man praying on the Bible selective focus

Homosexualität als „Lösungsversuch“

Was ein Schweizer Freikirchler von gleichgeschlechtlicher Liebe hält

In Leipzig geht heute der 100. Katholikentag mit einem großen Abschlussgottesdienst zu Ende. In Gesprächsrunden wurden in den vergangenen vier Tagen u. a. um Themen wie „Lesbischwule Gottesdienstgemeinschaften als Basismodell“ und „Transsexualität im Spannungsfeld von Glaube und Bibel“ besprochen. Veranstaltungen, zu denen die Ökumenischen Arbeitsgruppe Homosexuelle und Kirche (HuK) geladen hat. Die HuK ist seit Ende der 90er Jahre auf Kirchentagen vertreten.  Nach Angaben von Sprecher Markus Gutfleisch sind die Besucher gegenüber Homosexuellen immer sehr offen.

Diese Offenheit ist in der Amtskirche oft nicht anzutreffen. Darum forderte Jesuitenpater Klaus Mertes in der verangenen Woche von allen Katholiken mehr Einsatz für die Rechte von Homosexuellen (MÄNNER-Archiv). Homos und Heteros müssten gemeinsam dafür kämpfen, dass die defizitäre Sicht der Kirche auf Schwule und Lesben aufgegeben werde.

Die meisten Schwulen würden einen anderen Lebensstil wählen, wenn sie könnten

Auch in den Freikirchen ist da noch viel zu tun, wie man vor ein paar Tagen am Vortrag Rolf Rietmanns in der Chrischonagemeinde Chile Grüze in Winterthur sah. Der freikirchliche Theologe, Sexualberater und Leiter der Beratungsstelle Wüstenstrom in Pfäffikon im Kanton Schwyz glaubt: „Die meisten Schwulen würden einen anderen Lebensstil wählen, wenn sie könnten.“ Rietmann sagt, er sei selber als Kind missbraucht worden, sei schwul gewesen und dazu stark pornosüchtig. Heute ist mit einer Frau verheiratet und Vater zweier Kinder. Zwar sehe er immer noch gerne schöne Männer an, habe aber keine sexuellen Gefühle dabei.

Zu den zweifelhaften Botschaften Rietmanns gehört, dass Gewalt in homosexuellen Beziehungen ein „Riesenthema“ und: Homosexualität  eigentlich „der Lösungsversuch einer tiefer liegenden Sehnsucht“ sei. Darum behandele er nicht Homosexualität an sich, sondern arbeite an Lebensthemen – dann ändere sich oft die Einstellung.

Homoheilung

Rolf Rietmann (Foto: idea.de)

Unsägliches Leid für Homosexuelle

Bastian Baumann, Geschäfts­leiter von Pink Cross, der Dachorganisation der Schweizer Schwulengruppen, sagte dazu gegenüber dem Landboten: Religion werde oft missbraucht, um andere zu beeinflussen oder zu unterdrücken. „In Gottes Namen wird allerlei behauptet, ohne dass sich dieser dazu äußern könnte. Ich bin der Überzeugung: Wenn einer eine Linie zieht, um andere auszugrenzen, dann würde sich Jesus auf die Seite jener stellen, die ausgegrenzt werden.“

Grausame Heilungsgeschichten

Rietmann, der Homosexualität als etwas darstelle, das man behandeln könne und müsse, löse „unsägliches Leid aus bei jenen Menschen, die er anspricht“. Diese hätten Schwierigkeiten, weil sie nicht der Norm entsprächen, und bräuchten Unterstützung. Doch stattdessen werde ihnen vermittelt, sie müssten sich verändern. Rietmanns Heilungs­geschichten seien deshalb „etwas vom Grausamsten, was die Freikirchen in der Schweiz hervorbringen, und sie basieren auf der falschen Annahme, dass man sich die Sexualität aussuchen könne“, so Baumann. Obwohl die Weltgesundheitsorganisation Homosexualität seit 1992 nicht mehr als Krankheit betrachtet, bieten deutsche Ärzte Umpolungstherapien für Homosexuelle an (MÄNNER-Archiv).

Entweder ich bin fromm, ‚asexuell‘ und psychoneurotisch – oder ich mein Schwulsein und bin psychisch gesund

„Heiler“ von Wüstenstrom sowie „Geheilte“ werden gerne von den Veranstaltern der Demos für alle als Zeugen dafür geladen, dass man den richtigen Weg einschlagen kann, wenn man seine Homosexualität unterdrückt. Günter Baum, der eine frühere Wüstenstrom-Organisation gegründet hat, kehrte nach einer Zeit der Enthaltsamkeit wieder zu einem offen homosexuellen Leben zurück. Schon 2000 erklärte er der Basler Zeitung: „Entweder ich bin fromm, ‚asexuell‘ und psychoneurotisch oder ich lebe als Christ mein Schwulsein und bin psychisch gesund.“ Baum engagiert sich heute bei der Lesbischen und Schwulen Basiskirche in Basel.

Foto: Fotolia


9 Kommentare

  1. Felix Stent

    … das einzige problem daran ist, das die „freikirchler“ leider nichts dazulernen werden, fundis bleiben fundis …! … ich war selbst in meinen jungen jahren teil eines solchen „vereines“ und weiß leider, das das so ist …!


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