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25 Jahre Knastarbeit

HIV/AIDS, Diskriminierung und Ausgrenzung machen nicht am Gefängnistor halt

„Wenn Diskriminierung und Gewalt schon außerhalb der Gefängnismauern keine Seltenheit sind, dann nimmt nicht wunder, dass die geschlossene Gesellschaft der Haftanstalt zum Brennpunkt wird“, schreibt die frühere Justizministerin Beate Zypries (SPD) in ihrem Grußwort zum 25. Jubiläum der AG Knast. „Auf engstem Raum treffen dort Menschen aufeinander, die sich sonst nicht unbedingt begegnet wären – oder sich sogar gemieden hätten. Konfrontation ist unausweichlich und der Zusammenprall mitunter fast logische Folge.“ (In der Freiburger JVA brach im Mai 2015 ein Hungerstreik aus, der sich gegen den schwulen Koch wandte – MÄNNER-Archiv).

400 Betreuungsstunden pro Jahr

25 Jahre ist es mittlerweile her, dass der erste schwule inhaftierte Mann Besuch vom Berliner Informations- und Beratungszentrum für Schwule, Mann-O-Meter, bekam. Heute besteht die „AG Haft“ aus neun Mitarbeitern und dem hauptamtlichen Leiter, Marcus Behrens. Die Zusammenarbeit mit den Haftanstalten hat sich in den vergangenen Jahren wesentlich verbessert. Die Vollzugshelfer leisten in den Haftanstalten unter schwierigen Bedingungen unterstützende Beziehungsarbeit für schwule, bisexuelle und andere queere Männer. Etwa 400 Betreuungsstunden leisten sie insgesamt pro Jahr.

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JVA Tegel (Foto: Polizei Berlin)

Der Regierende Bürgermeister von Berlin, Michael Müller (SPD) würdigte die Arbeit der AG Haft als „sehr verdienstvoll“, die die Mitarbeiter „mit großer Kompetenz und viel Engagement“ leisten – ein wichtiger Beitrag „zu menschenwürdigen Haftbedingungen und einer erfolgreichen Resozialisierung.“ Denn: „Auch homosexuelle Straftäter haben Anspruch auf Aufklärung, Solidarität und Schutz. […] HIV/AIDS, Diskriminierung und Ausgrenzung machen nicht am Gefängnistor halt.“

Berlin ist eine Stadt der Vielfalt, aber es gibt noch viel zu tun

Der Berliner Senat fördert die Arbeit der AG Haft im aktuellen Haushalt mit 36.000 Euro im Jahr, was einer Verdreifachung seit 2011 entspricht. Darauf wies Alexander Straßmeir (CDU) bei der Jubiläumsfeier „25 Jahre AG Haft bei Mann-O-Meter“ im Rathaus Schöneberg hin. Der Staatssekretär in der Berliner Senatsverwaltung für Justiz und Verbraucherschutz beklagte, dass Homo- und Transphobie immer noch vorkämen. „Dem begegnen wir mit stetigen Fortbildungsmaßnahmen. Berlin ist eine Stadt der Vielfalt, aber es gibt noch viel zu tun, auch außerhalb von Berlin.“ Straßmeir wies daraufhin, dass es nur in der Hauptstadt einen LGBTI-Ansprechpartner im Strafvollzug gebe. Selbst andere europäische Städte seien noch nicht so weit.

Berlin hat rund 3800 Haftplätze. Wenn man nach dem Anteil von Homosexuellen in der Gesellschaft – 5 bis 10 % -, so müssten 200 bis 300 Menschen im Vollzug schwul oder bi sein. Wie schwer man es dort haben kann, erzählt der 48-jährige Rolf. Er sitzt wegen Betrugs ein. „Ich bin inhaftiert worden, da hatten die Handys noch Tasten“, sagt er. Seine Haftbedingungen sind mittlerweilse gelockert, deshalb darf er an der Jubiläumsfeier teilnehmen.

Wenn man neu in den Knast kommt und niemanden kennt, dann willst du einfach mal mit jemandem sprechen, dem du nichts erklären musst

„Wenn man neu in den Knast kommt, niemanden kennt und vielleicht auch Freunde verlierst, dann willst du einfach mal mit jemandem sprechen, dem du nichts erklären musst: Was ist schwul, wie funktioniert das usw. – da ist Mann-O-Meter prädestiniert.“

Er selber hat nur manchmal beim schwulen Hilfsprojekt angerufen, als selbstbewusster, offener Schwuler kam er ansonsten recht gut klar. Zumal er eine Zeit lang Chefredakteur der Knast-Zeitschrift der lichtblick war. Damals hat er auch in den Texten Homosexualität thematisiert. Außerdem kamen hin und wieder schwule Häftlinge zu ihm und baten um Rat.

