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Süssmuth bewegt

Rita Süssmuth nahm gestern Abend die Ehrenmitgliedschaft der Deutschen AIDS-Hilfe entgegen

Was für ein Abend! Was für eine gelungene Veranstaltung! Was für eine großartige, wichtige Rede! Die Deutsche AIDS-Hilfe machte am Donnerstag im Heimathafen Neukölln in Berlin alles richtig und ließ die jährliche Verleihung des Hans-Peter Hausschild-Preises zu den Rita Süssmuth-Festspielen werden. Der Bundestagspräsidentin a.D. wurde für ihre langjährige Arbeit für und mit HIV-Positiven die Ehrenmitgliedschaft der Deutschen AIDS-Hilfe zuerkannt, eine Ehrung die die Organisation nur selten vergibt, kaum je so verdient wie gestern. Fulminant moderiert von MÄNNER-Literaturpapst Matthias Frings stand die Feier eigentlich unter dem Motto „Mut bewegt”. Aber spätestens als Rita Süssmuth die Bühne betrat, ließ man das Motto Motto sein und änderte es kurzerhand in „Süssmuth bewegt”. Was mehr als passend war, denn die alte, große Dame der deutschen Gesundheitspolitik hat für inzwischen mehr als drei Jahrzehnte genau das getan und tut es weiterhin. Sie war von der Zuneigung und Dankbarkeit, die ihr für ihre Arbeit zuteil wurde, sichtlich bewegt.

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Moderator Matthias Frings

Nachdem schon der Vorstand der DAH in warmen Worten an die Verdienste von Süssmuth erinnert hatte, „die man nicht hoch genug einschätzen kann” und Irmgard Knef eine Lobeshymne auf die Geehrte gesungen hatte, betraten acht junge Aktivisten die Bühne, aus ganz verschiedenen Bereichen der HIV-Prävention, und machten in kurzen, emotionalen Dankesworten klar, dass es in vielen Bereichen in Deutschland, von Sexwork, über Integrations- und Drogenpolitik bis zu den Haftbedingungen für Positive, ohne den engagierten Einsatz der damaligen Gesundheitsministerin in den Achtziger Jahren, heute auch in ihrem Leben völlig anders aussehen würde. Süssmuth betrat danach, den Freudentränen nahe, die Bühne und hielt, ohne sich eine einzige Notiz gemacht zu haben, eine fulminante Rede, in der sie ihren jahrzehntelangen Einsatz für Minderheiten mit tagespolitischen Ereignissen in Verbindung brachte.

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Vorstandsmitglieder der DAH mit Rita Süssmuth

Sie sagte unter anderem: „Liebe Anwesende, als diese Ehrenmitgliedschaft an mich herangetragen wurde, habe ich mich sehr gefreut und gedacht: Ja, da gehöre ich hin. Was heißt das? Nun, wenn Sie wüssten, was Sie in mir bewegt haben und wie sehr Sie mir geholfen haben, der Mensch zu werden, der ich heute bin, dann würden Sie verstehen, wie sehr wir verbunden sind. Diese Ehrung ist mir sehr wichtig. Weil sie, bei allem was erreicht worden ist, zu einem Zeitpunkt und in einem gesellschaftlichen Klima erfolgt, zu dem ich sagen muss: Wir befinden uns im Rückwärtsgang. Selten habe ich so oft an einen Ausspruch von Hanna Arendt denken müssen wie in den letzten Monaten des Jahres 2015 und in diesem Frühjahr: ‘Sag nie, so etwas wird es bei uns nie wieder geben.’ Was ich gegenwärtig an versuchten Rückschritten erlebe, in Bezug auf die Fremdherrschaft über die Körper von Frauen unter den Vorzeichen des Schutzes des ungeborenen Lebens, in Bezug auf die erneute Ausgrenzung von Menschen die ‘anders’ leben, egal ob sie eine andere Sexualität haben, eine andere Ethnie oder anders anders sind: Wir waren schon einmal weiter. Dies ist eine wichtige Zeit. Denn ja, Deutschland hat die niedrigste Zahl an HIV-Neuinfektionen weltweit. Aber ich möchte den Begriff ‘Neuinfektion’ heute in einem umfassenderen Sinn gebrauchen und die Frage stellen: Wovon sind wir, als Gesellschaft, schon wieder infiziert?

