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„Schwule Jungs kümmern mich nicht”

Bruce LaBruce im Gespräch über deutschen Sex, Feminismus und seinen neuen Film "The Misandrist“

Bruce LaBruce ist das Enfant Terrible des internationalen, queeren Indiefilms und mag es, mit seinen Arbeiten zu provozieren. Er stellt sich künstlerisch immer wieder sozialen Tabus und macht dabei Skinheads, blutige Leichen oder Männer im hohen Rentenalter zu Objekten der Lust für seine Zuschauer. Kürzlich hat er seinen neuesten Film, „The Misandrists“, abgedreht. Darin erzählt er davon, wie eine Gruppe radikaler feministischer Terroristen versucht, das Patriarchat und mit ihm die herrschende Weltordnung zu beseitigen und ein neues Zeitalter weiblicher Dominanz auszurufen. „The Misandrists“ ist ein Prequel zu LaBruce größtem Skandal. Der hieß „The Raspberry Reich“. Story: Eine ostdeutsche Domina führt eine revolutionäre Gruppe an, die Heterosexualität für eine konstruierte soziale Norm hält, die nur dafür benutzt wird, um die natürlichen, multisexuellen Triebe einer jeden Gesellschaft zu unterdrücken. Der Film war deutlich von Baader-Meinhof inspiriert, enthielt Hardcore-Sexszenen und war eine wunderbare Komödie. MÄNNER-Autor Mike Miksche hat LaBruce getroffen und sich für uns mit ihm über schwule Frauenfeindlichkeit, political correctness und deutsche Sexualität unterhalten.    

Wie führen die Ereignisse im neuen Film zur homosexuellen Revolution die in „The Raspberry Reich“ gezeigt wird?
La Bruce: Es ist nicht wirklich ein Prequel, eher eine Art Fortsetzung. Eine Art Gegenstück zu „The Raspberry Reich“. Der Film war die Geschichte einer homosexuellen Revolution, die von einer heterosexuellen Frau, Gudrun, angeführt wird, die glaubt, der einzige Weg die sexuelle Revolution wirklich herbeizuführen, sei eine homosexuelle Revolution. Sie zwingt ihre heterosexuellen, männlichen Gefolgsleute, schwulen Sex miteinander zu haben, um zu beweisen, wie sehr sie sich der revolutionären Idee verbunden fühlen. Nachdem der Film draußen war, haben sich aber viele meiner lesbischen Freundinnen und Leute im Internet darüber beschwert, dass es offensichtlich keinen lesbischen, revolutionären Sex in dem Film gibt.

Warum ist Feminismus als schwuler Mann so wichtig für Sie?
Nun, in den Achtzigern waren alle meine engen Freunde und Mitstreiter Frauen, die sexuell anders gepolt waren. Wir waren immer entsetzt und sehr enttäuscht über die Frauenfeindlichkeit im Mainstream der schwulen Kultur. Das Lesben und Schwule ständig gegenüber- und gegeneinander gestellt wurden, das diese Welten nie zueinander fanden. Ein bisschen zwar, aber nie wirklich. Es gab eine paar wirklich gute, lesbische Biker-Parties in Toronto damals. Aber nur die echt coolen, queeren Jungs gingen dahin, das waren sehr wenige. Es ist mir schon damals klargeworden, dass die Schwulenbewegung zum größten Teil eine weiße, sehr schwule Veranstaltung der oberen Mittelklasse ist, und dass das auch die Gesellschaftsschicht ist, in der das Patriarchat am besten Fuß gefasst hat. Und das Patriarchat ist ja auch nichts weiter als ein Haufen Rassismus, Sexismus und selbstverständliche Privilegien, die sich aus der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Rasse und Gesellschaftsschicht ergeben.

Warum, glauben Sie, ist die schwule Community oft so frauenfeindlich?
Ich glaube, das ist oft einfach Angst vor der eigenen, femininen Seite, wenn man denn ein Mann ist. Feminine Männer werden ja fast überall gehasst. Seine Homosexualität zu akzeptieren, heißt in bestimmten Teilen des Westens heute auch, sich einem bestimmten Bild von männlichem Verhalten zu unterwerfen. Die sehr queeren oder sehr femininen Männer, und natürlich auch Frauen die sich sehr „männlich” verhalten, werden nach wie vor ausgeschlossen und permanent in Frage gestellt. Es ist also zum Teil die Unfähigkeit, sich mit seiner weiblichen Seite zu versöhnen und zu lernen, sie zu lieben. Und einigen Männern, die nur Sex miteinander haben, ist der weibliche Körper sicherlich auch einfach sehr fremd. Diese Entfremdung drücken sie dann in negativen Haltungen Frauen gegenüber aus, was ein bisschen infantil ist. Infantil im Wortsinne: kindisch und dumm.

