make-up brush

Regenbogen als Tarnfarbe

AfD: Gegen die Homolobby, den Feminismus und den Islam

Ein Gastbeitrag von Jan Schnorrenberg *

Die Gesellschaft droht nach rechts zu rücken – und einige LGBTIs machen fleißig mit. Die Homosexuellen in der AfD sind eben einschlägigen Publizisten das plakativste Beispiel für rechte LGBTI. Aber auch sie sind nicht plötzlich vom Himmel gefallen: Schon 2002 wurde der schwule Niederländer Pim Fortuyn mit seinem Wahlkampf gegen den Islam das Gesicht des niederländischen Rechtspopulismus. Bereits 1991 war der deutsche Neonazis Michael Kühnen verstorben – an den Folgen einer AIDS-Erkankung.

AfD

Pim Fortuyn (li), Michael Kühnen (rechts)

Für den Front National etwa ist es ganz selbstverständlich, Schwule in Führungspositionen zu platzieren und Wahlkampf in der Community zu machen: Erst vor einem Jahr gaben 26% der Pariser Homosexuellen an, den Front National wählen zu wollen. (Auch bei einer Umfrage unter MÄNNER-Lesern schnitt die AfD im Frühjahr gut ab – MÄNNER-Archiv.)

Die Alternative für Deutschland und Homosexualität

Über die AfD und Homosexualität wurde schon viel gesagt und geschrieben. Die jüngste Forderung des sachsen-anhalterischen MdL Andreas Gehlmann nach mindestens einer „Tabuisierung öffentlicher Homosexualität“ sind leider keine Überraschung (MÄNNER-Archiv) , sondern konsequent. Mit der AfD erreicht eine Partei zweistellige Prozentwerte, für die Homosexualität immer zuerst im Verdacht steht, die öffentliche Ordnung zu gefährden. Deshalb beklagte Bernd Lucke direkt nach Hitzlspergers Coming-out, dass dieser nicht gleich noch ein Bekenntnis zur traditionellen Familie abgegeben habe.

AfD

Quelle: #QueerKitchen (Spektrallinie)

Die Partei war sich von Anfang an über ihre Flügel hinweg einig, dass es einen Rückschritt der Gleichstellungspolitik in die 50 braucht. Deshalb war, im Gegensatz zur Unterstützung von Pegida, der Schulterschluss der AfD mit der „Demo für alle“ nie ein Thema in der AfD. Sie ist mehr und mehr der parlamentarischer Arm des evangelikalen Christentums in Deutschland. Und die Homosexuellen in der AfD sehen das nicht als Widerspruch zu ihrer Arbeit.

Die „Homosexuellen in der AfD“

Seit 2014 arbeitet das selbsternannte „Sprachrohr der bürgerlichen Homosexuellen in Deutschland“. Einen nennenswerten Einfluss auf die Partei hat es aber nur bedingt. Inhaltlich sind sie aber einzig und allein beim Adoptionsrecht für gleichgeschlechtliche Paare nicht auf Linie mit der AfD. Trotzdem kamen sie in vielen Wahlkämpfen vor: Als Argument, wieso die AfD selbstverständlich nicht homofeindlich sein könne. Ein Feigenblatt sind sie aber nicht, auch wenn sie weder Positionen zur Reproduktionsmedizin, der Reform des Transsexuellengesetzes oder zur Absicherung von Regenbogenfamilien haben. Sie sind schwule Rechtspopulisten.

Verrat der „linksgrünversifften Homolobby”

Das beginnt damit, dass für sie alle LGBTI in Deutschland in zwei Gruppen aufgeteilt sind: Einerseits die Aktivisten der – nach AfD-Lesart – politisch gleichgeschalteten, linksgrünen „Homolobby“, die sich von MÄNNER über Bündnis 90/Die Grünen bis hin zur Antifa erstrecken würde und andererseits die stille Mehrheit bürgerlicher LGBTI, die nur kopfschüttelnd neben jedem CSD stehen würden. Die AIDS-Hilfe, der LSVD und alle anderen Interessenvertretungen, die nicht auf Linie der Homosexuellen in der AfD sind, seien „linksgrün“ unterwandert und wollen in Wahrheit auch gar nicht mehr gesellschaftliche Toleranz erreichen – stattdessen wollen sie sich nur finanziell bereichern, Kinder und Jugendliche in Schulen sexualisierter Gewalt ausliefern und die Gesellschaft zerstören. Bürgerliche LGBTI würden von der Homolobby entweder instrumentalisiert oder ausgeschlossen werden. Die Rolle des unschuldigen Opfers einer linksgrünen Meinungsdiktatur zu fühlen ist identitätsstiftend. All das sind Strategien und gängige Argumentationsmuster aus dem rechten Lager – teilweise 1:1 von der Demo für alle übernommen.

Aus Sicht der Homosexuellen in der AfD sind nur sie diejenigen, die für Toleranz und Akzeptanz in der Bevölkerung eintreten. Dafür klittern sie die Geschichte der Bewegung, indem sie zum Beispiel behaupten dass alle wesentlichen Erfolge in Deutschland von bürgerlichen LGBTI erstritten wurden – linke Homosexuellenbewegungen seien nur das Ergebnis einer feindlichen Übernahme. Für sie sei es ohnehin selbstverständlich, dass homosexuelle Partnerschaften heterosexuellen Ehen untergeordnet werden müssen – wer etwas anderes sagt, ist schließlich linksgrünversifft.

