Seht, da ist der Regenbogen-Jesus

So bunt ist der Dom in Visby (Gotland)

Möwen kreisen über dem kleinen Hafen und begrüßen die ankommenden Gäste. Gotland, das ist für Schweden die nächstgelegene Urlaubsinsel. Inklusive Fährfahrt liegt sie nur vier Stunden von Stockholm entfernt. Eine Oase, in der es Ende Mai noch ruhig zugeht. Es fühlt sich an wie die Ruhe vor dem Sturm, denn bald beginnt die Hochsaison. Dann strömen Tausende Touristen auf die Insel. Erster Stop: Der Hauptort Visby.

Wer die mittelalterlichen Kopfsteinpflaster-Gassen entlanggeht, fühlt sich einige Jahrhunderte zurückversetzt. Die Stadt hat ihren alten Aufbau bewahrt, inklusive der 3,6 Kilometer langen Stadtmauer, welche noch fast vollständig erhalten ist.

Je zerstörter die Kirchen, desto bunter der Dom

Weniger intakt sind die vielen Kirchen in Visby. Sie erinnern als Ruinen an die ärmeren Zeiten auf der Insel, als ihre Steine für neue Wohnhäuser gebraucht wurden. Einige waren nach der Reformation ohnehin unnütz geworden. Die ganze Stadt ist übersät mit den Ruinen, die das Stadtbild prägen.

Übrig geblieben ist nur der Dom zu Visby. Wer die Basilika, deren Grundstein im 12. Jahrhundert gelegt wurde, betritt, der wird von einem dunklen Kirchenraum eingenommen. Die goldenen Kronleuchter sorgen nur für ein wenig Licht, bunte Fenster sorgen für eine sakrale Stimmung.

Var inte rädd – Hab keine Angst!

Schon auf den ersten Blick fällt ein besonders helles Bild auf. Darauf: Jesus Christus, im Stil einer russischen Ikone dargestellt. Wer näher herantritt, der sieht das offene Buch, das er trägt, und in dem „var inte rädd”, also „hab keine Angst”, steht. Über dem Buch trägt Jesus, der Sohn Gottes, einen Regenbogen.

Eine Liebe, von Gott gegeben

Unter der Ikone ein Regenbogen-Teppich, darauf ein Tisch mit Kerzen, die im Sand stecken. Ein Schild erklärt, was es mit der Farbenfreude auf sich hat: Dass Homo- und Bisexuelle doppelt so oft versuchen, Selbstmord zu begehen als Heterosexuelle. Dass jeder Fünfte 16-25-Jährige physische Gewalt in der Familie erlebt hat.

Und, dass es für die Schwedische (lutherische) Kirche „selbstverständlich” sei, „das Recht der Menschen auf ein Liebesleben, das von Gott gegeben und nicht von menschlichen Normen, Ängsten und Tabus diktiert wird, zu akzeptieren”. (In Schweden nehmen sogar Bischöfe an Pride-Paraden teil, auch wenn das nicht jedem gefällt – MÄNNER-Archiv.)

 Gott ist geschlechtsblind, wenn es um Liebe geht

Um die Botschaft des Evangeliums – „du darfst sein, wer du bist” – weiterzutragen, liegen bei diesem Regenbogen-Altar Karten mit dem Jesus-Motiv aus. „Stolzer Jesus” heißt das Bild, das 2013 in Zusammenarbeit mit Gotlands Pride entstanden ist. Sie ist „eine Erinnerung für alle, dass Gott geschlechtsblind ist, wenn es um Liebe geht, und dass er deshalb einen bunten Regenbogen über den Himmel gespannt hat.”

Ein Pride-Jesus. In einer Stadt mit weniger als 25.000 Einwohnern. Wie viele Päpste und Bischöfe sich da wohl im Grab umdrehen würden?

Fotos: Fabian Schäfer


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