Plakat CSD 1979

So fing alles an

Der Mitbegründer des 1. Berliner CSD 1979 erinnert sich

Bernd Gaiser (71) hat den ersten Christopher Street Day in Berlin mitorganisiert und erinnert sich noch lebhaft

Der erste Berliner CSD am letzten Samstag im Juni 1979 ist mir noch in lebhafter Erinnerung. Seit Ende der 60er Jahre gab es die schwule Emanzipationsbewegung und 1979 stellten wir fest, dass sie stagniert. Andreas Pareik, ein Freund, mit dem ich bei der damaligen Berliner Schwulenzeitung gearbeitet habe, war im Frühjahr 1979 in New York und sagte: ‚Die Leute stehen Kopf, die machen ein richtig großes Fest zu 10 Jahre Stonewall.‘ Sowas wollten wir auch machen. Seit Pfingsten 1973, der ersten Schwulendemo, als 800 Schwule auf dem Ku‘damm demonstriert hatten – ich auch –, war nichts mehr passiert.

Berlin

Rief den 1. CSD in Berlin ins Leben: Bernd Gaiser (Foto: Jörn Hartmann)

1979 verteilten wir Flugblätter in der West-Berliner Subkultur, in Parks, Kneipen und auf Klappen – es wirkte wie ein Schneeballsystem. Wir hatten eine zentrale Parole – Weg mit §175! –, die andere war, eher nach innen gerichtet: ‚Mach Dein Schwulsein öffentlich!‘ Eine andere Parole lautete ‚Heterosexualität – nein, danke!‘

Man hätte Euch Schwule alle vergasen sollen

Es kamen dann zum verabredeten Treffpunkt am Savignyplatz in Charlottenburg 500 Leute. Wir staunten, denn die Szene von politisch bewussten Schwulen und Lesben war sehr überschaubar. Andreas und ich hatten einen LKW vorbereitet und wir zogen als politische Demonstration über die Kantstraße zum Ku’damm und am Seepark Halensee war zum Abschluss ein Picknick geplant. Die Leute auf dem Ku’damm waren total überrascht: Manche waren distanziert, aber auch neugierig. 1973 hatte es noch eine lautstarke Minderheit gegeben, die uns zurief: Man hätte Euch Schwule alle vergasen sollen.

Berlin

Zum CSD 1979 war das Klima anders, vielleicht weil wir uns anders verhalten haben. Wir waren nicht mehr im Gleichschritt unterwegs, als Kampfgruppe unter roten Fahnen, sondern lockerer. Es wurde Musik gespielt, Leute haben getanzt und das hatte eine ganz andere Wirkung. Die Aufmerksamkeit war größer und positiver.

Premierenteilnehmer: Kraushaar, Gmünder, Hoffmann

Einige Leute waren im Fummel, ich auch, wenn auch nicht so stilvoll wie heute. Lesben waren in überraschend großer Zahl dabei, obwohl sie nicht an der Vorbereitung beteiligt waren. Aber gleichwohl haben wir sie natürlich dazu eingeladen. Viele Leute waren dabei, die man heute noch kennt: Der Publizist Elmar Kraushaar (der die heutige CSD-Entwicklung kritisiert – MÄNNER-Archiv), Bruno Gmünder, Gerhard Hoffmann vom damaligen Café „Anderes Ufer“ der später das Motzstraßenfest gegründet hat, und ein damals sehr junger Teilnehmer, der heute noch als Fotograf bekannt ist, Jürgen Baldiga, den wir seit seinem AIDS-Tod vermissen.

In der Tagesschau kam ein Bericht und am Ende war das Bild eines Berliner Freundes zu sehen, das über Millionen Bildschirm ging

Ich hatte mich bei meinem Arbeitgeber früher bereits geoutet, einer großen liberalen Buchhandlung, da gab es überhaupt keine Probleme. Anders ging es einem Berliner Freund bereits 1973. In der Tagesschau brachte man einen Bericht und am Ende war sein Bild zu sehen, das über Millionen Bildschirm ging. Er stammte aus einem kleinen Dorf bei Saarbrücken – das Kopf stand. Für seine Mutter war es ein richtiger Spießrutenlauf, weil alle sie auf den schwulen Sohn in Berlin ansprachen.

Das hätten wir uns nie träumen lassen: Der CSD wurde immer größer!

Natürlich hatten wir damals schon vor, auch im Folgejahr wieder einen CSD zu machen. Aber niemand konnte voraussehen, dass das solche Dimensionen wie heute annehmen würde. Das hätten wir uns nie träumen lassen. Der CSD wurde immer größer,– bedingt durch die AIDS-Krise in den 80ern, vor allem aber nach dem Fall der Mauer – und Sponsoren kamen dazu, die natürlich ein kommerzielles Interesse hatten. Da war nicht mehr steuerbar, den CSD für ihre eigenen Interessen zu nutzen – weshalb irgendwann der transgeniale CSD in Kreuzberg gegründet wurde.

Wie jeder den CSD zu seinem eigenen CSD machen kann, ohne auf Veränderung von oben zu warten – dazu mehr in MÄNNER 7.2016.

Titelbild: Archiv Bernd Gaiser


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