Ku’damm 56

„Ku’damm 56“: Schwule & Elektroschocks

ZDF zeigt das Schicksal eines jungen Staatsanwalts, der sich brutal therapieren lässt, um nicht mehr homosexuell zu sein

Wenn man es krass ausdrücken will, könnte man sagen: Da hat das ZDF ganz unverhofft einen eindrucksvollen LGBTI-Aufklärungsfilm unters Volk gebracht, mit dem besorgte Eltern und „gendergedöns“-feindliche AfD-Wähler zum Nachdenken gebracht werden, was die Situation von Homosexuellen in unserer Gesellschaft angeht, wenn es wirklich nach rechtskonservativen Vorstellungen aus den 50er-Jahren laufen würde. Was im speziellen ZDF-Fall deshalb so wirkungsvoll ist, weil mit „Homo-Aufklärung“ zur besten und viel beworbenen Sendezeit niemand gerechnet hat. Somit wurden Zuschauerschichten erreicht, die für entsprechende Toleranzargumente normalerweise vollkommen verschlossen sind. Worum geht’s? Natürlich um den Event-Dreiteiler „Ku’damm 56“. Auf den ersten Blick ein typischer öffentlich-rechtlicher Spielfilm, wo deutsche Geschichte per Sepia-Filter zu kostümierter Fernsehunterhaltung wird. Das Poster, mit dem dieser filmische Ausflug in die Adenauer-Ära überall beworben wurde, sah harmlos nach glatter Retro-Ware aus: Familiengeschichte rund um eine Tanzschule. Und weiter nichts?

Weil da niemand mit etwas Homosexuellem gerechnet hat, wurde „Ku’damm 56“ so gut wie in keinem queeren Medium besprochen. Und die meisten Schwulen werden ihn vermutlich gar nicht erst angeschaut haben, um sich nicht ärgern zu müssen, dass da (wieder mal) eine Zeit verherrlicht wird, die extrem homophob war – wie man erst unlängst bei den ARD-Kollegen in „Die Akte General“ zum Staatsanwalt Fritz Bauer sehen konnte. Nun hat ZDF-Drehbuchautorin Annette Hess in die Tanzschulengeschichte rund um Claudia Michelsen im Joan-Crawford-Look ein Familiendrama gestrickt, bei dem auch ein Staatsanwalt vorkommt, der ebenfalls schwul ist und an der repressiven Kultur der Epoche zerbricht: nachdem er vorher verzweifelt versucht, sich mit Elektroschocks „gesund“ zu therapieren.

Die Hochzeit von Helga (Maria Ehrich) und Wolfgang (August Wittgenstein). Foto: ZDF/Stefan Erhard

Die Hochzeit von Helga (Maria Ehrich) und Wolfgang (August Wittgenstein). Foto: ZDF/Stefan Erhard

Der Jungschauspieler August Wittgenstein (eigentlich August-Frederik Prinz zu Sayn-Wittgenstein-Berleburg) spielt den angehenden Staatsanwalt Wolfgang von Boost, der eine der Tanzschulentöchter heiratet, die das Ideal der deutschen Hausfrau ist: Maria Ehrich als Helga Schöllack. Mit diesem Fräuleintraum will von Boost aber partout nicht schlafen. Dass er schwul ist, kann er weder sich, noch seiner Frau eingestehen; er merkt aber auch, dass er die Lüge eines harmonischen Familienglücks nicht leben kann. Was tun, wenn alle von einem Mann ein bestimmtes Verhalten erwarten – das den Vorstellungen der heutigen AfD zu 100 Prozent entspricht? Von Boost wendet sich an einen Arzt seines Vertrauens. Dieser Arzt (gespielt von Heino Ferch) hat im Krieg als Assistent im KZ an männlichen homosexuellen Insassen operiert, um sie von ihrer „Neigung“ zu heilen. Dabei sind alle Patienten gestorben. Nach 1945 spezialisiert sich dieser Arzt auf Frauen, wird ein hochdekorierter Professor, eine Standesperson, die für Freund von Boost noch einmal zur Homobehandlung zurückkehrt. Diesmal versucht der Arzt es mit Elektroschocks, weiteren Psychotorturen und „Conversion Therapy“, was der junge Staatsanwalt über sich ergehen lässt. Immer in der Hoffnung, dass danach alles gut wird.

Die entsprechenden Therapieszenen sind bei weitem nicht so schockierend, wie die entsprechenden Sequenzen in Ryan Murphys „American Horror Story: Asylum“, die in den 60er Jahren in den USA spielt und ebenfalls diese Homoheilungssituation zeigt. Aber so, dass danach wirklich niemand jemals wieder etwas vom Wohl solcher Therapien sagen kann, ohne zu erschauern.

