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„Sicher und frei wie nie zuvor“

Ein Besuch in der Nürnberger Unterkunft für LGBTI-Flüchtlinge

von Martin Arz

Sofortige Kündigungen erlebte Juri mehr als einmal, wenn die Chefs von seiner Homosexualität erfuhren. Der gelernte Krankenpfleger fand schließlich keine Stellung mehr in einem Krankenhaus in St. Petersburg, also sattelte er um und arbeitete in einer großen Eventagentur. Sein Chef hatte beste Beziehungen in die nobelsten Kreise, richtete Partys für Oligarchen und Politiker aus. „Zutiefst korrupt und kriminell“, nennt Juri ihn, „ein Mafioso.“ Dann fand der Chef heraus, dass Juri schwul ist. Er beließ es nicht damit, den jungen Mann einfach rauszuschmeißen, zuvor folterte er ihn. Dass sein Chef unliebsame Menschen foltern ließ, wusste Juri bereits. Nun hatte es ihn getroffen. Über Details möchte der 35-Jährige nicht reden. Zu schmerzhaft ist Erinnerung.

Flüchtlinge schwul Nürnberg

Aufenthaltsraum in der Nürnberger Unterkunft

Juri sitzt im Aufenthaltsraum von Deutschlands erster Aufnahmeeinrichtung speziell für queere Asylsuchende. Der Nürnberger Verein Fliederlich e.V. hat dafür ein Haus von der Stadt angemietet. Juri wirkt entspannt, hält mit seinem Mann Oleg (34) ab und zu verschüchtert Händchen. So richtig Zärtlichkeiten vor anderen austauschen, trauen sie sich geprägt durch die Erfahrungen in der Heimat noch nicht. Seit über 14 Jahren sind die beiden ein Paar, sind gemeinsam durch mehr als eine Hölle gegangen. Gar nicht mehr entspannt ist Juri, wenn er über St. Petersburg berichtet, da redet er sich in Rage. Sein Mann Oleg kommt kaum mit dem Übersetzen nach, denn Juri spricht kein Englisch und noch zu wenig Deutsch, um alles ausdrücken zu können. Auf der Straße überfallen und zusammengeschlagen zu werden, erlebten beide öfter. Auch, dass die Familien sie schnitten gehörte quasi zum Alltag. Gemeinsam eine Wohnung zu finden, war für sie als schwules Paar ein Ding der Unmöglichkeit.

Mein Onkel hat gedroht, er würde mich umbringen, wenn ich noch einmal in sein Haus käme

„Mein Onkel hat gedroht, er würde mich umbringen, wenn ich noch einmal in sein Haus käme«, berichtet Oleg. Diese Drohung und Juris schreckliche Erlebnisse führten im Sommer 2015 zu dem Entschluss, sich in den Westen abzusetzen. Freunde halfen ihnen mit Geld und Verbindungen, schnell alle nötigen Papiere zu bekommen. Dann setzten sie sich letzten Juni einfach in ein Flugzeug nach Berlin. „Ich habe am ganzen Leib gezittert, bis wir endlich in Berlin gelandet sind“, sagt Oleg. „Dann erst ließ die Angst nach.“ Auch hier halfen Freunde weiter. Freunde, die Oleg und Juri eigentlich gar nicht persönlich kennen. Sie hatten mit Quarteera e.V. Kontakt aufgenommen, der einzigen russischsprachigen Hilfsorganisation für LGBT in Deutschland. Die vermittelte Paten, die den beiden Männern weiter halfen. Alles online.

Als Schwuler rufst du dort nicht die Polizei. Niemand vertraut der Polizei

In Berlin wollten sie wegen der großen russischen Gemeinde nicht bleiben, aus Angst erkannt zu werden. Juri und Oleg kamen in ein Aufnahmelager nach Parsberg. Dort waren sie schnell die Außenseiter, mussten in einem Mehrbettzimmer im schimmeligen Keller hausen. Russische Mitbewohner bedrohten sie. Überhaupt, so berichtet Oleg, haben sie in Deutschland Diskriminierung nur durch Ex-Russen oder andere Migranten erlebt. Als einer ein Messer zog, traute sich Oleg das erste Mal in seinem Leben, die Polizei zu rufen. Und zu seiner größten Überraschung waren die deutschen Beamten hilfsbereit und verständnisvoll. Das hatte er so in Russland nie erlebt. „Als Schwuler rufst du dort nicht die Polizei“, sagt Oleg. „Eigentlich ruft niemand die Polizei, außer es geht um Einbruch oder Mord. Niemand vertraut der Polizei.“ Dass es in Deutschland anders ist, gehörte zu seinen positivsten Erlebnissen. Überhaupt begeistert ihn, dass hier die Menschen tatsächlich einfach so helfen. Freiwillig und ohne große Hintergedanken.

