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Kehrtwende im Plakatstreit

DB lässt Werbung für "Homosexualität(en)"-Ausstellung zu

UPDATE (11.5.2016) Die Deutsche Bahn gibt ihre Bedenken auf: Das Plakat zur Ausstellung, das im vergangenen Jahr an allen Berliner Bahnhöfen hing, war zunächst abgelehnt worden – man fand es jetzt zu „sexistisch”.

Die Homosexualität(en)-Ausstellung, die im vergangenen Jahr mit großem Erfolg im Deutschen Historischen Museum und im Schwulen Museum* gezeigt (MÄNNER-Archiv) wurde, wandert nach Münster und wird diesen Donnerstag eröffnet. Vier Monate soll sie im Westfälischen Landesmuseum LWL für Kunst und Kultur gezeigt werden. Schon vorab sorgt sie für Wirbel: Denn die Deutsche Bahn möchte die Plakate für die Ausstellung nicht aufhängen.

„Auf dem Plakat ist das Körpermodifikationsprojekt ‘Advertisment: Hommage to Benglis’ aus der Serie ‘CUTS: A Traditional Sculpture’ des_der kanadischen Künstler_in Heather Cassils zu sehen, auf dem er_sie mit nacktem Oberkörper, Jockstrap, Brustwarzen-Piercing und rot bemalten Lippen abgebildet ist”, erklärt das Schwule Museum* heute in einer Pressemitteilung. „Zusammen mit seiner_ihrer Pose stellt das Projekt deutlich Geschlechternormen in Frage und repräsentiert damit verschiedene mögliche Formen von Sexualitäten und Geschlechtlichkeit.” Dieses Öffnen von Sexualitäten und Geschlechternormen sei eines der Ziele der Ausstellung „Homosexualität_en“, die von Birgit Bosold, Dorothée Brill und Detlef Weitz kuratiert wurde und von der Kulturstiftung des Bundes sowie der Kulturstiftung der Länder gefördert ist, heißt es weiter.

„Sexualisiert“ und „sexistisch“

Was verwundert: Das Plakat hing bereits 2015 zur Eröffnung der damals in Berlin erstmals gezeigten Doppelausstellung im Schwulen Museum* und dem Deutschen Historischen Museum in allen Bezirken und Straßen der Hauptstadt, inklusive sämtlichen Bahnhöfen, auch in der S-Bahn, die zur Deutschen Bahn gehört. Im Vorfeld der Ausstellungseröffnung in Münster hat das zuständige DB-Fachreferat Media & Buch veranlasst, das identische Plakatmotiv nicht in den regionalen Bahnhöfen aufzuhängen, da es – so teilt das Schwule Museum* mit – als „sexualisiertes“ und „sexistisches“ Bild den Richtlinien des Deutschen Werberates widersprechen würde. Warum ist nun plötzlich sexistisch, was im vergangenen Jahr offenbar niemanden gestört hat?

Das Plakat kann als ‘sexistisch’ interpretiert werden

Ein Sprecher der Bahn sagte gegenüber MÄNNER, man nehme bei ihren Kunden eine verschärfte Sensibilität wahr. Daher könne das Plakat, das der Sprecher „offenherzig” nannte, als „sexistisch” interpretiert werden. Als Erklärung verwies er auf die Vorkommnisse in der Silvesternacht, in der Hunderte Frauen am Kölner Hauptbahnhof von Männergruppen beraubt und belästigt worden waren – auch Vergewaltigungen wurden angezeigt. (Auch Bundesjustizminister Maas beruft sich bei seinen aktuellen Plänen, sexistische Werbung zu verbieten, auf die Vorkommnisse in Köln – MÄNNER-Archiv.)

Auf die Frage, ob man bei der Bahn vermehrt Beschwerden über allzu erotische Plakate höre, sagte der Bahnsprecher, es habe „an einigen Stellen Nachfragen gegeben”.

In der Pressemitteilung der Schwulen Museums* klingt das ganz anders: „Darauf angesprochen, warum die gleiche Werbung auf den bahneigenen S-Bahnhöfen in Berlin kein Problem war, erklärte die Deutsche Bahn, dass die Plakate damals ‘durchgerutscht’ seien und ihre Genehmigung im letzten Jahr ein Versehen seitens der Bahn gewesen sei.”
Austellung Münster

Ganz schön pink! (Foto: LWL zur Ausstellung Homosexualität(en))

Den Vorwurf, „dass dieses Kunstwerk von Cassils den Richtlinien des Deutschen Werberates widersprechen würde und das Motiv der_die Künstler_in also entweder ‘auf ihre Sexualität reduziere’, ihn_sie ‘durch ihre Nacktheit herabwürdige’ oder das Plakat an sich einen ‘pornographischen Charakter’ habe, wollen das Schwule Museum* und die Kuratoren jedenfalls nicht gelten lassen. Er sei „falsch” und „unangebracht”.