Im ZDF geht Regisseur Sven Bohse behutsamer vor. Aber es wird dennoch klar, was für eine unnütze Folter diese Art der Therapie ist. Jeder moderne Mensch in Deutschland, der das sieht, wird so etwas nicht ernsthaft für seine Kinder oder Enkelkinder wünschen.

Auch nicht die verzweifelte Situation, in die von Boost gerät durch seinen Wunsch, heteronormativ zu leben, obwohl er homoerotische Bedürfnisse hat. Er stürzt dabei nicht nur sich selbst ins Unglück, sondern seine Ehefrau. Erst tyrannisiert er sie, um sie von sich fernzuhalten, dann schleicht er sich aus dem Haus, um nachts im Volkspark Schöneberg von einem Mann einen Blow-job im Dunkeln zu bekommen, schließlich erklärt er seiner Frau was los ist – und sie sagt, sie könne sich nicht scheiden lassen. Denn was würde die Gesellschaft dazu sagen!

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Wolfgang (August Wittgenstein) lebt in dem Wahn, dass mit einer Hochzeit alle seine Probleme beseitigt wären. Foto: ZDF/Stefan Erhard

Es wird hier von der Drehbuchautorin Hess exemplarisch durchgespielt, was es bedeutet, Menschen zu einem heteronormativen Leben zu zwingen. Dadurch, dass die Rolle mit einem so sympathischen Star wie August Wittgenstein besetzt ist – „der schönste Schauspieler Deutschlands“, wie „Die Welt“ meint – ist die erschütternde Wirkung doppelt intensiv.

Vom Coming-out in die Ehe-Hölle

Bemerkenswert ist auch, dass die Verstrickung von Nazi-Vergangenheit und perfider 50er-Jahre-Moral in „Ku’damm 56“ so brillant dargestellt wird. Das war ja bereits in den diversen Fritz-Bauer-Filmen auf beklemmende Weise zu sehen. Hier ist es ebenfalls einer der zentralen Aspekte. Sepia-Filter hin oder her.

Was für einen ZDF-Film dieses Formats neu ist, ist der Umstand, dass es die Drehbuchautorin bis zum Schluss schafft, den Zuschauer immer wieder mit unverhofften Wendungen der Geschichte zu überraschen. Es ist also nicht in den ersten fünf Minuten klar, wie alles ausgeht. Das gilt auch für die Geschichte rund um Wolfgang von Boost, der nach seinem Coming-out gegenüber der Ehefrau in eine erschreckende Zukunft geschickt wird, eine Ehehölle, die vermutlich viele Männer in jenen Jahren erlitten haben, und immer noch erleiden.

Dass im öffentlich-rechtlichen Fernsehen mit solcher Selbstverständlichkeit die Schicksale von Homosexuellen als Teil deutscher Geschichte dargestellt werden, ist neu. Und es ist zu begrüßen.

Weil die Verdrängung der Homosexuellen aus dem öffentlichen Leben lange genug Schaden angerichtet hat und viele besorgte Eltern zu der Wahnvorstellung verführte, früher hätte es sowas alles nicht gegeben; man müsse also nur den Weg zurück in die Geisteshaltung von einst finden. Filme wie „Ku’damm 56“ zeigen, dass es sowas auch in der Adenauer-Ära gab, und wie furchtbar es war. So furchtbar, dass keine liebenden Eltern oder Großeltern ihren Kindern und Enkelkindern heute ein solches Schicksal wünschen oder in diese verkrampfte Moralhaltung der 50er-Jahre zurückwollen können.

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Heino Ferch als ehemaliger KZ-Arzt, der an schwulen Insassen so experimentierte, dass niemand überlebte. Foto: ZDF/Stefan Erhard

Fazit: Der Dreiteiler ist ganz großes deutsches TV-Kino. Absolut sehenswert, als elegant konstruierte und erzählte Geschichte mit vielen hintergründigen Aspekten, die unaufgeregt ins Gesamtbild eingefügt sind, und gerade deshalb so prägnant sind. Und ja, August Wittgenstein ist ein Hingucker, der nur beim Blowjob seinen unphotogensten Moment hat. Aber es sieht halt nicht jeder beim Sex gut aus, wenn er weiß, die gesamte deutsche Fernsehnation schaut zu.

Alle drei „Ku’damm 56“-Teile sind in der ZDF-Mediathek verfügbar.

Fotos: ZDF

 

 


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