Oleg und Juri gehörten zu den ersten in der Nürnberger Unterkunft

Nach der Messerattacke kamen die beiden in ein Heim nach Neumarkt. Dieses Heim ist ein ehemaliges Hotel, was den Vorteil hat, dass die Zimmer dort alle über eigenes Bad und WC verfügen. Dort wies man ihnen aber das schlechteste Zimmer zu. Eine mistige Kammer direkt über der Küche, durch die die Abluft waberte. Oleg legte ein ärztliches Attest vor, dass er Asthmatiker ist. Es interessierte die Heimleitung nicht. Wieder drangsaliert, diesmal durch den russischen Hausmeister, war schnell klar, dass sie auch hier raus mussten. Juri hatte da bereits eine Arbeitserlaubnis und suchte einen Job im nahen Regensburg. Hauptsache weg aus Neumarkt. Da berichtete ein Freund aus Regensburg, dass in Berlin eine Unterkunft für LGBT geplant sei. Doch eine Verlegung in ein anderes Bundesland war nun nicht mehr möglich. Dann kam über einen Freund aus Potsdam, den sie nur durch einen Facebook-Chat kannten, der Hinweis auf Fliederlich e.V. in Nürnberg. Oleg und Juri bewarben sich und gehörten zu den ersten, die in die Nürnberger Unterkunft einziehen durften.

Ein Mann, der seine Sexualität nicht leben kann, wird ein verrückter Mann

„Ein Mann, der seine Sexualität nicht leben kann, wird ein verrückter Mann“, sagt Oleg. „Hier fühle ich mich sicher und frei wie nie zuvor in meinem Leben.“ Dennoch sitzt ihm immer noch die Angst im Nacken, wenn er in einsamen Straßen Menschen begegnet. Er meidet auch große Menschenansammlungen. „Wir sind über ein halbes Jahr in Deutschland und erst jetzt beginnen wir so langsam zu entspannen.“ Er spricht bereits sehr gutes Deutsch, nur mit dem Wortschatz hapert es noch ein bisschen. Darum will er das Interview lieber auf Englisch führen. Juris Deutsch ist etwas holperiger, dennoch hat er inzwischen tatsächlich einen Job gefunden. Allerdings in Regensburg. Als Gebäudereiniger, denn seine Papiere als Krankenpfleger müssen noch beglaubigt werden. Jetzt muss Juri täglich von Nürnberg nach Regensburg pendeln. Das nervt, ist aber nur ein kleiner Wermutstropfen, denn mit dem Job haben die beiden eine neue Perspektive und endlich auch etwas mehr Geld. So bald als möglich möchte Juri jobtechnisch nach Nürnberg wechseln. Auch hier haben die freiwilligen Helfer von Fliederlich e.V. versprochen, zu helfen. Oleg, der in Russland als Video-Cutter gearbeitet hat, macht in Nürnberg berufliche Weiterbildungen und hofft, schnell eine Arbeit zu finden. Denn sie wollen sich eine gemeinsame Wohnung suchen. Hier in Nürnberg, wo sie nicht mehr weg wollen. Die Stadt, die sie so freundlich aufgenommen hat, gefällt ihnen ausgesprochen gut.

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Schlafzimmer in der LGBTI-Unterkunft

„Wir haben endlich eine Perspektive“, sagt Oleg. „Wir können hier in einem Land leben, in dem wir als Menschen respektiert werden. Wir haben die Freiheit sein zu dürfen, was wir sind.“ Sie wollen sich nie wieder verstecken müssen. Und als ich zuletzt die Frage stelle, ob sie vielleicht mal heiraten wollen, platzt Juri mit einem lauten „JA!“ heraus, Oleg ergänzt „So bald als möglich“, und beide strahlen glücklich.

Mehr über die Nürnberger Unterkunft in MÄNNER 5.2016 – hier geht’s zum Abo!

Fotos: Martin Arz


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