Ein Politiker im Dauerfrust

Interview mit dem schwulen SPD-Politiker Johannes Kahrs

Als SPD-Haushaltsexperte ist die Ehe-Öffnung nicht direkt sein Gebiet. Als schwuler Mann treibt es ihn natürlich um, dass Deutschland nicht vom Fleck kommt.  Johannes Kahrs (52) über Dauerfrust, Frikadellen und Apfelkuchen

 

Herr Kahrs, wieso findet man auf Ihrer Homepage ein Rezept für Apfelkuchen?

Ich biete ja an, Hausbesuche zu machen, dafür gibt es einen Flyer. Darauf steht, dass ich Kuchen mitbringe, Butterkuchen oder Bienenstich. Und da ist auch das Rezept für den Apfelkuchen drauf. In mindestens 75 % der Fälle führt das dazu, dass die Leute sagen: Herr Kahrs, Sie müssen keinen Kuchen mitbringen, wenn Sie kommen. Ich backe Ihren Apfelkuchen.

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Clever!

Und da das mein Lieblingskuchen ist, krieg ich den ungefähr 150 mal im Jahr gebacken. Da ich ihn eher klein und sabschig mag, nicht hoch, ist da kein Backpulver drin.

‘Sabschig’ ist hanseatisch für saftig und klitschig?

Genau. Die Wüste Sahara muss sich nicht auf meinem Teller wiederspiegeln.

Aber Sie backen den auch ab und an selber?

In den Mengen backe ich bestimmt nicht, da würde mir mein Freund auf den Kopf steigen. Nee, Bäcker Heinrich, Hammer Landstraße backt noch selber und ist in Privatbesitz. Der Bienenstich ist da ganz hervorragend und der Butterkuchen ist ein Gedicht. Die machen mit mir als Stammkunden das Geschäft ihres Lebens.

Kuchen, vor allem die Torte ist ja neuerdings ein Mittel politischer Auseinandersetzung.  Erst wurde Beatrix von Storch beworfen, jetzt Sarah Wagenknecht.

Ich halte das für schlechten Geschmack. Für eine Schokoladentorte kann ich mir echt eine bessere Verwendung vorstellen.

Aber Sie backen oder kochen schon auch mal selbst?

Meine Spezialität sind Frikadellen, meist mit eigenem Kartoffelsalat. Ich mag Frikadellen nicht wie in diesen Burgern, mit betonhartem Fleisch. Ich mache da immer viel Philadelphia rein, der mit der vollen Fettdröhnung, dazu Schafskäse, etwas Semmelbrösel, viele rohe Eier, mindesten 4-5 Kilo Fleisch, plus eine halbe Zwiebel pro Frikadelle. Und dann wird das eher leicht und luftig.

Das Gegenteil von leicht und luftig war Ihr Auftritt im Februar im Bundestag. Sie hielten eine wütende Rede zum Thema Öffnung der Ehe und haben der Union jahrelange Verzögerungstaktik vorgeworfen. „Ich hab die Schnauze voll und zwar bis hier“, haben Sie gesagt. Was ist aus dieser Wut geworden?

Das ist keine Wut, das ist Dauerfrust. Ich bin ja seit 1998 im Deutschen Bundestag. Habe das alles miterlebt. Eingetragene Lebenspartnerschaft, Antidiskriminierungsgesetz, erst Rot-Grün, dann große Koalition, Schwarz-Gelb, jetzt wieder Große Koalition. Nun gibt es ja in der CDU ein paar gute Leute, Stefan Kaufmann (schwuler CDU-Bundestagsabgeordneter aus Stuttgart, Anm. d. Red.) ist ein feiner Kerl, und auch bei der FDP: Michael Kauch hat gerödelt wie ein Blöder. Aber alle sagen immer: Ja, wir brauchen noch Zeit. Ich kann es langsam nicht mehr hören. Wir waren mal in Deutschland die Speerspitze der Bewegung, und jetzt hat man das Gefühl, wir sind der traurige Rest. Selbst die Queen sagt, dass sie sich sehr gefreut hat, das Gesetz zur Ehe-Öffnung zu unterschreiben. Sogar das katholische Spanien ist viel weiter – da frage ich mich, wie viel Zeit die CDU noch braucht!

Die Kanzlerin äußert sich nicht mal am Tag gegen Homophobie – und auch nach Orlando hat sie erst auf öffentlichen Druck hin davon gesprochen, dass die Opfer Schwule und Lesben waren.

Bei der Kanzlerin gibt es keinen ideologischen Hintergrund. Bei ihr habe ich nicht das Gefühl – im Gegensatz zu Erika Steinbach –, dass sie in der Ablehnung der Öffnung der Ehe auch meint, was sie sagt. Sie will nicht diskriminieren, glaube ich, aber sie nimmt es billigend in Kauf. Sie hält es aus politischen Gründen für wichtig, dass die CDU/CSU auch rechte Themen besetzt – nachdem viele andere konservative Positionen geräumt wurden. Das ist leider eine, die sie behalten will. Darum ist das mit ihr und der Union überhaupt nicht zu verhandeln. Sie diskriminiert Lesben und Schwule aus politischem Kalkül.

Was Johannes Kahrs bei der Bundestagswahl 2017 erwartet und warum er sich nicht verpartnern will, dazu mehr in MÄNNER 7.2016!

Titelbild: Büro Johannes Kahrs (Das Bild entstand im November 2014 auf einer Rammlerschau)


7 Kommentare

  1. Kevin Montany-Jung

    >denke bizarr an allem ist sogar, dass die meisten homosexuellen im privat häuslichen umfeld (inkl. partner wenn vorhanden) selbst stock-super-konservativ sind und allein dadurch bzw. deshalb die ablehnung von und durch Frau M. nicht begreifen können = !?! = ich auch nicht … ich denke, aus dieser konstellation heraus liegt dem eher kein politisches motiv sondern eher ein rein privates motiv zugrunde === was dann so oder so nicht o.k. wäre=??!!<

  2. Frank Hoffmann

    SPD? Ist das die „Volle-Gleichstellung-mit-uns-Partei” deren Frau Schwesig keinen Koalitionsvertrag unterzeichnen wollte in dem das Thema nicht geklärt ist? Lachhaft!


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