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Gefangen in der Flammenhölle

24. Juni 1973: Verheerender Brand in "Upstairs Lounge" in New Orleans

Bis zum Massaker von Orlando war der Brand in der Bar „UpStairs Lounge“ in New Orleans heute vor 43 Jahren die größte Katastrophe des schwulen Amerika. Bei dem Brand in der Schwulenbar Upstairs Lounge im berühmten Französischen Viertel starben 32 Menschen. Die meisten Opfer kamen wegen der an drei Vorderfenstern angebrachten Gitter nicht heraus. Ein Überlebender berichtete später, er glaubte, dass jemand auf der Höhe des überfüllten zweiten Stocks eine flammbare Flüssigkeit auf den Holztreppenaufgang gegossen und dann Feuer gelegt hätte. Der mutmaßliche Brandstifter wurde nie gefasst.

Aus New Orleans: Tobias Sauer

 

Es müssen grauenhafte Szenen gewesen sein, die sich am 24. Juni 1973 in der Chartres Street 141 in New Orleans abspielten. Das dreistöckige Gebäude im historischen French Quarter beherbergte im Erdgeschoss eine Bar und im 2. Stock einen kleinen schwulen Club, die „UpStairs Lounge“. Ein Pianist spielte Musik, rund 60 Gäste waren anwesend, als es gegen kurz vor acht an der Tür klingelte. Der Bartender öffnete – und blickte in ein Flammenmeer. Das gesamte Treppenhaus brannte lichterloh. Nur rund zwanzig Gästen gelang die Flucht über einen Hinterausgang, dem Rest aber versperrten die Flammen den Weg – sie saßen in der Falle. Wie in einem tödlichen Gefängnis konnten sie nicht einmal durch die Fenster springen, die mit schweren Eisenstreben blockiert waren. Von der Straße aus musste man den Männern hilflos beim Todeskampf zusehen. Stundenlang noch hingen verbrannte Leichenteile in den Fenstergittern. Bis zum Attentat in Orlando vor knapp zwei Wochen, bei dem 49 Menschen erschossen wurden, war das Feuer in New Orleans der schlimmste Anschlag in der Geschichte der amerikanischen Schwulen- und Lesbenszene: 32 Menschen sind damals gestorben.

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Denn dass es sich beim Feuer in der UpStairs Lounge um Brandstiftung handelte, gilt allgemein als sicher: Der Barkeeper roch Benzin, als er die Tür zum Treppenhaus öffnete. Die Hintergründe allerdings sind bis heute nicht aufgeklärt. Am wahrscheinlichsten ist, dass ein Gast der UpStairs Lounge, der mit anderen Besuchern in Streit geraten und dann der Bar verwiesen wurde, das Feuer aus Wut gelegt hatte. Weil der Verdächtige während der Untersuchungen Selbstmord beging, gibt es jedoch kein Gerichtsurteil.

Das Feuer gilt als Stonewall von New Orleans

Für die politisch aktive schwule Community von New Orleans ist die Katastrophe ein wichtiger Bezugspunkt. „Das Feuer gilt als Stonewall von New Orleans“, erklärt Chris Leonard vom New Orleans Pride und spielt damit auf die Demonstrationen um die New Yorker Homo-Bar an, bei denen sich die Polizei mit Schwulen und Lesben gewalttätige Auseinandersetzungen geliefert hatte. In der Szene galt vor allem die langsame Reaktion der Behörden als Skandal, die viele unnötige Opfer geopfert habe. Obwohl die Feuerwehr nur zwei Blocks von der Bar entfernt ihr Depot hatte, brauchte sie zwanzig Minuten, um das Feuer unter Kontrolle zu bekommen. „Die Reaktion der Feuerwehr war langsamer, als sie es bei einem Feuer in einer Heterobar gewesen wäre“, fasst Jeff Kiefer, der ebenfalls den New Orleans Pride mitorganisiert, den Ärger von damals zusammen. „Auch der Umgang mit Verdächtigen war eine Katastrohe. Niemand versuchte wirklich herauszufinden, was damals passiert war“, ergänzt er. Und schließlich war Homosexualität in der Gesellschaft damals noch viel stärker tabuisiert als heute. Viele Familien wollten deshalb ihre in einer Schwulenbar gestorbenen Angehörigen nicht identifizieren; die unbekannten Opfer wurden in einem anonymen Massengrab beigesetzt.

Heute würden die Behörden anders reagieren

„Unser Pride in New Orleans findet aus Anlass des Feuers normalerweise an einem Wochenende um den 24. Juni herum statt“, erklärt Chris. In diesem Jahr demonstrierte die schwul-lesbische Szene am vergangenen Wochenende in den Straßen von New Orleans, rund 70.000 Zuschauer begleiteten die Parade. Zum Jahrestag der Katastrophe zeigt der Pride-Verein außerdem heute vor rund 400 Gästen die Dokumentation „Upstairs Inferno“. Vergleicht man die gesellschaftliche Lage von damals mit heute, habe sich viel verbessert, ist sich Chris sicher: „Heute würden die Behörden anders reagieren.“ Mittlerweile stünden viele schwule und lesbische Polizisten und Feuerwehrleute zu ihrer sexuellen Orientierung. „Dass zum Pride Polizeioffiziere mit Dragqueens tanzen, das wäre 1973 noch undenkbar gewesen“, sagt er. Und auch die Reaktionen aus vielen verschiedenen gesellschaftlichen Schichten auf das Attentat von Orlando zeigten, dass die Gesellschaft ihre schwulen und lesbischen Mitglieder heute viel besser unterstütze.

Fotos: Tobias Sauer


2 Kommentare

  1. Horst Lukas Kieler

    Davon höre ich heute zum ersten mal. Eine schreckliche Geschichte.Dass einige Angehörige der Opfer sich weigerten, die Toten zu identifizieren, weil sie in einer Schwulenbar gestorben waren (muss damals wohl eine Schande ohnegleichen gewesen sein) und die laschen Ermittlungen ist aber nicht minder schlimm.


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