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Süssmuth hielt eine fulminante Rede

Hier gilt es, sich daran zu erinnern, warum die Menschen in den AIDS-Hilfen damals, am Beginn der Epidemie, aufgestanden sind und gesagt haben: ‘Nicht mit uns’, obwohl die Mehrheit anders dachte. Selbst im Jahr 1987 befanden wir uns eigentlich auf der politischen Verliererstraße, die Dominanz lag bei Gauweiler und seinen Fans, mit ihren repressiven Ideen. Das haben wir überwunden. Aber auch heute kommen wir als Gesellschaft aus alten Denkmustern, Stereotypen und Vorurteilen nicht heraus. Bertolt Brecht hat gesagt: ‘Versuche immer, das Anderssein zu respektieren und zu ermöglichen.’ Im Moment tun wir das, noch. Aber, die Zeit in der wir leben, ist hundsgefährlich. Das Klima scheint auch wieder kippen zu können.

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Acht junge AktivistInnen* bedankten sich bei Rita Süssmuth für ihr Lebenswerk

Ich stehe hier auch in meinem ganz eigenen Heimathafen, weil ich in der Arbeit mit HIV/AIDS politisch anders denken und handeln gelernt habe. In der damaligen Situation, in der wir handeln mussten und durften, ohne das Wissen über alle möglichen Ergebnisse unseres politischen Handels schon zu haben, habe ich von Betroffenen gelernt, was jetzt nötig war. … Ich erinnere mich, dass die Idee, dass Menschen sich würden verstecken müssen, oder Infizierte irgendwohin verschifft werden könnten, auf eine Insel, so wie es damals von einigen angedacht war, mich nicht mehr hat schlafen lassen … Der Kanzler hat damals auf mein Drängen und Bitten hin, die beiden wichtigsten AIDS-Forscher eingeladen und die haben ihm deutlich gemacht, dass es, um erfolgreiche HIV-Politik zu betreiben, keine Alternative zur Prävention gibt. … In meiner Not damals, bin ich zu den AIDS-Hilfen gegangen, die auch kein Mehr an medizinischem Wissen hatten, aber ein Mehr an Erfahrungswissen. Was mir wahnsinnig geholfen hat. … Der heutige Abend hat eine starke Botschaft: In all dieser Unruhe, diesen großen politischen Auseinandersetzungen, sind Sie stark geworden, offensichtlich ist die nächste Aktivisten-Generation stark geworden und auch ich. Das war und ist schön. Und wir hatten und haben dabei, viele, viele Helfer. … Was mich in den letzten Monaten hoffnungsfroh macht, sind die enormen Kräfte, die unsere Zivilgesellschaft freisetzt. Die Menschen, die zu Zehntausenden selbstlos und ohne zu fragen, was sie davon haben, anpacken, Migranten helfen und Rückgrat beweisen. Die auch aufstehen und sagen: ‘Mit uns nicht.'”

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Irmgard Knef sang „Für Mich soll’s rote Rosen regnen” und meinte Süssmuth

Süssmuths Rede, in der sie auch auf Frauenpolitik und Drogenpolitik einging und den Satz, „Sexualität ist Teil des Menschseins. Sie ist wichtig und gehört zu uns”, sagte,  wurde minutenlang bejubelt. Als Irmgard Knef anschließend ein zweites Mal die Bühne betrat und ihre Version von „Für mich soll’s rote Rosen regnen” anstimmte, fielen viele im Saal mit ein und meinten die Bundestagspräsidentin a.D..

Alle Bilder: Facebook/Deutsche AIDS-Hilfe


1 Kommentar

  1. Peter Haas

    Ja, ich kann es bezeugen: Rita Süssmuth hat in ihrer Zeit als Gesundheitsministerin der BRD auch die damalige „Österreichische AIDS-Hilfe” besucht, sich sehr aufmerksam angesehen und angehört, wie man der damals äußerst bedrohlichen Krankheit AIDS auch im nicht medizinischen Bereich und in allen sozialen Belangen begegnen kann bzw. muss. Gerade sie – Rita Süssmuth – hat die Arbeit der AIDS-Hilfe(n) sehr unterstützt, die länderübergreifende gute Zusammenarbeit der DAH mit der ÖAH, vor allem im Bereich der Prävention, fand ihre volle Unterstützung. Hut ab vor dieser wirklich engagierten Politikerin! (Y)


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