im Knast kennengelernt – bei der Suchtentwöhnung, um genau zu sein. Aber Jürgen hat auch ein bisschen Bammel. Sein Partner wird bereits diesen Herbst entlassen und neigt dazu, „immer die falschen Leute kennenzulernen“.
Jürgen will einen kleinen Imbiss aufmachen, wenn er wieder draußen ist, Ende 2017. In Berlin würde es ihm gefallen. Mikel könnte dort mitarbeiten. Ersparnisse hat Jürgen zwar keine mehr, aber auch keine Schulden. Die konnte er mit seinem Lohn als Knastkoch abzahlen.

Sich von einem Schwulen bekochen lassen? Kam gar nicht in Frage!

Kochen, das kann er. Die Ausbildung machte er im Rahmen seiner ersten Haftstrafe und erhielt ausgezeichnete Noten. Aus dem Vollzug heraus bewarb er sich im feinen Seehotel Sieber am Bodensee – und bekam den Job. Dort traf er Leute wie den Starkoch Eckart
Witzigmann. Ein Start in ein ganz neues, ganz anderes Leben. Aber er hat es vermasselt. Anstatt irgendwann ein eigenes Restaurant zu eröffnen, fand er sich eines Tages in der JVA-Küche wieder. Nach seiner letzten Verurteilung setzte man ihn dort ein. Das ging auch
lange gut. Dass er schwul ist, wussten alle. Eine große Sache war das nicht. Bis eine Handvoll Georgier und Russlanddeutsche Ende April 2015 eine Gruppe von Häftlingen aufstachelte. Sich von einem Schwulen bekochen lassen? Kam gar nicht in Frage. Man trat
in einen Hungerstreik. In kürzester Zeit nahmen 70 Insassen teil (MÄNNER-Archiv). Der Streik wurde nach ein paar Tagen beendet, indem man die Rädelsführer in andere Gefängnisse verlegte.

„Absolute Hochkaräter waren das“, sagt Anstaltsleiter Gerhard Maurer-Hallstern. Man beobachte die Strukturen innerhalb von Gruppen seit Jahren schon, und zwar überall im Land – daher wisse man sehr genau, wer die Anführer seien. Jürgen dagegen glaubt, die tatsächlichen Rädelsführer seien noch hier, in Freiburg; die eigentlich Verantwortlichen hätten bloß die kleinen Fische vorgeschickt. Mitinsassen, die kurz vor der Entlassung gestanden hätten. Eine Verschwörungstheorie? Vielleicht. Jedenfalls nehmen er und Meikel nicht mehr am täglichen Hofgang teil. Weniger aus Angst vor Übergriffen: Jürgen fürchtet, sein Freund könnte die Nerven verlieren, wenn ihm jemand blöd kommt.

„Moderne Sklaverei“

Nach dem Streik kochte er vorübergehend für die Bediensteten. Wie diese Entscheidung zustande kam, ist umstritten. Von Seiten der Anstalt heißt es, der damalige Leiter habe dem Koch „angeboten“, in die Kantine zu wechseln. Von Nötigung spricht Jürgen. Man habe
ihn vor die Wahl gestellt: Entweder Versetzung in die Kantine oder Verlegung in ein anderes Gefängnis. Letzteres kam für Jürgen nicht in Frage, er wollte Meikel nicht zurücklassen. Mittlerweile arbeitet er in der Montage, für deutlich weniger Geld. 1,51 Euro die Stunde. „Moderne Sklaverei“, wie Jürgen sagt.

Immerhin, mittlerweile hat sein Freund die Zelle direkt nebenan. Zweimal die Woche dürfen sie einander so wie alle Insassen für eine Stunde besuchen. An Weihnachten und Ostern dauert der „Umschluss“ eine ganze Nacht. Ab und zu kommen auch wohlgesonnene Beamte („Schreiben Sie bitte nicht Wärter!“, bittet mich der Anstaltsleiter), die außer der Reihe nachfragen, ob Jürgen rüber zu seinem Freund möchte oder umgekehrt. Manchmal kochen sie dann zusammen. Was man mit einem Edelstahlkocher eben so hinkriegt.

