Men in love celebration

USA: 1 Jahr Ehe-Öffnung

Etliche Organisationen für Homo-Rechte schaffen sich ab, die Spenden lassen nach

von Allister Chang

Am 26. Juni 2015 ging kurz mal die Welt unter. Als Reaktion auf das Urteil zur Eheschließung gleichgeschlechtlicher Paare wollte sich ein Pastor aus Texas  in Brand stecken. Tim Wildmon von der American Family Association (AFA) verglich es mit den Terroranschlägen vom 11. September, nur auf spiritueller Ebene. Andere konservative Kritiker unkten, dass die Öffnung der Ehe dazu führen werde, dass die Menschen Gottes Zorn zu spüren bekämen – in Form von verstärkten terroristischen Attacken, heftigen Wirbelstürmen und Hungersnöten. Die amerikanische LGBTI-Gemeinde hatte gut lachen angesichts der Hysterie ihrer Gegner. Die Staatsangestellte Kim Davis aus Kentucky weigerte sich sogar, gleichgeschlechtlichen Paaren die Papiere auszustellen, die für eine Eheschließung notwendig sind (MÄNNER-Archiv).

Am Freitagnachmittag des 26. Juni vergangenen Jahres um 16.05 Uhr fällte das Oberste Verfassungsgericht der USA sein Urteil im Prozess „Obergefell vs. Hodges“ mit fünf zu vier Stimmen im Sinne des Klägers und öffnete somit die Ehe auf Bundesebene. Eine historische Entscheidung, hinter der ein langer Weg lag.

Heute kann ein Amerikaner in Texas einen deutschen Mann heiraten und ihm zur Green Card verhelfen, danach können beide zum Militär gehen und sich in derselben Stadt stationieren lassen. Warum der Deutsche sein Gesundheitssystem zugunsten des amerikanischen aufgeben sollte, ist eine andere Frage.

2,5 Millarden Dollar danke Ehe-Öffnung

Der US-Wirtschaft bekommen die gleichgeschlechtlichen Ehen gut (MÄNNER-Archiv). Die Ausgaben für Hochzeiten erreichten 2015 ein Allzeithoch, was die Prognosen des amerikanischen Finanzdienstleisters NerdWallet bestätigt, dass der Wirtschaft 2,5 Milliarden Dollar zusätzlich beschert würden.

Ehe für alle

Evan Wolfson (Foto: Freedom to marry)

Nun haben etliche Organisationen für Homo-Rechte als ultimativen Akt der Feierlichkeiten ihre Arbeit eingestellt. „Freedom to Marry“ (Freiheit zu heiraten) hatte das schon bald nach der Entscheidung des Supreme Court angekündigt. Dem Gründer Evan Wolfson zufolge sollte die Kampagne ein bestimmtes Ziel erreichen. „Jetzt haben wir es erreicht. Also werden wir uns innerhalb der nächsten Monate stilllegen.“ Die Webseite der Kampagne ist allerdings noch aktiv.

Zwar dürfen zwei Männer in Virginia heiraten, können aber in demselben Staat aus ihrem Flitterwochenhotel geworfen werden, wenn das Management keine schwulen Paare bedienen will

Möglich, dass diese Organisationen sich zu einem Zeitpunkt abschaffen, an dem wir sie am dringendsten brauchen. In 32 der 50 US-Bundesstaaten gibt es immer noch keine komplett inklusiven Gesetze gegen Diskriminierung, oft weil Gegner einen Schutz für Trans*Menschen ablehnen, indem sie Ängste schüren: Männer würden als Frauen verkleidet in öffentlichen Toiletten Mädchen auflauern. Heute haben wir die Situation, dass zwei Männer, die zwar in Virginia heiraten können, in demselben Staat aus ihrem Flitterwochenhotel geworfen werden können, wenn das Management keine schwulen Paare bedienen will.

Die transphobe Opposition ist stark

In den vergangenen 12 Monaten verlagerte sich der Fokus sowohl bei der Verwendung von Ressourcen einerseits und bei in der Berichterstattung andererseits größtenteils  auf Trans*Rechte. So änderte auch die Interessenvertretung GLAD im Februar ihren Namen in „GLBTQ Legal Advocates & Defenders“. Nach dem Urteil von Elliot Imse, Direktor des Office of Human Rights (OHR) in Columbia, steht die Trans*Bewegung in den USA heute da, wo die der Schwulen und Lesben in den 80ern steckte. Elliot und sein Team haben gerade eine Untersuchung über die Einstellungspraxis von Unternehmen in Washington unternommen: 48 % der Arbeitgeber ziehen demnach einen Cisgender-Kandidaten (Menschen, deren Geschlechtsidentität ihrem biologischen Geschlecht entspricht), der weniger qualifiziert ist, einem besser geeigneten Kandidaten vor, wenn er trans ist. Sogar in Houston, Texas, wo eine lesbische Politikerin als Bürgermeisterin regiert, hat man kein Gesetz gegen LGBTI-Diskriminierung verabschieden können, weil eine transphobe Opposition dies verhindert.

Unterstützung für christlich-konservative Organisationen

Die Gleichstellung führte also nicht automatisch zu einer Ausweitung von LGBTI-Rechten, wie einige Verfechter der Ehe für alle vorhergesagt hatten. 2012 etwa schrieb Matt Wood im Advocate, dass die Ehe-Gleichstellung per Definition das Schnüffeln von Behörden über das Geschlecht einer Person verringern werde. Doch die Angriffe auf Trans*Rechte lassen nicht nach. Organisationen wie die christlich-konservative Alliance Defending Freedom, für die Trans*Menschen Männer sind, „die über ihre eigene Sexualität verwirrt sind und glauben, sie seien Frauen“, erhalten zunehmend finanzielle Unterstützung  …

Mehr über die Zukunft der LGBTI-Organisationen in den USA und den Spendenrückgang in MÄNNER 6.2016.

Titelbild: Fotolia


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