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Fußball-EM ohne Regenbogen

Österreichischem Fußballfan wurde Eintritt mit Regenbogenfahne im Stade de France verboten

von Thomas Petersen

Christoph Krottmayer (33) hatte sich sehr auf das Fußballspiel Österreich gegen Island im Pariser Stade de France gefreut (das Spiel endete mit einer 1:2-Niederlage für sein Heimatteam). Mit Freunden war er angereist, um das Nationalteam der Österreicher zu unterstützen. Mit im Gepäck: seine Regenbogenfahne.

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Er spielt selber Fußball im Amateurverein seines Heimatortes. Dort ist seit langem bekannt, dass er schwul ist, und stören tut das da schon lange niemanden mehr. Oft kommt sein Freund zu Spielen und Vereinsfeiern mit. Außerdem engagiert sich Christoph im Wiener Verein „Fußballfans gegen Homophobie“. Hat dort vor kurzem, gemeinsam mit anderen Mitgliedern, das Theaterstück „Rund, eckig, schwul“ erarbeitet, dass er anlässlich der EM kürzlich im Wiener Rathaus aufführen konnte. Das war am Tag des Spiels Deutschland/Polen. Anschließend beim Public Viewing kam es zu einem erschreckenden Vorfall. Zwei offensichtlich polnische Fans versuchten, die Regenbogenfahne einer lesbischen Freundin von Christoph anzuzünden. Er war selber von sich überrascht, mit welcher Vehemenz er dazwischen gegangen ist. Aber sie konnten die beiden polnischen Fans gewaltlos gemeinsam davon abhalten, ihre Irrsinnsidee durchzuführen. Fahnen, die brennen sollen? Läuten da nicht sämtliche Alarmglocken?

Die Fahne muss draußen bleiben, weil die UEFA keine politischen Statements im Stadion erlaubt

Mit dieser Erfahrung und der Regenbogenfahne im Gepäck ging es dann zum Spiel Österreich/Island nach Frankreich. Noch vor dem Stadion posiert Christoph samt seinen nicht-schwulen Freunden und Fahne für ein Gruppenfoto. Die Stimmung ist bestens. Den Ticketkontrolleuren sind Fahnen egal, aber bei der Security war dann Schluss. Der französische Sicherheitsmitarbeiter identifizierte die Fahne als „Schwulenfahne“, was ja so auch nicht ganz richtig ist, und zeigte sie seinem Vorgesetzen. Der wiederum erklärte strikt, dass die Fahne draußen bleiben muss, weil die UEFA keine „politischen Statements“ im Stadion erlaube. Für Christoph ist das aber in erster Linie kein politisches Statement sondern eine Bekundung von Offenheit und Sichtbarkeit. Zumal die UEFA ja mit ihrer RESPECT-Kampagne genau das propagiert.

Lippenbekenntnis oder Marketingstrategie?

Auf der Internetseite der UEFA ist zu lesen: „Dieses Schirmthema untermauert alle Elemente der sozialen Verantwortungsstrategie der UEFA, einschließlich der Förderung von Vielfalt, Frieden und Versöhnung, Fußball für alle, Gesundheit, Respekt für die Umwelt und die Bekämpfung von Diskriminierung, Rassismus und Gewalt.“ Wenn das mal kein politisches Statement ist? Lippenbekenntnis oder Marketingstrategie? Man will den Offiziellen der UEFA nichts Schlechtes unterstellen, aber es scheint so, dass es bei der Umsetzung und beim Umgang mit diesen Themen an manchen Stellen noch am nötigen Feingefühl fehlt. Es scheint noch ein langer Weg zu sein, bis die Tragweite dieses Themas in allen Köpfen angekommen ist.

Zumal sich selbst die französischen Polizisten am Stadion geschaltet hatten und meinten, dass die Fahne durchaus ins Stadion gehöre – gerade nach Orlando. Christoph blieb trotz Diskussion am Ende nichts anderes übrig, als die Fahne abzugeben – er durfte sie sich nach dem Spiel wieder abholen.

Unzureichende Sensibilität und Solidarität

Umso interessanter ist es, dass die Auseinandersetzung mit Homophobie in einem kleineren Umfeld wie Christophs Verein, den österreichischen „Fußballfans gegen Homophobie“ oder den vielen schwulen Fangruppen innerhalb der Bundesliga offensichtlich schon weiter ist. Das findet auch Jörg Litwinschuh von der Bundesstiftung Magnus Hirschfeld, die Anfang 2015 das Bildungs- und Forschungsprojekt „Fußball für Vielfalt“ (MÄNNER-Archiv) gestartet hat: „Regenbogenfahnen sind in vielen Stadien ein selbstverständlicher Bestandteil der Fankultur. Gerade vor der gemeinsamen Erfahrung von Attentaten in Orlando und in Frankreich zeugt dieses Verhalten von unzureichender Sensibilität und Solidarität.“

Fotos: privat


7 Kommentare

  1. Gudrun Koball

    Das ist doppelt unglaublich, weil die Regenbogenfahne ja ,nicht einmal auf der UEFA-Liste der verbotenen Fahnen steht, aber wie eine solche behandelt wird.
    Da hilft nur eines:
    Sich in Sechsergruppen zusammentun, und jeder nimmt eine einfarbige Fahne mit hinein, und die hält man dan drinnen in der richtigen Reihenfolge neben- oder übereinander!

  2. Christian Anschütz

    Ich finde es richtig so. Im Stadion sollten nur die Nationalflaggen erlaubt sein. Armenischen Fans war es bei einem Qualifikationsspiel auch verboten, die Flagge von Bergkarabach (eine Provinz, die Armenien für sich beansprucht) zu zeigen. Und ich finde schon, dass man das vergleichen kann. Nur Flaggen von Fußballnationen!!!

  3. João Ricardo de Mendonça

    Eigentlich wird’s noch ziemlich «laaange» dauern – und zwar viel länger als dieses lange «a» braucht, um ausgesprochen zu werden -, bis sich diese uralte Fußballsportler-Mentalität nur ein ganz winziges bisschen verbessern lassen wird…


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