Jean Mattern

Schwarzer September

Jean Matterns "September" ist Matthias Frings' Buch des Monats. Lesen!

 

Leser mit großem literarischen Herzen sind mir immer die Liebsten gewesen. Warum sich freiwillig auf eine Gattung, eine Epoche, einen Stil beschränken? Die belletristische Speisekarte ist viel zu reichhaltig, man isst ja auch nicht jeden Tag dasselbe. Manchmal muss es eben Artischocke sein, ein andermal Grünkohl.
Und von wegen „Unterhaltung“ versus „ernste“ Literatur: Was für ein Quatsch! Als gäbe es nicht brillante Unterhaltung ebenso wie blutleeres Literaturtrara. Ist doch herrlich, nach einem anspruchsvollen literarischen Brocken in einem bewegenden Liebesroman zu schwelgen.
In Jean Matterns „September“ sind es der BBC-Reporter Sebastian und der New Yorker Journalist Sam, die sich ineinander verlieben. Beide werden 1972 von ihrer jeweiligen Redaktion zur den Olympischen Spielen nach München geschickt. Es braucht nicht viel mehr als einen tiefen Blick bei einem Maß Bier, damit Sebastian sich auf eine leicht beunruhigende Art in den dunklen, intensiven Sam verguckt.
Gute Liebesromane benötigen stets einen starken zweiten Handlungsstrang, um nicht im Zuckerguss zu ersticken. Und eine starke Geschichte, eine schreckliche dazu, hat Mattern parat. Der 5. September 1972 war der Tag, an dem die Bundesrepublik in punkto Terror ihre Unschuld verlor: Mitglieder des palästinensischen Kommandos „Schwarzer September“ nehmen 11 Sportler der israelischen Mannschaft als Geisel, die bayrische Polizei erweist sich als erschreckend unbedarft, und schließlich haben 17 Menschen ihr Leben verloren. Unglaublich, aber wahr: All dies ist live im Fernsehen zu verfolgen.
Das gesamte Geschehen wird aus der Perspektive des Engländers Sebastian erzählt, der Zuhause zwar Frau und Kind hat, sich aber angesichts des geheimnisvollen Sams mit pochendem Herz fragt, was hier eigentlich läuft. „Das, wofür wir uns entscheiden“, antwortet der amerikanische Kollege schlicht.
Zu Beginn machen die damals so getauften „heiteren Spiele“ ihrem Namen alle Ehre. Gemeinsam interviewen Sam und Sebastian den attraktiven Superstar der Spiele, den schwimmenden Schnauzbart Mark Spitz. Auch sonst kommen sie sich näher. Doch dann bricht die Katastrophe der Geiselnahme herein.
„September“ ist präzise recherchiert, spannend aufbereitet und der Roman begeht nicht den Fehler, die tragischen Ereignisse ausschließlich als billige Kulisse für seine Geschichte zu missbrauchen. Er entwickelt einen ganz eigenen Sog, weil die aufkeimende Liebe der beiden Männer wegen der jeweils aktuellen Ereignisse immer wieder aufgeschoben werden muss. Darüber hinaus nutzt Mattern den Konflikt, der sich in einer solch existenziellen Situation zwischen einem Juden und einem Nichtjuden ergibt. Das ist gut gemacht, eine geschickt komponiertes Nachdenken über die Leidenschaft in Gedanken, die Liebe im Konditional. Es ist wohl etwas dran, dass die Vorstellungskraft manchmal größer ist als die Lust selbst. Dieser Roman jedenfalls bietet dafür ein konzentriertes und diskretes Beispiel.

Text: Matthias Frings, Bild: Fischer Verlag/David Ignaszewski-Koboy

SEPTEMBER, Jean Mattern, Berlin Verlag, 116 Seiten, 18 Euro

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