Was ist die feministische Botschaft von “The Misantrists”?
Na, das ist die große Frage, nicht wahr? Wie schon in „The Raspberry Reich“ geht es darum, bestimmte Strömungen im radikalen Feminismus zu kritisieren, aber gleichzeitig unterstützt und befeuert der Film eine ganze Reihe feministischer Ideen. Es ist ein Tanz auf Messers Schneide, den ich da aufführe. Einige Leute dachten, „The Raspberry Reich“ sei als sehr kritische Auseinandersetzung mit vielen Ideen der radikalen Linken gedacht gewesen. Was er auch war. Aber das bedeutet ja nicht, dass ich nicht vielen dieser Ideen mit großer Sympathie gegenüber trete. Was ich tue. Aber gleichzeitig kann linkes Denken genauso eng und eindimensional werden, wie rechtes Denken. Ich zeige diese Widersprüche in meiner Arbeit einfach gern auf. Der Film ist polemisch und bringt Menschen hoffentlich dazu, zu erkennen, dass deine politischen Ideen ganz schnell wirkungslos werden, wenn du sie einer Doktrin unterordnest oder sie von den falschen Leuten gekidnappt werden. Reale Politik muss sich den realen Umständen in der realen Welt anpassen, muss in der Lage sein, sich zu verändern und neue Einflüsse zu berücksichtigen. Du kannst nicht nur reagieren, du musst diese möglichen Veränderungen durch die Realität von Anfang an einplanen. Man kann einfach nicht dieselbe Formel auf alle Probleme anwenden.

Ist der Film auch ein Kommentar auf Political Correctness?
Mit Sicherheit. Das es den Film überhaupt gibt, ist schon eine Provokation. Ein schwuler Mann, der einen Film macht, in dem expliziter lesbischer Sex gezeigt wird. Da gibt es bestimmt Proteste oder Ärger.

Sie haben einmal gesagt, dass Sie glauben, der Großteil aller schwulen Männer fände es unschön, sich Cunnilingus und expliziten lesbischen Sex anzusehen. Haben Sie daran während der Dreharbeiten mal gedacht?
Ich mache meine Filme ja nicht nur für ein männliches, schwules Publikum. Ich hoffe und glaube, dass es da draußen schwule Männer gibt, die offen genug sind, sich auch einen Film anzusehen, in dem expliziter lesbischer Sex vorkommt. Ich weiß, dass es viele queere Männer gibt, die das mögen werden und es gibt einen transgender Subplot in dem Film, der sich genau mit diesen Fragen auseinandersetzt. Außerdem, werden, denke ich, viele Lesben den Film wirklich sehr mögen und einige werden ihn hassen, aber was die schwulen Jungs denken werden, kümmert mich nicht so sehr.

Wie viele ihrer Filme, neben „The Misandrists“, sind noch in Deutschland entstanden
“The Raspberry Reich”, “Otto – Up with dead People”, “Pierre Lunaire” und einige Teile von  “Skin Flick”.

Beeinflusst die deutsche Kultur ihre Arbeit?
Sicher. Es ist ein sehr politisches Land. Es gibt ständig irgendwelche Proteste von Linken gegen irgendwas. Die Pro-Migranten Bewegung ist in Berlin sehr stark und wunderbar einflussreich und die feministischen, queeren und anarchistischen Communities sind groß und sehr vielfältig.

Hat deutsche Sexualität den Film beeinflusst?
Ja, wie alle meine Filme. Ich habe schon in Toronto Anfang der Neunziger etwas ganz Ähnliches gemacht. Mitte bis Ende der Achtziger habe ich sexuell explizite Kurzfilme gedreht und so den Produzenten Jürgen Brüning kennengelernt, der inzwischen neun meiner Spielfilme mit mir gemacht hat. Es hat also eine lange Tradition … genau wie die unglaubliche, sexuell aufgeladene Atmosphäre von Berlin. Als ich zum ersten Mal nach Berlin kam, habe ich innerhalb kürzester Zeit eine ganze Reihe von Menschen kennengelernt, die die gleichen Ideen verfolgten wie ich: Sex, oder seine explizite Darstellung, Homosexualität und sozial-sexuelle Konstruktionen zur Darstellung von etwas zu benutzen, das radikal und queer ist. Ich habe mich also sofort Zuhause gefühlt.   

“The Misandrists” befindet sich gerade in der Postproduktion und soll am Ende des Jahres ferig sein. Das Projekt hat ein winziges Budget, was öfter mal zu Schwierigkeiten führt. Wer den Film auf Kickstarter unterstützen möchte, kann das hier tun.

Foto: Imago/Seeliger

Übersetzung: Paul Schulz/Hier die englische Version des Interviews

Hier der Trailer zu „The Raspberry Reich”:


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