imago71260554h

Hast du das gehört?

Vor drei Wochen starben bis zu fünfzehn LGBTI bei einem Massaker in Mexiko. Warum erfahren wir davon erst jetzt?

Schon als in Berlin das Brandenburger Tor zum Gedenken an die Opfer von Orlando endlich in Regenbogenfarben erstrahlte, rumorte es in der Szene, und eine neue, eigentlich alte, Schreckensnachricht verbreitete sich in sozialen Medien: Es hatte wenige Wochen vor Orlando schon ein Massaker in einem Nachtclub gegeben, der hauptsächlich von LGBTI besucht wurde. Zwischen fünf und fünfzehn Menschen waren dabei gestorben. (MÄNNER-Archiv) Warum redete darüber niemand, während für die 49 Toten und 53 Verletzten von Orlando weltweit Trauerfeiern abgehalten wurden und binnen weniger Tage Zehntausende zusammen kamen, um sie zu würdigen? Die Frage ist nicht so einfach zu beantworten. Aber, versuchen wir es mal.

Auch die Opfer im „La Madame“ sollen im wahrsten Sinne des Wortes in die Schusslinie rivalisierender Drogenbosse geraten sein.

Was wir wissen: Es geschah bereits am 22. Mai: Drei Männer betraten die Schwulenbar „La Madama” in Xalapa, der Hauptstadt des mexikanischen Bundesstaates Veracruz, und schossen in die Menge. (MÄNNER-Archiv) Rund 400 Gäste sollen sich in der Bar aufgehalten haben. Mindestens fünf kamen ums Leben, in anderen Berichten ist von bis zu 15 Opfern und zahlreichen Verletzten die Rede. Ein Arzt, der zum Tatort gerufen wurde, spricht sogar von noch mehr Toten. Der Staatsanwalt des Bundesstaates spricht in seinem offiziellen Bericht von fünf Toten und vierzehn Verletzten. Die er, nach einer ersten Untersuchung, den anderen Tausenden Toten zuschlug, die in Mexiko jedes Jahr in einem Krieg sterben, der nie offiziell erklärt wurde, aber seit fast 40 Jahren läuft: dem um Drogen. Auch die Opfer im „La Madame“ sollen im wahrsten Sinne des Wortes in die Schusslinie rivalisierender Drogenbosse geraten sein. Was als erstes dazu führte, dass Medien außerhalb von Mexiko die Meldung ignorierten. Der Krieg um und gegen Drogen ist in seiner brutalen Alltäglichkeit inzwischen so gewöhnlich, dass fünf Tote und 14 Verletzte auch mal unter den Tisch fallen können, weil es für englischsprachige Medien, an denen sich der Rest der Welt orientiert, Wichtigeres gibt. Donalds Trumps letzten Verbalausfall gegen Mexikaner zum Beispiel.

Erst am 18. Mai, vier Tage vor dem Attentat, hatte der mexikanische Präsident Enrique Peña Nieto sich für eine landesweite Einführung der Homo-Ehe ausgesprochen.

LGBTI-Organisationen in der Region und in Mexiko insgesamt, wiesen zwar energisch darauf hin, dass der Angriff auf den Club auch eine LGBTI-feindliche Dimension hat, wurden aber ignoriert. Dabei wäre die Gelegenheit günstig gewesen, an der Tragödie eine neue, nationale Diskussion über Homopolitik zu entzünden: Erst am 18. Mai, vier Tage vor dem Attentat, hatte der mexikanische Präsident Enrique Peña Nieto sich für eine landesweite Einführung der Homo-Ehe ausgesprochen. Er werde einen entsprechenden Antrag auf Verfassungsänderung in den Kongress einbringen. Mexiko müsse „Diskriminierung verhindern und gleiche Rechte für alle sicherstellen“, sagte Nieto und schmückte am Internationalen Tag gegen Homophobie und Transphobie seine Social-Media-Profile mit Regenbogenfarben. Es passierte das übliche: AktivistInnen waren begeistert, die katholische Kirche entsetzt, was beide Partei breit kund taten.

In dreizehn Bundesstaaten und großen Städten Mexikos können Lesben und Schwule heiraten. Diese Ehen müssen von den übrigen der 31 Bundesstaaten anerkannt werden.

