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„Wir sind schon schwul genug!“

Eurowings-Planungschef bescheinigt deutscher Wirtschaft ein Problem mit Diversity

Sadiq Gillani ist Planungschef bei Eurowings. Vorher war er Strategiechef bei der Lufthansa Group und Berater für Airlines wie Qantas. Dass er schwul ist, hat seiner Karriere nie geschadet. Der deutschen Wirtschaft aber bescheinigt er ein Problem mit Diversity

Gillani hat es weit gebracht: In den Top 100 der LGBTI-Führungskräfte, die vor ein paar Monaten von der Financial Times gemeinsam mit dem queeren Berufsnetzwerk OUTstanding ermittelt wurden, ist er der jüngste; vor allem aber ist der 38-Jährige der einzige schwule Manager, der an einem deutschen Standort arbeitet, in Frankfurt. Damit landete er auf Platz 53. Die meisten gelisteten Business Leader kommen aus den USA und Großbritannien. David Furnish etwa, Elton Johns Gatte.

Diversity

Sadiq Gillani hat in den USA, Südamerika, Südafrika und Asien gearbeitet. Und in Großbritannien natürlich, wo er geboren und aufgewachsen ist. Seit gut fünf Jahren lebt er nun in Deutschland: Die Gesellschaft erlebt er hier nicht als rassistisch oder homophob. Aber die deutsche Mentalität ist speziell. „Die Leute reden bei der Arbeit kaum über ihr Privatleben oder gehen selten mit ihren Kollegen aus, auch Heteros nicht.“ Das fällt ihm besonders auf im Gegensatz zu Großbritannien: Man trennt Beruf und Privates. „Man spricht sich mit Sie an oder mit Herr Doktor. Es herrscht ein sehr formeller Umgang, auch bei Lufthansa.“

Es mangelt in vielen Bereichen

Großen deutschen Unternehmen konstatiert er einen Mangel an Diversity auf vielen Gebieten – was ethnische Vielfalt betrifft und auch in Altersfragen. Es gibt immer noch kaum Frauen im gehobenen Managementbereich. „Ich glaube, insgesamt liegt Deutschland 20 Jahre gegenüber England und den USA zurück.“

„In meinem Team waren zwei Schwule, die saßen im selben Büro. Sie waren nicht geoutet, nicht einmal vor einander.“

Als Gillani 2011 zu Lufthansa kam, gab es einen CEO, der Diversity ins Unternehmen bringen wollte. „Es gab niemanden in meiner Position, der nicht Deutsch gesprochen hat. Ich war auch deutlich jünger als die anderen auf Management-Ebene.“ Dass er schwul ist, war kein Hinderungsgrund. „Ich habe es nie verborgen, aber es wurde auch nicht im Vorstellungsgespräch thematisiert“, sagt der Sohn eines pakistanischen Vaters und einer Mutter aus Trinidad. Eine seiner ersten Amtshandlungen war die Gründung eines Netzwerkes für LGBTI-Führungskräfte, damit die Leute einander kennenlernen und ihnen das Coming-out erleichtert wird. „In meinem neuen Team waren zwei Schwule, die saßen im selben Büro. Sie waren im ganzen Unternehmen nicht geoutet, nicht einmal vor einander.“ Einer Studie aus Karlsruhe zufolge ist Diversity für fast alle LGBTI-Arbeitnehmer wichtig. Fast zwei Drittel (63 Prozent) sind aber nicht zufrieden, wie ihr Arbeitgeber es gestaltet (MÄNNER-Archiv).

Studie: Diversity auf dem Prüfstand

Vorbehalten gegen Sticks & Stones

Klar kennt er homophobe Kommentare von Kollegen. Als er mit Lufthansa das erste Mal zur Sticks & Stones wollte, der schwulen Businessmesse in Berlin (die am 3./4. Juni bereits zum 7. Mal stattfindet), gab es Vorbehalte. „Wir sind schon schwul genug, wir brauchen nicht noch mehr schwule Leute“, hieß es dann, in Anspielung auf das Vorurteil, alle Flugbegleiter seien homosexuell.

