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Schwule Pinguine ziehen nach Hamburg

Das Pärchen musste vom verlotterten Berlin in die gediegene Elbmetropole. Ob das gut geht?

Olli und Stan sind umgezogen. Und haben sich noch nicht richtig eingelebt. Wie auch? Die Eselspinguine, mit denen man sie im Hamburg Tierpark Hagenbeck zusammen wohnen lässt, sind alle hetero, mitten in der Brut und die Weibchen werden nachgerade hysterisch, wenn einer der beiden Jungs ihren Nestern zu nahe kommt. Ein schönes Geplärr gibt das jedesmal. Dann verdreht Olli die Augen und Stan schnattert leise „Schlimmer als am Kollwitzplatz hier. Jetzt mach dich mal locker, Mutti. Is nich ansteckend, wie wir sind, bloß schön.“ Dass er Recht hat, sieht man auch gleich: Stan und Olli sind Königspinguine, groß, stolz, herrlich frisiert, inmitten von schrumpeligen, eher grauen, deutlich kleineren Tieren.  Nicht schwer zu erkennen, was hier abgeht.

Einsame Heteros sind nach der dritten, leicht fauligen Makrele für alles Mögliche zu haben“, grinst Stan. „Schlampe“, sagt Olli.

Aber, dass sie ein Paar sind, hat man in Hamburg noch nicht so wirklich begriffen: „Schwul? Schwer zu sagen“, erleutert Hagenbeck-Tierärztin Adriane Prahl der Tageszeitung Die Welt. „Sie sind ja erst ein paar Tage hier. Sind aber relativ monogam.“ Olli seufzt: „Wir hätten eben am Zoo bleiben sollen. Nicht die beste Gegend, aber in Berlin hat uns wenigstens niemand für hetero gehalten. Ist ja widerlich. It’s not a lifestyle, bitches. It’s a life.“ Schuld an der Annahme, schwule Pinguine seien gar nicht wirklich schwul, ist Harry. Der hatte vor sieben Jahren in San Francisco seinen Mann für ein kurzbeiniges, ungrazieles Weibchen verlassen. „Ein faules, bisexuelles Ei und die ganze Torte ist hin“, kommentiert Stan betrübt. In Berlin hatten Olli und Stan direkt im Zoologischen Garten gewohnt. „Wir mochten es da sehr“, erklärt Olli. Schuld an ihrem erzwungenen Umzug sind Schotten, natürlich. Die betreiben von Edinburg aus das Europäische Erhaltungszuchtprogramm, kurz EEP. Olli und Stan sind Teil davon. Die Schotten legen am Computer Genpools zusammen und bestimmen, wer wohin ziehen muss. „Nicht mal das mit den Genen kriegen Heteros alleine hin“, klagt Olli. Zumal sich in Hamburg bislang nur männliche Königspinguine eingefunden haben. „Wir hoffen wir kriegen bald ein Weibchen“, sagt die Leitung. „Also, meinetwegen muss das nicht sein. Einsame Heteros sind nach der dritten, leicht angefaulten Makrele für alles Mögliche zu haben“, grinst Stan. „Schlampe“, sagt Olli.

Die sind schwul. Die haben sich nie für die Weibchen hier interessiert. Nie gebrütet.

Das Schlimmste: Stan und Olli sollen nicht mehr Stan und Olli sein. „Wir nennen sie jetzt erstmal Kalle und Grobi“, sagt Pinguin-Pfleger Dave Nelde. Olli ist empört: „Entschuldige mal, DAVE. Wenn du Kalle zu mir sagst, nenn ich dich Kevin, du Horst.“ „GROBI? Ich wette, der kleine Kevin geht jeden Abend nach Hause und guckt Sesamstraße“, legt Stan nach. Dabei ist das eigentlich alles nicht so schwer, denn Hamburg hat Erfahrung mit schwulen Pinguinen: Juan und Carlos, die in einem Nachbargehege wohnen, werden Stan und Olli sicher irgendwann vorgestellt. „Juan und Carlos. Wir sind jetzt schon feucht. Ole!“, erläutert Olli, während er aus dem Pool krabbelt. Das es zu einem Aufeinandertreffen kommen wird, ist ganz unvermeidlich, weiß man in Berlin „Die sind schwul. Die haben sich nie für die Weibchen hier interessiert. Nie gebrütet. Und wenn es an die Balz ging, haben die beiden nur miteinander gebalzt“, erläutert die Berliner Zoo-Sprecherin Christiane Reiss. „Alles andere wäre ja auch…ich meine, ich mag Frauen wirklich gern, aber das geht dann doch entschieden zu weit“, erklärt Stan. Deswegen sind er und Olli ihren eigentlichen Aufgaben innerhalb des EEP bislang auch nicht nachgekommen.

Wissen Sie, unsere Freunde Roy und Silvio aus New York hat man damals sogar ein Ei adoptieren lassen.

Dabei könnte alles so schön sein: „Wissen Sie, unsere Freunde Roy und Silvio aus New York hat man damals sogar ein Ei adoptieren lassen. Und die beiden haben ein entzückendes Mädchen bekommen, Tango. Zu goldig, die Kleine. Und dann hat jemand ihre Familien-Biografie geschrieben: ‚And Tango makes three‘. Wahnsinnig tolles Kinderbuch. Heute lernen die Menschenkinder in den USA, jedenfalls die außerhalb von North Carolina und Mississippi, von Roy, Silvio und Tango, wie man so lebt, als Homosexueller und als Pinguin. Aber in Deutschland sind wir da einfach noch nicht soweit, leider. Die Kanzlerin, die AfD, Sie wissen ja“, sagt Stan. Dann geht er wieder mal „Kollwitzplatz“ spielen.

Bild: Imago/Aflo

 


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