Ablehnung wegen geschlechtliche Uneindeutigkeit?

„Es hatte im Vorfeld der Berliner Ausstellungseröffnung bereits in der schwul-lesbischen Szene intensive Diskussionen zum Plakat gegeben”, teilt das Schwule Museum* weiter mit, „aber niemand hatte das Plakat je als „sexistisch“ abgelehnt. Vielmehr ging es darum, dass eine Trans*-Person nichts mit ‘normalen Schwulen und Lesben’ zu tun habe und lesbische und schwule Akteur_innen kritisierten, dass sie nicht richtig repräsentiert werden würden.” Man wolle zeigen, „dass die Diskriminierung von homosexuellen Menschen mit der Geschlechterordnung zu tun hat, die allen ungefragt eine geschlechtliche Identität zuweist und zugleich ein sexuelles Begehren, nämlich in Richtung des Gegengeschlechts“, so Birgit Bosold, Projektleiterin und Mit-Kuratorin der Ausstellung. Gegenüber MÄNNER äußerte Bosold die Vermutung, man habe das Plakat wegen der geschlechtlichen Uneindeutigkeit abgelehnt. Für sie liege der Knackpunkt darin, dass es sich beim Plakatmotiv um ein künstlerisches Werk handle. Und wenn ein solches abgelehnt werde: „Was kann man eigentlich noch zeigen?”

Vor dem Hintergrund des zu beobachtenden gesellschaftlichen Rollbacks und eines Erstarkens rechtskonservativer Kräfte ein fatales Signal

Interessant sei, dass die Deutsche Bahn generell kein Problem damit hat, körperbetonte Werbung – mit Nacktheit – mit heteronormativen Menschen zu zeigen, findet das Schwule Museum*. „Ein Bild, das offensichtlich heterosexuelle Normen in Frage stellt, wird dagegen ‘zensiert’ und der Öffentlichkeit als nicht zumutbar eingestuft. Während das Bild im öffentlichen Stadtbild Berlins zwar Aufmerksamkeit erregte, aber keinerlei Proteste. Dies ist, besonders vor dem Hintergrund des zu beobachtenden gesellschaftlichen Rollbacks und eines Erstarkens rechtskonservativer Kräfte ein fatales Signal.”

Die Ausstellungsmacher haben heute einen Offenen Brief an die Deutsche Bahn (PdF) verschickt, in der sie zum Dialog einladen. Darin heißt es: „Als Haus, das sich explizit den Auftrag gegeben hat, für die Akzeptanz von nichtheterosexuellen Lebensentwürfen und non-konformen Geschlechteridentitäten zu werben, ist es uns ein Anliegen, eine offene und öffentliche Diskussion darüber zu führen, dass und warum unser Plakat offenbar Unbehagen auslöst.”

Die Ausstellung „Homosexualität_en“ läuft vom 13. Mai bis 4. September 2016 im Museum für Kunst und Kultur in Münster

MÄNNER verlost 5 x 2 Tickets für die Ausstellung. Einfach mailen an: maenner-leserservice[ät]brunogmuender.com!

www.lwl-museum-kunst-kultur.de

Titelbild: LWL / CUTS: A Traditional Sculpture’ von Heather Cassils


8 Kommentare

  1. Kevin Clarke

    Wahrscheinlich wird dafür – als Ersatz – jetzt eure FB-Seite blockiert, weil ihr mit dem nackten Oberkörperfoto gegen die „Standards der Community” verstoßen habt. Die „Prüderie” der Deutschen Bahn in diesem Punkt ist ja eine direkte Fortsetzung der „Prüderie” von Facebook, dem App-Store etc. Es ist allerdings schön zu sehen, dass Protestieren sich lohnt und dass man erste Entscheidungen nicht einfach hinnehmen sollte, besoners wenn die Begründung so lächerlich ist. (Und wenn, wie hier, Kunst zensiert wird.)

  2. Kevin Clarke

    Ah, vorauseilende Selbstzensur ist natürlich auch großartig. (Nach den schlechten Erfahrungen der Vergangenheit verstehe ich das total; sicher hat der Motivprüfer bei der Bahn auch so gedacht und wollte auf Nummer sicher gehen.)


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