Es ist wichtig, dass Ruhe im Karton herrscht

Ist also alles gut? Nach dem Hungerstreik gaben die Krawallmacher Ruhe, aber Sprüche fallen immer noch. Etwa wenn jemand die Gemeinschaftsdusche betritt und dort auf Jürgen oder Mikel stößt. Manche spucken an ihre Zellentür oder aufs Türschild. Solche Vorfälle melden sie regelmäßig, aber nichts tut sich, sagt Jürgen. Der Anstaltsleiter lächelt großväterlich in sich hinein, als ich ihn darauf anspreche. „Nur weil er es nicht mitbekommt, heißt es nicht, dass nichts passiert.“ Es sei natürlich wichtig, dass „Ruhe im Karton“ herrscht.

Kinderschänder auf unterster Stufe

Dass ein Journalist über das Thema Schwule im Knast sprechen will, verwundert Maurer-Hallstern und seinen Verwaltungsleiter Peter Zielinski etwas. Die Sache mit dem Hungerstreik sei ein einmaliger Vorfall gewesen. Da er sich nur gegen eine Person gerichtet habe, verbuche man das als Machtspielchen. Ansonsten sei Homosexualität im Gefängnis kein Thema. Übrigens auch bei Bediensteten nicht, von denen sich einige bei ihm geoutet hätten, ergänzt der JVA-Verwaltungsleiter. Es sei auch keineswegs so, dass Schwule automatisch einen schlechten Stand hätten. Zwar gebe es sehr wohl eine Hierarchie im Knast, aber die richte sich nach Straftaten, so Maurer-Hallstern, der vor 15 Jahren nach Freiburg kam und mittlerweile kommissarischer Anstaltsleiter ist. „Kinderschänder stehen auf der untersten Stufe“, bestätigt Zielinski, der seit 1978 im Vollzug arbeitet. „Sowas vertuscht man hier am besten, so lange es geht. Sonst kriegt man Probleme.“

Studienabschluss im Knast

700 Männer sitzen in Freiburg, die man teils wegen kleinerer Delikte, teils wegen mehrfachem Mord hergeschickt hat. 50 verschiedene Nationen. „Gemischtwarenladen“, nennt es Verwaltungsleiter Zielinski. „Keiner ist zum ersten Mal hier.“ Wenn man nur Schwerverbrecher in einem Gefängnis konzentriert, nur „die Hoffnungslosen“, erklärt Maurer-Hallstern, „könne man nicht vernünftig mit ihnen arbeiten.“ Er spricht gerne von Chancen, die man den Gefangenen bietet. Dass jeder Insasse jeden Schulabschluss hier machen kann. Eine Zusammenarbeit mit der Fernuni Hagen ermöglicht es, dass immer bis zu 20 Insassen studieren.

Mit Homosexualität gehe man hier sehr entspannt um, betont Maurer-Hallstern. Zielinski nickt. Ich muss die Männer trotzdem auf etwas hinweisen. Im Eingangsbereich der JVA ist mir ein Flyer der „Angehörigengruppe von Inhaftierten“ in die Hände gefallen, in dem ein bereits abgelaufener Termin Ende Februar annonciert wird. Auf der Rückseite wird durchdekliniert, wer sich alles angesprochen fühlen möge: „Ehefrau, Ex-Frau, Freundin, Lebensgefährtin, Kinder, Eltern, Geschwister, Bekannte und andere Angehörige von Inhaftierten.“
Ich zeige den Männern den Flyer und will wissen, ob ihnen etwas auffällt …

Die gesamte Reportage ist erschienen in MÄNNER 5.2016

Fotos: JVA Freiburg


2 Kommentare

  1. Friedrich Wichmann

    So ein kompletter Blödsinn! Was haben Speisen mit der sexuellen Orientierung des Kochs zu tun? Richtig: NICHTS – Wir wissen doch auch nicht, ob der Koch in dem Restaurant, in dem wir gerade essen, schwul ist oder nicht. Und mal ganz ehrlich: wen interessiert es, ob der Koch schwul ist, wenn die Speise schmeckt?


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