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Bollywood wird schwul

Während in Indien über den Anti-Homo-Paragraphen 377 gestritten wird, macht sich die Filmindustrie des Landes daran, erstmals schwule Schicksale zu zeigen: jenseits der bisherigen Karikatur

Zur komplizierten und verfahrenen LGBTI-Lage in Indien spricht am 25. Juni der indische Aktivist und Autor R. Raj Rao im Schulen Museum* – ein Event, das MÄNNER präsentiert  („Indien will nicht modern werden“ – MÄNNER-Archiv). Während Rao über den 1861 von Lord Thomas Babbington Macaualay eingeführten Paragraphen 377 im indischen Strafgesetzbuch referiert, der „unnatürlichen Sex“ kriminalisiert (gemeint sind Anal- und Oralsex) und nach der Rolle des Gesetzes im modernen Alltag Indiens fragt, tut sich zeitgleich in Indiens Filmindustrie Bollywood einiges, was auf einen neuen Umgang mit Homosexualität im Land hindeutet.

Seit Jahresbeginn sind in Indien mehrere große Spielfilme rausgekommen, die erstmals mit der Bollywood-Tradition brechen, dass Schwule immer nur „klischeehaft-lächerliche Nebenfiguren“ sein dürfen: „sexuelle Raubtiere und perverse Triebwesen“, vor denen sich die strahlenden Hauptdarsteller als Vertreter einer heterosexuellen und heteronormativen Männlichkeit in Acht nehmen müssen, wie vor bösen Dämonen, die sie ins Verderben stürzen wollen.

Poster für den Film "Aligarh" über einen schwulen indischen Professor, der in denn Tod getrieben wird.

Poster für den Film „Aligarh“ über einen schwulen indischen Professor, der in denn Tod getrieben wird.

Der erfolgreiche Kinofilm „Aligarh“ basiert auf der wahren Geschichte eines schwulen Professors, der von der Gesellschaft in den Tod getrieben wurde – mit Superstar Manoj Bajpayee in der Titelrolle. Das ist eine Besetzung, die bei diesem Thema bis vor kurzem in Bollywood undenkbar gewesen wäre. Es geht um einen Fall von 2010, als S. R. Siras in Indien für Schlagzeilen sorgte. Siras unterrichtete an der historischen Aligarh Muslim University, 130 Kilometer südöstlich von Delhi gelegen und in Kolonialzeiten nach dem Modell von Oxford und Cambridge errichtet. Siras wurde in seiner Wohnung heimlich beim Sex mit einem männlichen Partner gefilmt. Danach wurde der Sexfilm öffentlich gemacht. Woraufhin er von der Uni wegen „sexuellen Fehlverhaltens“ suspendiert wurde. Im Film geht es um Siras‘ tragische letzte Tage, die Verletzung seiner Privatsphäre und die öffentliche Demütigung, die er über sich ergehen lassen musste. Ihr folgte eine Hexenjagd, die mit seinem mysteriösen Tod endete, von dem viele annehmen, es sei Selbstmord gewesen.

Als „Aligarh“ in Indien ins Kino kam, gab es heftige Kontroversen. Vor allem die Aligarh Muslim University selbst protestierte. Schon als der Regisseur Hansal Mehta zu Recherchezwecken nach Aligarh fahren wollte, warnte ihn der Vizedirektor der Universität, sich die Mühe der Reise zu sparen. Die Anfeindungen aus Aligarh führten dazu, dass Mehta den Film in Bareilly drehen musste, eine gleichgroße Stadt, 120 Kilometer östlich von Aligarh gelegen. Der Regisseur und sein Hauptdarsteller konnten bis zum heutigen Tag Aligarh nicht betreten.

Szene aus "Aligarh". (Screenshot/YouTube)

Szene aus „Aligarh“. (Screenshot/YouTube)

Und die indische Zensur verpasste dem Streifen ein „18+“-Etikett, obwohl im Film kein expliziter Sex vorkommt! Der Bürgermeister von Aligarh ging sogar noch einen Schritt weiter: Er verlangte von lokalen Kinobetreibern, dass sie den Film absetzen. Trotzdem war „Aligarh” im restlichen Land ein Erfolg an der Kinokasse, der viele Zuschauer zum Nachdenken über ihr eigenes Verhalten zwang und ihre Positionierung in Bezug auf schwule Männer.

