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Die innere Radikalisierung

Theater Aachen bringt „Die Radikalisierung Bradley Mannings“ auf die Bühne

Bradley Edward Manning, der 1987 geboren wurde und seit zwei Jahren als Chelsea Elizabeth Manning lebt, kam 2009 als Aufklärungsanalytiker für die US-Streitkräfte in den Irak. Im Mai 2010 wurde er verhaftet, weil er der Webseite WikiLeaks geheime Videos und Dokumente überlassen haben soll – darunter das später unter dem Titel „Collateral Murder“ veröffentlichte Video eines Hubschrauberangriffs, bei dem zwei Reporter der Nachrichtenagentur Reuters ums Leben kamen. 2012 folgte die Anklage wegen Spionage. Manning legte ein Geständnis ab und rechtfertigte seine Taten mit der „fehlgeleiteten Außenpolitik der USA“. Der spätere republikanische Präsidentschaftskandidat Mike Huckabee für die Wahl im kommenden November hatte neben anderen amerikanischen Politikern gar die Todesstrafe gefordert. Manning wurde zu 35 Jahren Haft verurteilt und sitzt seither im Militärgefängnis Fort Leavenworth, Kansas.

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Am Tag nach der Urteilsverkündung ließ Manning über seinen Anwalt verlautbaren, er fühle sich seit seiner Kindheit als Frau. (Davon erzählt er in obigem Podcast.)

Mit einer Hormonersatztherapie wolle er eine geschlechtsangleichende Maßnahme einleiten und fortan Chelsea Elizabeth Manning genannt werden. Die Namensänderung ist seit April 2014 rechtskräftig. Im Februar 2015 teilte ein Pentagonsprecher mit, dass die US-Armee die Erlaubnis zur Hormontherapie erteilt habe. (Trans*Menschen haben auch in Haft das Recht auf Geschlechtsanpassung, entschied Anfang der Woche ein österreichisches Gericht – MÄNNER-Archiv).

Bradley Manning wollte sich immer anpassen, hat immer versucht, nicht aufzufallen

Dass die Trans*Identität in einem Text mit dem Titel „Die Radikalisierung Bradley Mannings“ nicht vorkommt, verwundert. Tatsächlich wird sie in keiner Szene thematisiert, sagt Dominik Günther, der das Stück nun in Aachen inszeniert. „Ich beziehe die Radikalisierung aber nicht auf den WikiLeaks-Vorgang, sondern auf die Umwandlung, die er vornehmen möchte. Bradley Manning wollte sich immer anpassen, hat immer versucht, nicht aufzufallen. Und in dem Moment, da er zu 35 Jahren Haft verurteilt wird, beschließt er: ‚Jetzt höre ich nur noch auf mich.‘ Diese innere Radikalisierung ist das Spannende für mich“, so der freie Regisseur, dessen Arbeiten u. a. mit dem österreichischen Theaterpreis Stella ausgezeichnet wurden.

Radikale Entscheidung

Dieser Entschluss, sich nicht mehr für andere zu verstellen, endlich als die Frau zu leben, als die sich Manning immer schon fühlt, und zwar in einem US-Militärgefängnis ist eine Entscheidung, die radikaler nicht sein könnte.

Bradley Manning

Eine Journalistin hat Günther kürzlich gefragt, ob das Thema nicht viele Zuschauer anstößig finden könnten. „Aber wieso ist das anstößig? Und falls es das immer noch ist“, sagt der Regisseur, „dann muss man es erst recht am Theater machen.“

Manning ist nicht der egomane Freak oder Amokläufer, wie er in Amerika gerne dargestellt wird

Günther sieht Manning nicht als politisch radikalen Menschen. Er sei in erster Linie seinen moralischen Grundüberzeugungen gefolgt, weil er fand: Was da passiert ist, dürfe man nicht verheimlichen. Was ihn darüberhinaus von dem anderen berühmten Whistleblower, Julian Assange, unterscheide: „Manning wollte nicht in die Öffentlichkeit. Er ist eigentlich nur erwischt worden. Manning ist nicht der egomane Freak oder Amokläufer, wie er in Amerika gerne dargestellt wird.“

Der Protagonist des Stücks, sagt der Regisseur, sei vielmehr an seiner Wohlerzogenheit gescheitert. „Bradley Manning war zum Militär gegangen und hatte dort seine Grundausbildung gemacht, um sein Studium zu finanzieren. Doch dort hat er die Demütigung aufgrund seiner Homosexualität nicht ertragen.“

Überfallen und vergewaltigt

Eine Szene des Stücks zeigt, wie Manning beim Militär überfallen und vergewaltigt wird. Absurd, findet Günther, wie Homosexualität beim Militär einerseits abgelehnt wurde bzw. wird, während gleichzeitig Übergriffe stattfinden, die natürlich ganz klar etwas Homosexuelles haben. Manning wurde später ‚recycelt‘, wie es beim Militär heißt, und als Aufklärungsanalytiker im Irak stationiert.

Ich bin 1,59m, schmächtig und schwul – was soll ich beim Militär?

In der Aachener Produktion wird die Biographie Mannings nicht 1 zu 1 nacherzählt. Wir veranstalten kein „bierernstes Telekolleg“, sagt Günther. Der Abend ist auch mit viel Absurdität verbunden. Der walisische Autor Tim Price, der für sein Stück im Rahmen des Edinburgh Festival 2013 ausgezeichnet wurde, hat es für sechs Personen geschrieben. Neben Manning sind fünf Schauspieler auf der Bühne, die die Gesellschaft repräsentieren und für deren Monsterhaftigkeit stehen. Sie sind es, die Manning steuern. Wie der Vater etwa, der den Vorschlag macht, zum Militär zu gehen. Bradley entgegnet: „Ich bin 1,59, schmächtig und schwul – was soll ich beim Militär?“ Sein Vater: „Man muss Kompromisse machen im Leben.“

Die „Don’t ask, don’t tell”- Praxis, nach der es Soldaten verboten war, gleichgeschlechtliche Beziehungen in der Öffentlichkeit zu führen oder darüber zu reden, wurde erst im Juli 2011 endgültig im US-Militär verboten (MÄNNER-Archiv).

Am Freitag, den 27. Mai hat „Die Radikalisierung Bradley Mannings“ Premiere in der Kammer am Theater Aachen. Der Abend ist bereits ausverkauft.

Tickets: www.theateraachen.de

Fotos: Marie-Luise Manthei


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