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Mr-Gay-World-Wahl ohne Syrien

Das Finale findet am heutigen Samstag in Malta statt

Eine Wahl zum internationalen Stellvertreter für Schwulenrechte ohne zumindest einen Kandidaten aus einem Land wie Syrien, in dem LGBTI nicht einmal Rechte haben – das ist in etwa so wie eine Demonstration gegen Massentierhaltung auf einem Bio-Bauernhof – bequem, unkompliziert, aber eben nicht repräsentativ. Aus diesem Grund organisierte Mahmoud Hassino (40), der heute in Berlin lebt, eine Wahl zum Mr Gay Syria. Allerdings nicht in Syrien, sondern in der Türkei, wohin viele LGBTI-Menschen seit den öffentlichen Hinrichtungen schwuler Syrer durch die Terrororganisation ISIS flüchten. Im Internet startete er dafür einen Aufruf, dem 29 Bewerber folgten und von denen sich sieben als Fake entpuppten. Die übrigen schrumpften auf fünf Kandidaten zusammen. „Eine unserer größten Sorgen war die Sicherheit der Kandidaten und der Menschen, die die Organisation übernommen haben. Weil es unmöglich gewesen wäre, den Wettbewerb in Syrien zu veranstalten, wurde Istanbul zum perfekten Ort für die Wahl.“

Mr Gay World

Initiator des Mr Gay Syria, Mahmoud Hassino

Symbolisch fiel die Entscheidung am 14. Februar – dem Valentinstag, dem Tag der Liebe – auf den Barbier Hussein, den unser Titelbild zeigt. Doch an der Wahl zum Mr Gay World, die heute in Malta endet, nimmt der 22-Jährige nicht teil: Es gelang ihm nicht, mittels Crowdfunding 1450 Dollar für Flugtickets und Hotelzimmer zu sammeln, und auch das Visum wurde ihm letztlich nicht erteilt.

Menschen, die nicht ins heteronormative Gesellschaftsbild passen, werden weggesperrt oder wegen ihrer Sexualität gelyncht

„Die Rechte von homo-, bi-, trans- und intersexuellen Menschen haben in vielen Teilen der Welt keine Bedeutung”, erklärt der syrische Journalist und Initiator des ersten syrischen Mr Gay Hassino. „Stattdessen werden Menschen, die nicht ins heteronormative Gesellschaftsbild passen, kriminalisiert, weggesperrt oder wegen ihrer Sexualität gelyncht. Bereits vor Ausbruch des Bürgerkriegs 2011 litten LGBTIs in Syrien unter verschiedenen Formen der Menschenrechtsverletzungen (MÄNNER-Archiv).“ Unter dem Pseudonym Sami Hamwi ist der 2014 selbst nach Deutschland Geflüchtete Herausgeber des ersten queeren Onlinemagazins Syriens Mawaleh.

Wir sind nicht nur Leichen in ISIS-Video

„ISIS tötet schwule Syrer, und die, die flüchten, sind unfähig, etwas dagegen zu tun. Das ist die Vorstellung vieler, aber wir sind mehr als das“, verkündete Syriens Mr Gay Hussein, den wir zu seinem eigenen Schutz nicht mit Nachnamen nennen, in seiner ersten Amtsrede. „Wir sind nicht nur Leichen in ISIS-Videos, und obwohl wir Flüchtlinge sind, sind wir nicht tatenlos.“ Hussein war gerade einmal 19, als der Krieg in seiner Heimat ausbrach. Als er zum Militärdienst einberufen wurde, wusste er, dass er flüchten musste. „Damals sah ich all meine Träume zerbrechen. Es war niederschmetternd. Es gibt ein altes Gesetz, auf dessen Grundlage man mich für über sieben Jahre ins Gefängnis hätte stecken können, wenn sie herausgefunden hätten, dass ich schwul bin.“ Als er in der Türkei ankam, änderte sich alles für ihn. Er begann Freundschaften zu schließen, andere schwule Männer kennenzulernen. Zum ersten Mal in seinem Leben.

Nicht nur arme Opfer

Doch auch in der Türkei ist ein sorgenfreies Leben als LGBTI nur in eingeschränkten Räumen möglich – zum Beispiel im Stadtteil Taksim. Homo- und transphobe Gewalt sind an der Tagesordnung. Auch Hussein fiel ihr schon zweimal zum Opfer. „Ich will, dass die Welt weiß, dass syrische Flüchtlinge eine Community in der Türkei auf die Beine gestellt haben, die sie selbst organisieren. Wir sind nicht nur die armen Opfer. Wir sind starke Menschen, die das beste aus ihrem Leben machen wollen“, ist Hussein überzeugt. In seinem Blick glimmt der Funke der leisen Revolution. „Bei allem, was gerade in Syrien geschieht, werden wir ungehört bleiben, wenn wir nicht jetzt anfangen, unsere Stimmen zu erheben.“

Kaum mehr als ein Schönheitswettbewerb

Auch wenn es dieses Mal nicht geklappt hat – vielleicht im nächsten Jahr. „Ich denke, der Mr-Gay-World-Contest sollte sich verstärkt auf unterdrückende Länder konzentrieren“, meint Mahmoud Hassino. „Soweit ich das beurteilen kann, hat es eine drastische Veränderung in der Politik und Herangehensweise der Veranstaltung gegeben. Mr Gay World wurde immer als Darbietung des Aktivismus bezeichnet, aber ich habe das Gefühl, es ist dieses Mal kaum mehr als ein Schönheitswettbewerb.“

Mehr über die Hintergründe zur Wahl des syrischen Kandidaten in MÄNNER 4.2016.

Hier geht’s zum britischen Kandidaten!

Wer ist der österreichische Mr Gay?

Foto: Mahmoud Hassino


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