Dildos für den Nahen Osten

Ägyptische Ärztin klärt in Sachen Sexualität über YouTube auf

Vorzeitiger Samenerguss, Erektionsstörungen, außerehelicher Sex – es gibt fast nichts, worüber Alyaa Gad nicht spricht. Seit 2010 dreht sie Aufklärungsvideos für die arabische Welt, betreibt einen eigenen YouTube-Kanal. „iUnderstand”, heißt ihr Programm.

„Ich bin die erste Frau im arabischen Raum, die am TV einen Dildo zeigt oder erklärt, wie man ein Kondom gebraucht“, erzählte die selbstbewusste Ärztin Alyaa Gad kürzlich dem Schweizer Tagesanzeiger. Ihre Mission ist es, die arabische Welt in Sachen Sex und Gesundheit aufzuklären – eben genau das, was die eigenen Regierungen verpasst haben. Weil Sex stark tabuisiert ist, sind Länder wie Ägypten, Saudi-Arabien, Pakistan und Marokko ganz vorne beim Porno-Konsum mit dabei. Was die Menschen über Sex wissen, haben sie meist aus Fickfilmchen. Und die haben meist mit der Realität nicht viel zu tun.

Sexuelle Aufklärung war in Ägypten nicht erwünscht

Vor 20 Jahren kam Gad nach Europa, lebt heute in der Schweiz, ist Mutter zweier Kinder. Sie begann früh, im Internet aktiv zu werden, beriet Menschen anfänglich über Chatrooms, später auf Facebook über Gesundheitsfragen. Immer wieder reiste sie nach Kairo, versuchte eine Sendung im TV zu platzieren. Doch sexuelle Aufklärung war dort nicht erwünscht. Dann entdeckte Gad YouTube für sich und wurde 2014 weltweit bekannt. Ihre Filme werden millionenfach geklickt, 85 % der Besucher ihrer Webseite www.iunderstand.tv sind Männer.

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Als Agnostikerin versucht sie in ihren Videos weniger, Religionskritik zu üben, als entlang der Wissenschaft zu argumentieren. Glaubensrichtungen spielen für sie keine Rolle, solange sie dem Wohl der Menschen dienen. So empfiehlt sie beispielsweise Trägerinnen der Hijab – der Tücher, die Kopf und Hals bedecken -, öfter in die Sonne zu gehen, da viele verschleierte Frauen unter einem Vitamin-D-Mangel litten und daher nicht ausreichend vor Krebs geschützt seien, ohne dabei generell das Tragen von Kopftüchern zu kritisieren. Ihre Botschaft an Männer lautet: Masturbation geht in Ordnung. Man werde weder blind noch verrückt davon.

In Ägypten wird sie beleidigt

Die meisten Klicks kommen aus Marokko, Saudi-Arabien, dem Irak und Ägypten. Aufgrund ihres wachsenden Bekanntheitsgrads kann sie selbst jedoch nicht mehr in diese Länder reisen. Sie wird bedroht, belästigt, beleidigt. Außerdem unterstellt man ihr, von Israel finanziert zu werden, als Teil einer anti-arabischen Kampagne. Lediglich in Bahrain fühlt sich die engagierte Ärztin noch sicher, arbeitet dort mit den medizinischen Universitäten und mit Professorinnen aus Saudi-Arabien zusammen, um mit den Golfstaaten Gesundheitsprojekte zu fördern und zu bewerben.

Über sexuelle Minderheiten äußert sie sich nur auf Twitter

Da Homosexualität in arabischen Ländern stark tabuisiert ist und zum Teil mit Gefängnis oder dem Tod bestraft wird, hat Gad es bislang nicht gewagt, auf YouTube über die Belange von Schwulen und Lesben zu sprechen. Nur auf Twitter fühlt sie sich sicher genug, um über sexuelle Minderheiten zu schreiben. „Auch sie sind von Gott geschaffen und gewollt“, heißt es dort beispielsweise. Möge sich diese Botschaft verbreiten und bei den Menschen ankommen, denn in Ägypten werden Schwulenbars von der Geheimpolizei kontrolliert, Dating-Portale überwacht, und Razzien sind an der Tagesordnung (MÄNNER-Archiv).

Ich habe einen Traum

Finanziert werden ihre Videos von ihr selbst, die Produktion zahlt sie aus eigener Tasche – nur mit Werbeeinblendungen verdient sie ein bisschen Geld. „Nennt mich verrückt”, sagt sie, „aber ich habe seit 20 Jahren diesen Traum, und nichts kann mich mehr aufhalten. Ich möchte den Menschen helfen.” Und das klappt offenbar recht gut. „Man hat mir schon erzählt, dass meine Videos Ehe gerettet haben – und manchmal sogar Leben!”

Titelbild: Screenshot


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