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Homophobie, das belegen Studien, schadet der Wirtschaft, weil sie krank macht und Kreativität verhindert – das wirkt sich nachteilig auf die Produktivität aus. Auch deshalb hat Lufthansa bei Neueinstellungen längst eine Art Quote: Es befindet sich immer ein Diversity-Kandidat in der engeren Wahl, die sogenannte Shortlist besteht aus drei Leuten. „Das ist ein immenser Fortschritt“, sagt Gillani. „Das zwingt die Leute dazu, sich mit unkonventionellen Kandidaten zu beschäftigen.“
Dennoch: Bei der Sichtbarkeit des LGBTI-Personals ist noch einiges zu tun. Von den 200 Top-Managern bei Lufthansa sind 5 bis 10 schwul, schätzt Gillani. „Aber die bringen ihre Partner nicht zu Firmenveranstaltungen mit – Heteros schon. Sie fühlen sich vielleicht nicht wohl damit.“

Der vollständige Artikel ist erschienen in MÄNNER 5.2016.

Fotos: Sven Serkis


11 Kommentare

  1. Tiemo Schwanzer

    klar, in der Entertainment und Medienbranche is fast jeder zweite Schwul 😀 warum ich noch nicht entdeckt wurde 😛 ..Es gibt aber auch noch viele Schwule, die das in Ihrem Beruf nie zeigen, das ist schade…Die Messe klingt super und im auf der Seite kann man sogar kostenlos Tickets erhalten! Ich werde hingehn.

  2. Hartmut Mueller

    Nach m.E. ist das Gesundheitswesen, speziell in Krankenhäuser vollkommen homophob. Chefärzte und Klinikleitungen sind angeblich 100% hetro. Das Mobbing ist extrem. Der Druck kommt besonders von den Oberärzten und anderen Chefärzten. Die Geschäftsführungen lehnen schwule med. und nicht-med. Führungskräfte ab. Diese Branche ist ‚Galaxien‘ zurück.

  3. Konstantinos Aspridis Pauli

    Warum soll es nicht gehen das ist die Frage 70% aller Männer sind schwull ich kenne viele Männer die im Krankenhaus arbeiten oder in den Bereichen die schwull sind und alle kommen damit klar natürlich zeigen die es nicht weil die 100% Mann sind und man denen es nicht ansieht und keiner hat was dagegen ja natürlich aber sobald man dann sagt ja das und das dann Heist es ja Gay

  4. DaniStu

    Ein richtig gutes Interview und leider teilweise wahr.
    Aber ich selbst leite die globale Kommunikation und das Marketing einer familiengeführten Unternehmensgruppe und man sollte nicht meinen dass man hier überhaupt keine Probleme mit meiner Sexualität hat aber ich habe bisher keine negativen Erfahrungen gemacht und gehe sehr offen damit um. Fakt ist, es zählen immer noch und gottseidank Leistung und nicht die sexuelle Orientierung. Die Firmen, die das noch nicht begriffen haben, werden in Zukunft „hoffentlich“keinen Erfolg (mehr) haben.

  5. Mathias Braasch

    Im Job zählt für mich die Arbeit und nicht die sexuelle Orientierung. Es ist gut, wenn Leute wie Herr Gilani sich gegen Diskriminierung engagieren. Allerdings habe ich gegenüber Netzwerkern ein gewisses Misstrauen. Schnell dient das vor allem dem eigenen Vorwärtskommen und weniger dem Unternehmen. Was die deutsche Mentalität angeht, so kann ich nur sagen, dass ich sie der britischen Unternehmenskultur bei Weitem vorziehe. Ich halte lieber auf Abstand und vermische Privates und Berufliches nicht zu stark, da das auch sehr hinderlich sein kann, wenn Entscheidungen im Job zu treffen sind. Und hinter der scheinbaren britischen Offenheit und Freundlichkeit verbirgt sich oft etwas ganz anderes und sie wird von Deutschen oft auch missverstanden.


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