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Rolf (48): „Der Buschfunk im Knast funktioniert einwandfrei.“

Da kommt es regelmäßig zu Gewalt, verbal und vor allem körperlich

So verhältnismäßig unbehelligt wie Rolf im Knast lebt, sind die meisten leider nicht. „Wenn jemand schwul ist, spricht sich das schnell rum. Der Buschfunk funktioniert einwandfrei. Wenn du als Schwuler unbeliebt bist und vielleicht auch ein bisschen feminin auftrittst – was glaubst du, was morgens passiert, wenn alle auf dem Weg von ihrer Zelle zu ihrer Arbeit sind. Es ist ein großes Gelände – und auf dem Hof steht nur an drei Stellen Wachpersonal. Da kommt es regelmäßig zu Gewalt, verbal und vor allem körperlich.“

Gefährliches Pflaster für schwule Häftlinge

Natürlich kommt es vor, erzählt Rolf, dass heterosexuelle Häftlinge in die Zelle von schwulen Häftlingen kommen und sagen, sie würden gerne mal mit einem Mann schlafen. Aber: Das dürfe man keinem erzählen. „Und wenn er die Zelle wieder verlässt, pumpt er sich für die anderen auf und brüllt irgendwas Schwulenfeindliches – das ist generell ein gefährliches Pflaster.“

Hetero bleiben – um durchzuhalten

Es gebe viele Schwule in Tegel, die sich verstecken. „Die lernen eine ganz neue Legende auswendig, wer sie sind und wo sie herkommen, damit sie sich nicht verraten, wenn sie mit unterschiedlichen Leuten sprechen. Das ist der Horror!“ Er selber habe schon einigen Schwulen geraten, offiziell hetero zu bleiben, wenn sie es durchstehen können. „Es ist schlimm, sowas als Schwuler einem anderen zu sagen, das tut enorm weh“, sagt Rolf. „Aber um nicht Zielscheibe für körperliche Attacken zu werden, ist das wichtig.“

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Den ehrenamtlichen Helfern wird ausdrücklich für ihre Arbeit gedankt (Foto: Kriss Rudolph)

Wenn ein schwuler Häftling Redebedarf hat, sei es, weil man ihn mobbt oder weil er seine Schwärmereien für einen Mithäftling jemandem mitteilen will, kann er mit einem der ehrenamtlichen Mitarbeiter der AG Haft reden. Lars hat das lange gemacht und darüber seinen Beruf gefunden. Heute ist er Sozialarbeiter und arbeitet als Gruppenleiter in der Justizvollzuganstalt Tegel. Er erzählt, dass bei Mann-O-Meter „die Auswahl des Inhaftierten für den Vollzugshelfer sehr gründlich durchdacht und somit das Risiko, dass etwas passiert, gemindert wird“. Weil die Ehrenamtlichen nicht im Detail wissen, warum das Gegenüber im Gefängnis sitzt,  „gibt es dem Inhaftierten die Möglichkeit, sich anderes zu öffnen, da er davon ausgehen kann, einen vorurteilsfreien Vollzugshelfer vor sich zu haben. Das stärkt das Vertrauen in der gegenseitigen Beziehung und ist vielleicht ein weiterer Punkt dafür, wie wichtig die Arbeit des Vollzugshelfers ist.“

Abwechslung zum Knallalltag

Timo fängt gerade erst mit der ehrenamtlichen Arbeit an, nachdem er sein Studium der Kultur- und Sozialanthropologie abgeschlossen hat. Noch war er nicht im Knast. Er durchläuft momentan die Vorbeitungsphase, die vor allem auf dem Erfahrungsaustausch mit den anderen Ehrenamtlichen basiert. „Im Plenum erzählt jeder einzelne von seinem letzten Treffen. Das nimmt mir auch ein bisschen die Aufregung.“

Er hofft einerseits, mit seinen Besuchen den Inhaftierten Abwechslung zum Knallalltag bieten und einen Bezug nach außen herstellen zu können. „Ich werde durch diese Erfahrung auch bereichert, der andere soll sich ja nicht als Opfer fühlen.“

Im Jugendstrafvollzug ist es so homophob, da kocht es. Da outet sich keiner. Dagegen ist der Erwachsenenvollzug ein Ponyhof!

Der Diplompsychologe Marcus Behrens leitet die AG Haft seit 20 Jahren, ist Mitglied im Berliner Vollzugsbeirat und zudem freier Mitarbeiter der Vermittlungsstelle für externe Psychotherapie. Was er sich für die nächsten 25 Jahre wünscht? „Ich hoffe, dass die, die sich heute noch verstecken, in 25 Jahren mehr Selbstbewusstsein haben. Wir hören oft quasi im Vorbeigehen von Opfererfahrungen, die aber nicht die Opfer selber melden, weil das einem Coming-out gleichkäme.“

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Leitet die AG Haft seit 20 Jahren: Marcus Behrens (Foto: Kriss Rudolph)

Behrens hofft erreichen zu können, dass die Bediensteten im Knast schneller reagieren, wenn jemand „schwule Sau“ sagt.  Das passiere schon in Teilen, aber nicht durchgängig. Als besonders groß gelten die Herausforderungen im Jugendstrafvollzug, wo die Situation extrem schwierig sei. „Da ist es so homophob, da kocht es. Darum lassen sich auch einige in den Erwachsenenvollzug verlegen. Als schwuler Mann unter lauter jungen Testosteron-geschwängerten Männer? Da outet sich keiner. Das Pflaster ist zu heiß. Dagegen ist der Erwachsenenvollzug ein Ponyhof!“, sagt Behrens.

Wieso müssen schwule Männer in Haft eine Extra-Bedienung bekommen?

Auch außerhalb der Gefängnismauern muss noch einiges an Aufklärungsarbeit geleistet werden, wie Marcus Behrens erzählt. Die einen fragen: Wieso müssen schwule Männer in Haft eine Extra-Bedienung bekommen? Überhaupt: Was wollt Ihr denn noch: Ihr hattet einen schwulen Bürgermeister und Ihr dürft doch jetzt heiraten!“

Letzteres ist bekanntlich Quatsch. Genau wie diese Nachfrage, die Behrens manchmal hört, wenn er draußen von seiner Arbeit erzählt oder Unterstützung sucht: „Wieso kommen Schwule eigentlich in Haft – die sind doch immer so nett?“

Titelbild: Fotolia


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