AfD

Quelle: #QueerKitchen (Spektrallinie)

Schwulenfeindlicher Queerfeminismus

Dass Gender-Studies  auch die Vorstellung umfasst, was „männlich“ sein soll und sein darf, wollen die Homosexuellen in der AfD gar nicht erst diskutieren

Deshalb verwundert es nun wirklich nicht, dass sie Feminismus kategorisch ablehnen. Sie hantieren genauso wie ihre Partei mit dem verwaschenen Begriff „Gender Mainstream“ und können sich nicht entscheiden, ob sie damit Diversity-Management, geschlechtergerechte Sprache meinen oder den Klappentext von Judith Butlers Gender Trouble meinen. Dass Gender-Studies viel mehr umfasst und dass Homohass seinen Ursprung eben auch in Vorstellungen davon hat, was „männlich“ sein soll und sein darf, wollen die Homosexuellen in der AfD gar nicht erst diskutieren. (Queer-)Feminismus sei stattdessen eine schwulenfeindliche Ideologie und sie ein sicherer Zufluchtsort für alle „normalen“ schwulen Männer.

Das schwule Abendland gegen den Islam

Eine Verweigerung, gesellschaftliche Themen wirklich lösungsorientiert zu diskutieren, findet sich auch beim Thema Islam. Für die Homosexuellen in der AfD ist der Islam, wie für viele andere Rechtspopulisten auch, keine Religion und eine Kultur, sondern eine politisch-totalitäre Ideologie. Einwanderung und Flucht sind demzufolge auch die Gründe für Homohass in Deutschland. Es ist wichtig, über Islam und Homosexualität zu sprechen, vor allem mit muslimischen LGBTI (etwa mit Dr. Salman al-Ouda von der Internationalen Union für Muslimische Gelehrte – MÄNNER-Archiv). Aber wenn Rechtspopulisten über den Islam sprechen, wollen sie im Endeffekt von Problemen im eigenen Land ablenken. Natürlich machen sich viele LGBTI in Deutschland Sorgen. Indem die Homosexuellen in der AfD aber diese bestehenden Sorgen um den Verlust der Errungenschaften unserer Bewegung aufgreifen und „den Islam“ als einfaches Feindbild anbieten, lenken sie bewusst ab.

Wir dürfen eines nicht vergessen: Nicht der Islamische Staat, sondern der christliche Fundamentalismus hat die Jugendsozialarbeit in Baden-Württemberg um Jahre zurückgeworfen. Wenn wir nur dann über Gewalt gegen uns sprechen, wenn sie von Menschen ausgeht, die weder weiß noch christlich sind, dann machen wir vielen Tätern die Arbeit einfacher. Aber in der deutschen Mehrheitsgesellschaft ist noch viel zu tun. Hass ist vielerorts Tradition und kein Import. Die Homosexuellen in der AfD wollen lieber die deutsche Mehrheitsgesellschaft über das trojanische Pferd des Islams von Homohass freisprechen als Homohass in seiner Gänze anzuklagen.

Schwuler Rechtspopulismus

Die „Homosexuellen in der AfD“ übernehmen rechtspopulistische Argumente. Dabei versuchen sie, diese in die Debatten von LGBTI und besonders in die Debatten schwuler Männer einzupflegen, um letzten Endes Positionen salonfähig zu machen, die nichts anderes sind als anti-emanzipatorisch.

Schwule Rechtspopulisten liefern keine Antworten auf unsere Fragen

Selbstredend sind wir LGBTI ein Que(e)rschnitt der Gesellschaft und selbstverständlich  gibt es uns in allen politischen Farben. Der gegenwärtige Backlash will uns aber unsere lang erkämpften Rechte und Freiheiten nehmen – ungeachtet aller politischen, aktivistischen und theoretischen Meinungsverschiedenheiten. Schwule Rechtspopulisten liefern keine Antworten auf unsere Fragen. Stattdessen bieten bieten sie uns nur einen vergifteten Kuhhandel an: Sicherheit durch Anpassung, Selbstverleugnung und Entsolidarisierung.

 

* Jan Schnorrenberg lebt in Berlin und steht vor seiner Masterarbeit in Kulturwissenschaft. Er arbeitet seit Mai 2016 in der Presseabteilung des  Schwulen Museums und war davor zwei Jahre im Bundesvorstand der Grünen Jugend und im letzten Jahr Politischer Geschäftsführer. Unter @spektrallinie bloggt und twittert er über Politik, Kultur und LGBT*-Themen.

Titelbild: Fotolia


3 Kommentare

  1. Bernhard Kreiner

    verräter unsere eigenen sache weil diese auch offen homophob sind genauso verlogenes pack wie in den kirchengemeinden die nur geheim homos sind und nach aussen homophobe bestien—

  2. Alexander Gallius

    „* Jan Schnorrenberg lebt in Berlin und steht vor seiner Masterarbeit in Kulturwissenschaft. Er arbeitet seit Mai 2016 in der Presseabteilung des Schwulen Museums und war davor zwei Jahre im Bundesvorstand der Grünen Jugend und im letzten Jahr Politischer Geschäftsführer. Unter @spektrallinie bloggt und twittert er über Politik, Kultur und LGBT*-Theme” … „grüne jugend”… ahja….


Schreibe einen neuen Kommentar



Likes & Shares

Durch die fortgesetzte Nutzung der Website erklären Sie sich mit der Verwendung von Cookies einverstanden. mehr Info

The cookie settings on this website are set to "allow cookies" to give you the best browsing experience possible. If you continue to use this website without changing your cookie settings or you click "Accept" below then you are consenting to this.

Close