Womit die Hauptkonfliktparteien im Kampf um gleiche Rechte für alle in Mexiko benannt wären: 83 Prozent aller Mexikaner sind katholisch, es gibt neben der Kirche nur noch eine andere Institution von ähnlicher gesellschaftlicher Wirkmächtigkeit: die Familie. Was ein Grund dafür sein dürfte, dass es mit der Eheöffnung in Mexiko relativ flott vorangeht und das Land auch beim Adoptionsrecht weiter ist, als Deutschland. „Richtige“ Familien bestehen, vor allem aus kirchlicher Sicht, schließlich aus Paaren mit Kindern, da ist das Geschlecht der Partner eher nachrangig. In dreizehn Bundesstaaten und großen Städten Mexikos können Lesben und Schwule heiraten. Diese Ehen müssen von den übrigen der 31 Bundesstaaten anerkannt werden. Was faktisch bedeutet, die Ehe ist im ganzen Land geöffnet, nur die Anreisewege zu Hochzeiten sind gelegentlich etwas lang. Trotzdem entschied im Juni 2015  Oberste Gerichtshof von Mexiko zusätzlich, dass das Ehe-Verbot für Schwule und Lesben gegen den Gleichbehandlungsgrundsatz in der mexikanischen Verfassung verstößt. Jedes Paar kann die Eheöffnung in seinem Heimatstaat seitdem einklagen, sollte der Präsident mit seiner Initiative nicht schnell genug sein. Im August 2015 sprach das Verfassungsgericht erneut Recht: das bundesstaatliche Verbot der Adoption durch gleichgeschlechtliche Paare sei verfassungswidrig. (MÄNNER-Archiv) Seitdem kann jede/r LGBTI Kinder adoptieren. Das niemand auf Grund seiner sexuellen Orientierung diskriminiert werden darf, hat Mexiko schon 2001 in seine Verfassung geschrieben, die deutsche Bundesregierung ist auch fünfzehn Jahre später immer noch nicht soweit.

Fünf Tote und vierzehn Verletzte, das bleibt im furchtbaren Rahmen. Vielleicht hat es auch deswegen Wochen gedauert, bevor auch wir auf die Nachricht aufmerksam wurden.

Also alles schön? Nein. Denn homophobe Gewalt ist, besonders auf dem Land, weit verbreitet. Laut einem Bericht der Menschenrechtsorganisation „Comisión Ciudadana de los Crímenes de Odio por Homofobia“ wurden in Mexico von 1995 bis 2014 1218 Menschen aufgrund ihrer sexuellen Orientierung ermordet. Verletzte, Angriffe und Übergriffe gab es Zehntausende. Fünf Tote und vierzehn Verletzte, das bleibt im furchtbaren Rahmen. Vielleicht hat es auch deswegen Wochen gedauert, bevor wir auf die Nachricht aufmerksam wurden. Eines der ersten LGBTI-Blogs, dass über die Tat im La Madama berichtete, war GayNZ.com, aus Neuseeland. Dessen Co-Herausgeber Jay Bennie schrieb mehr als zwei Wochen nach den Ereignissen: „Es verstört mich zutiefst, dass diese Geschichte nicht von englischsprachigen Medien aufgegriffen wird, besonders von den LGBTI-Medien. Unsere Leben sollten zählen, egal wo sie ausgelöscht werden, wie mächtig das betreffende Land ist oder wie bekannt die Stadt, in der sich diese furchtbaren Ereignisse zutragen. Für unsere Schwestern und Brüder aus Mexiko erstrahlt der Eiffelturm nicht in Regenbogenfahnen, niemand legt Blumen vor der mexikanischen Botschaft nieder, niemand veranstaltet Trauermärsche. Die Stille der westlichen Medien und der LGBTI-Communities ist erbärmlich.“ Gestern stellte Bennie an gleicher Stelle die Frage, warum überall für die Opfer von Orlando Geld gesammelt wird, aber niemand einen Cent für die Familien in Veracruz übrig hat.

Die Frage die alle mithören, ist „Sind mexikanische LGBTI weniger wert als die in den USA?“ Selbstverständlich nicht.

Was eine hübsche, aggressive Schlagzeile abgibt, aber niemandem hilft. Die größten Spendenaktionen sind von der Community in Orlando selbst organisiert worden. Weil hier die Strukturen und Reaktionsmuster vorhanden sind, um genau das zu tun und die Betroffenen am besten wissen, was sie brauchen. Diese Strukturen scheint es, trotz allen politischen Fortschritts, in Mexiko so nicht zu geben. Der immanente Rassismusvorwurf, der in den letzten Tagen die Diskussion um die Ereignisse im „La Madama“ prägt, ist simplifizierend und nützt vor allen denjenigen westlichen Aktivisten, die sich durch ihn selbst als nicht rassistisch aufladen können. Nebenbei hat er den unangenehmen Nebeneffekt, das Massaker von Orlando zu relativieren. Die Frage die alle mithören, ist nämlich: „Sind mexikanische LGBTI weniger wert als die in den USA?“ Selbstverständlich nicht. Auch im „Pulse“ wurde an diesem Abend viel Spanisch gesprochen, auch hier waren die Opfer zum Teil lateinamerikanischer Abstammung. Macht sie das besser oder schlechter als die Toten im „La Madama“? Nein, es macht sie nur medial sichtbarer. Und das können wir ändern.

Foto: Imago/Agencia EFE

 


0 Kommentare



Likes & Shares

Durch die fortgesetzte Nutzung der Website erklären Sie sich mit der Verwendung von Cookies einverstanden. mehr Info

The cookie settings on this website are set to "allow cookies" to give you the best browsing experience possible. If you continue to use this website without changing your cookie settings or you click "Accept" below then you are consenting to this.

Close