Im März folgte dann der Film „Kapoor & Sons“, ein Bollywood-Knaller mit Riesenbudget und mit vielen Stars. Darin entpuppt sich einer der beiden männlichen Hauptcharaktere als schwul, woraus sich eine komplizierte Familiengeschichte entwickelt, inspiriert von Woody Allens „Hannah und ihre Schwestern“.

Insgesamt fünf Schauspieler lehnten die Rolle des schwulen Mannes ab, so dass Regisseur Shakun Batra ein Jahr lang suchen musste, bis er den pakistanischen Schauspieler Fawad Khan fand, der in Indien äußerst populär ist.

„Kapoor & Sons“ hat dann über 16 Millionen Dollar eingespielt, was in Indien die „Goldstandardmarke“ ist, ab der ein Film als kommerzieller Erfolg gewertet wird.

Es folgte im Mai der Film „Dear Dad“ über einen Road Trip von Vater und Sohn. Und es kam noch „The Threshold“, über einen Teenager, der mit seiner sexuellen Identität kämpft. Der Film kursierte allerdings nur in der alternativen Filmszene Indiens, die sich hauptsächlich an Universitäten und innerhalb der urbanen Elite des Landes bewegt. Außerdem gab es jüngst „Timeout“, ein Highschool-Drama über zwei Brüder, die sich zerstreiten, als einer von beiden sich als schwul outet; doch dieser letztgenannte Titel war kein besonderer Erfolg an der Kinokasse.

Trotzdem zeigt die Vielzahl an Filmen mit schwuler Thematik, dass sich in Bollywood – und damit im indischen Mainstream – etwas ändert.

Regisseur Mehta meint, dass er für einen Film wie „Aligarh” vor zehn Jahren keine Finanzierung zusammenbekommen hätte, geschweige denn einen Star für die Hauptrolle. „Das Publikum ist da sehr viel weiter als die meisten denken“, sagt Shakun Batra. Und die Erfolge der Blockbuster in dem Bereich werden sicher Nachahmer animieren, sich der Thematik ebenfalls anzunehmen.

Die Entwicklung in Indien war und ist verbunden mit vielen Kämpfen rund um die Legalisierung von gleichgeschlechtlichem (also angeblich „unnatürlichem“) Sex. Selbstverständlich beeinflusst es die öffentliche Meinung sehr, wenn populäre Darsteller und Regisseure im Kino zeigen, was für verheerende Auswirkungen Paragraph 377 und die damit verbundene gesellschaftliche Stigmatisierung von Homosexualität hat: auf betroffene Menschen, aber auch auf deren Familien.

Szene aus "Aligarh", in der wütende Studenten auf einer Puppe von Professor S. R. Siras herumtrampeln. (Screenshot/YouTube)

Szene aus „Aligarh“, in der wütende Studenten auf einer Puppe von Professor S. R. Siras herumtrampeln. (Screenshot/YouTube)

Batra sagt, es sei „höchste Zeit“, dass Mainstream-Filme in Indien homosexuelle Charaktere zeigen. „Für mich kam der Impuls, das selbst zu tun, nachdem ich die vielen schrecklichen Bollywood-Streifen gesehen hatte, wo Homos immer nur als Karikatur dargestellt werden. Ich fragte mich: Wieso machen wir diese Charaktere immer so komisch? Warum sind sie nie mehr als ein promisker Witz?“

Alle diese Filme kommen in einem kritischen Moment ins Kino, in dem Indiens Politik und das Oberste Gericht über das Gesetzt debattieren, das gleichgeschlechtlichen Sex kriminalisiert. (Siehe Artikel „Indien: Oberstes Gericht berät erneut“.) „Paragraph 377 wird mit Sicherheit aus dem Gesetzbuch entfernt, die Frage ist nur wann“, sagt Regisseur Mehta. Er sieht „Aligarh“ als „Teil einer größeren Geschichte, die Indien erlebt“.

Aktivist und Hochschullehrer R. Raj Rao. (Foto: Schwules Museum*)

Aktivist und Hochschullehrer R. Raj Rao. (Foto: Schwules Museum*)

Über genau diese größere Geschichte wird R. Raj Rao sprechen, der sich selbst als „Flüchtling“ betrachtet, weil er „als schwuler Mann im eigenen Land Asyl sucht“.

Titelbild: Szene aus „Aligarh“, Screenshot/YouTube.


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