cracked eggshell patterned with the European and the British flag

Bye bye Britain

Großbritannien hat für EU-Austritt gestimmt, aber ...

UPDATE (26. Juni 2016) In Großbritannien fordern über zwei Millionen Menschen in einer Online-Petition, das Brexit-Referendum zu wiederholen. Die Zahl der Unterstützer wächst ständig weiter. Schon 100.000 Unterschriften genügen, damit das Parlament eine Debatte zumindest erwägen muss, teilen die Initiatoren mit.

 

Die Briten haben mehrheitlich abgestimmt, dass Großbritannien aus der Europäischen Union austritt. Eine erste Befragung hatte die EU-Befürworter noch leicht vorne gesehen, aber nach der Auszählung bietet sich ein anderes Bild. Die Entscheidung ist historisch: Bisher hat noch nie hat ein Land die EU verlassen. Nach Bekanntwerden des zu erwartenden Ergebnisses (die Brexit-Befürworter haben einen Vorsprung von einer Million Stimmen) stürzte das britsche Pfund ab. Die Wahlbeteiligung lag bei rund 72 Prozent.

Gespalten wir seit 2002 nicht mehr

Das Land ist gespalten – so sehr wie seit 2002 nicht mehr, flachste der schwule britische Sänger Will Young gestern via Twitter: Damals hatten sich er und Gareth Gates in der ersten Staffel der Castingshow „Pop Idol“ ein Kopf-an-Kopf-Rennen geliefert. Am Ende hatte Will Young (MÄNNER-Archiv) gewonnen.

Brexit

Wie geht es jetzt weiter? Darüber haben wir mit einem englisch-französischen Paar gesprochen: Justin (45) ist Engländer, sein Partner Xavier (36) ist Franzose. Seine Familie lebt in der Nähe von Montpellier.

Es bereitet mir Sorgen, wenn ich sehe, dass jeder 2. Brite mir das Gefühl gibt, nicht willkommen zu sein

Wenn der Brexit jetzt amtlich ist, wird Xavier wahrscheinlich einen britischen Pass brauchen – den er sich natürlich auch besorgt. „Ich teile aber nicht die Werte, die in der Debatte zutage gekommen sind und nicht die Positionen einiger Politiker und britische Bürger. Ich würde eigentlich dazu neigen, das zu übersehen, aber es bereitet mir schon Sorgen, wenn ich sehe, dass jeder 2. Brite mir das Gefühl gibt, nicht willkommen zu sein.“ (So denkt ein deutsch-englisches Paar über den Brexit – MÄNNER-Archiv.)

In unserer Beziehung bin ich definitiv britisch, er eben nicht. Die kulturellen Unterschiede sind deutlich

Justin fühlt sich in manchen Zusammenhängen als Europäer. Beruflich hat er viel in Asien zu tun, und wenn er von Amerikanern oder Australiern umgeben ist, fühlt er sich ziemlich europäisch – auch wenn er auf andere Europäer trifft. „Andererseits fühle ich mich aber auch ziemlich britisch und vor allem englisch (ich bin eben weder Schotte noch Waliser noch Ire). In unserer Beziehung bin ich definitiv britisch, er eben nicht. Die kulturellen Unterschiede sind deutlich – besonders sprachlich. Das Englische ist eher indirekt, das Französische direkt. Also, ich fühle mich europäisch und britisch.“

Brexit

Sehen die beiden einen Zusammenhang zwischen den Befürwortern eines Brexits, also einer nationalistischen Tendenz, und LGBTI-feindlichen Tönen?

Brexit

Justin (li.) und Xavier

„Ich finde es schwierig und auch riskant, das miteinander zu verbinden“, sagt Justin. Das dürfe man nicht zu schnell verallgemeinern. Es gebe ja auch Schwule, die für den Brexit gestimmt haben. „Wenn man sich Statistiken ansieht, sind die Befürworter des Brexit konservativer, auch älter und gehören eher niedrigen sozialen Schichten an. Sie lesen eher Boulevardzeitungnen mit großen, möglichst schockierenden Schlagzeilen. Dahinter stehen oft Euro-skeptische, fremdenfeinliche und manchmal homophobe Ansichten.“

Ich habe bei den Befürwortern eines Ausstiegs keine homopoben Untertöne gehört

Brexit-Befürworter sind jedenfalls keine Rassisten, sagt Justin. Aber wahrscheinlich sei es so, dass die die meisten Rassisten für einen Ausstieg gestimmt haben. „Ich habe aber bei den Befürwortern eines Ausstiegs keine homopoben Untertöne gehört. Und überraschenderweise war es ja die konservative Regierung, die uns die Ehe-Öffnung gebracht hat. Wir werden auch tatsächlich nächstes Jahr heiraten – allerdings in Frankreich.“

Für ihn berührt das Votum pro Austieg sein ganz persönliches Leben und seine Identität als Engläner, Brite und Euroäer. Gut, da Großbritannien nicht zum Schengen-Raum gehört, benötigt man beim Reisen ohnehin schon einen Pass oder Ausweis. Eine Visumpflicht wird wohl nicht kommen, glaubt Xavier, denn Tourismus ist ein wichtiger Faktor für Großbritannnien, auch für Frankreich und Spanien natürlich. „Das werden sie nicht unnötig erschweren, damit die Leute weiter kommen und ihr Geld in diesen Ländern ausgeben. Schwierig wird es, wenn deine bessere Hälfte nach England zieht, einen Job sucht oder eine Wohnung und auch eine Krankenversicherung braucht. Da werden vermutlich Visa nötig.“ Problematisch wird es auch, wenn das britische Pfund dauerhaft gegenüber dem Euro verliert, sagt Justin. Denn beide werden in Pfund bezahlt und müssen regelmäßig in die europäische Währung umtauschen.

Ich bin nicht sicher, ob ich in so einem Land leben möchte

„Wir haben das Glück, einen Fuß in beiden Ländern zu haben“, sagt Xavier. Denn das Paar besitzt sowohl ein Haus in London als auch in Südfrankreich. „Wir können entscheiden, dorthin zu gehen, wo es für uns am interessantesten ist.“ Ausschlaggebend bei der Entscheidung ist für Xavier, dass er in einem Land lebt, wo über die Hälfte der Leute sagt, sie wollen ihn nicht haben, weil er ihnen die Jobs wegnimmt. „Darüberhinaus hat das Referendum fremdenfeindliches und arrogantes Benehmen befördert. Solche Reaktionen werden jetzt wohl recht normal, und es bringt die Rechten in eine starke Position. Ich bin nicht sicher, ob ich in so einem Land leben möchte.“

Brexit

Xavier (li.) und Justin

Justin sagt, er möchte weiter in beiden Ländern leben. „Vielleicht haben wir irgendwann Kinder, und wir finden es wichtig, dass sie sich Englisch und Französisch fühlen. Das setzt voraus, ein Zuhause und auch Familie in beiden Ländern zu haben. Ich glaube, das ist auch nach dem Brexit möglich. Wenn auch weniger stressfrei.“

Titelbild: Fotolia

Fotos: privat


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