Gay Rights Movement

IDAHOT vorbei – und jetzt?

Was bleibt vom Internationalen Tag gegen Homophobie und Transphobie?

Gestern wurde weltweit der Internationale Tag gegen Homophobie und Transphobie (IDAHOT) begangen. Luftballons stiegen in die Luft, Aktivisten gaben Interviews, Politiker hielten Sonntagsreden. Gehen wir jetzt wieder zur Tagesordnung über?

Homophobie

Über 2.300 mal auf Facebook geteilt – Grafik des ARD-Hörfunkprogramms WDR2

Eine Mehrheit von rund 60 % MÄNNER-Lesern sagt in einer aktuellen Umfrage, Homo- und Transphobie nähme zu. Nur jeder vierte User glaubt, das Phänomen habe sich in den vergangenen Jahren nicht verändert – weder zum guten noch zum schlechten. Sicher, diese Umfrage gibt nur das Sicherheitsgefühl in der LGBTI-Gemeinde wieder. Aber die Fakten sprechen dieselbe Sprache: 220 Straftaten soll es im Zusammenhang mit sexueller Orientierung 2015 gegeben haben, das jedenfalls berichtete Ole Schröder, Staatssekretär im Bundesinnenministerium auf eine Anfrage von Volker Beck (Grüne). Diese Zahl verwundert, schließlich zählte allein das schwule Anti-Gewalt-Projekt aus Berlin, Maneo, alleine für die Hauptstadt 259 Straftaten mit trans- oder homophobem Hintergrund. Maneo-Leiter Bastian Finke sagte gestern im Tagesschau-Interview, schwulenfeindliche Gewalt trete vor allem dort auf, wo schwule Männer für die Öffentlichkeit sichtbar werden. Die Dunkelziffer hält Finke für viel höher, als es öffentliche Zahlen dokumentieren. Der deutschen Politik warf er mangelndes Problembewusstsein vor.

Die Bundesregierung interessiert sich nicht für unsere Belange

Immerhin, auf Facebook wurde eine Grafik verbreitet: „Wir [die Bundesregierung] sagen Nein zu Homophobie!“ Ach so? In dieser Grafik vielleicht, aber nicht gemessen an politischen Entscheidungen und Veränderungen. Schwule und lesbische Paare dürfen in Deutschland immer noch nicht heiraten und auch nicht gemeinsam Kinder adoptieren. Weil man das „Kindeswohl“ nicht gewährleistet sieht, wenn Kinder beispielsweise bei zwei Vätern aufwachsen. Wenn das nicht homophob ist – was dann? Wenn das Bundesinnenministerium von 220 Straftaten mit trans- oder homophobem Hintergrund bundesweit spricht und dabei noch nicht mal alle Fälle aus der Hauptstadt erfasst hat – wie soll diese Botschaft anders in der LGBTI-Gemeinde ankommen als so: Die Bundesregierung interessiert sich nicht für unsere Belange.

Homophobie

Foto: Facebook (Bundesregierung)

Das trifft vor allem auf die Kanzlerin zu. Von ihr hörte man gestern nichts (einzig SPD-Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig sprach sich in einer Videobotschaft gegen Diskriminierung aus), während Großbritanniens – ebenfalls konservativer – Regierungschef David Cameron deutliche Worte fand: „Gemeinsam sollten wir stolz sein, in einem Land zu leben, das zu den besten in Europa gehört, wenn man schwul, lesbisch, bi oder trans ist.“ Da Malta und Belgien zuletzt LGBTI-freundliche Gesetze verabschiedet haben, die sogar Großbritannien noch in den Schatten stellen, fügt Cameron hinzu: „Ich will zurück auf den Spitzenplatz!“ Nicht weniger als „die Welt ändern“ in Bezug auf mehr LGBTI-Rechte wolle er, fügte der Politiker hinzu.

Mit Kanzlerinnen-Kritik allein ist es nicht getan

Was die Kanzlerin will, wissen wir – wie so oft – nicht. Wir haben um eine Stellungnahme gebeten, ob ihr der IDAHOT nicht wichtig genug ist oder ob sie ihn einfach verschlafen hat.

Mit Kanzlerinnen-Kritik allein ist es übrigens am Tag danach nicht getan. Das ARD-Polit-Magazin „Monitor“ wandte sich gestern bei Facebook an die traditionell homo-freundliche Partei Bündnis 90/Die Grünen mit der Frage, wie man einerseits Schwulenverfolgung anprangern und gleichzeitig im Bundesrat die Maghreb-Staaten als sichere Herkunftsstaaten (MÄNNER-Archiv) einstufen könne. Die Neuregelung war in der vergangenen Woche von CDU und SPD im Bundestag beschlossen worden – im Juni muss noch der Bundesrat zustimmen. Die grün-schwarze Koalition in Baden-Württemberg will dann für die Ausweitung auf Tunesien, Marokko und Algerien stimmen, sofern keine verfassungsrechtlichen Hürden dagegensprechen. In der langen Liste der Facebook-Kommentare hat sich dazu noch kein prominentes Grünen-Mitglied geäußert.

Homophobie

Titelbild: Fotolia


2 Kommentare

  1. Ralph Hoffmann

    Richtiger Kommentar.

    Zwei Anmerkungen dazu:

    1) Das schlimmste sind die Homophoben in den eigenen Reihen, sei es bei der AfD, sei es gewisse „Freischaffende“…

    2) Von den prominenten Grünen wir da nichts zur Aussage von Monitor kommen, denn die wissen ganz genau, dass Monitor mit seinem Vorwurf recht hat. Aber man hat einfach Angst vor dem neuen Kretschmann-Kurs, der längst bundesweit gilt, dass man nicht mehr „geliebt“ wird und die geliebten Mandate verliert.


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