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Jetzt wird aufgearbeitet

Rheinland-Pfalz ist schon fertig, jetzt folgen Hessen und Ba-Wü mit der §175-Erforschung

Das lange Hin und Her während der Ausschreibung ist vorbei, der Vertrag ist unterzeichnet, jetzt geht die eigentliche Arbeit los. Für das Land Hessen arbeitet das Schwule Museum* die Schicksale der §175-Opfer auf. Aber nicht, wie vermutet werden könnte, während der Zeit der Nationalsozialisten, sondern in der jungen Bundesrepublik.

Die zwei Historiker Kirsten Plötz, eine Expertin auf dem Gebiet der lesbischen Geschichte, und Marcus Velke, der auch im Vorstand des Centrums Schwule Geschichte Köln arbeitet, haben mit der Recherchephase begonnen. Sie stehen vor der Aufgabe, die Bestände aufzuarbeiten. Sie werden Akten sichten, die jahrzehntelang niemand mehr in den Händen hatte. „Das ist Pionierarbeit“, erklärt Katja Koblitz vom Schwulen Museum*, die als wissenschaftliche Volontärin für das Projekt zuständig ist.

Vorreiter: Rheinland-Pfalz

Ziel der Forschung, die Ende Juli 2017 abgeschlossen sein soll, sind drei Aspekte: Eine Publikation, welche die Forschungsergebnisse dokumentiert, eine Ausstellung im Wiesbadener Landtag, die auch die breite Öffentlichkeit erreichen soll, sowie eine Fachtagung, bei der Experten zum Thema zusammenkommen.

Hessen ist nicht das erste Bundesland, das seine schwullesbische Verfolgungsgeschichte untersucht. Bereits im Dezember 2012 hat das rot-grün regierte Rheinland-Pfalz einem ähnlichen Forschungsprojekt zugestimmt. Auch daran war Kirsten Plötz beteiligt. „Gerade die jüngere Generation, die die Verfolgung von homosexuellen Menschen zum Glück nicht mehr persönlich erlebt hat, sollte über dieses Kapitel deutscher Geschichte informiert sein“, sagte die zuständige Familienministerin Anne Spiegel damals.

„Ein kleiner Tropfen auf einem sehr heißen Stein“

Aktuell wird deshalb eine Ausstellung gegen Homophobie und zur Förderung von sexueller und geschlechtlicher Vielfalt erarbeitet, die bis Ende des Jahres fertig sein soll. „Ich könnte mir fast vorstellen, dass das Projekt in Rheinland-Pfalz der Anstoß war, dass sich auch das Ministerium in Hessen damit auseinandersetzt“, sagt Katja Koblitz vom Schwulen Museum*.

Die Zeit zwischen Kriegsende und 1994, als der Paragraph 175 endgültig aus dem Strafgesetzbuch gestrichen wurde, ist aus schwullesbischer Sicht noch immer eine Forschungslücke, auch wenn es zum Beispiel einen Film über die Frankfurter Homosexuellenprozesse 1950/51 gibt (MÄNNER-Archiv). Deshalb seien die 100.000 Euro, die das Land Hessen bereitstellt, „nur ein kleiner Tropfen auf einem sehr heißen Stein“, findet Koblitz.

In Baden-Württemberg können sich Bürger aktiv an der Forschung beteiligen

Etwas mehr Geld stellt das Land Baden-Württemberg zur Verfügung. Sowohl das Wissenschafts- als auch das Sozialministerium fördern Forschungsprojekte, die sich mit der Unterdrückung homosexueller Menschen auseinandersetzen (MÄNNER-Archiv).

So setzt das Projekt der Universität Stuttgart, Bundesstiftung Magnus Hirschfeld und des Instituts für Zeitgeschichte vor allem auf den Public-History-Ansatz: Bürger können sich aktiv in die Geschichtsaufarbeitung einbringen. Erinnerungen und Dokumente von Zeitzeugen sollen die wissenschaftlichen Ergebnisse ergänzen.

Baden-Württemberg: Neues Projekt ist angelaufen

„Mit dem Projekt macht die Landesregierung auf das begangene Unrecht aufmerksam und setzt ein klares Zeichen gegen Homo- und Transphobie in unserer Gesellschaft“, heißt es aus dem Sozialministerium, das die Forscher mit rund 190.000 Euro unterstützt. Die Ergebnisse sollen in einigen Wochen auf einer eigenen Internetseite veröffentlicht werden.

Im ersten Teil des Forschungsvorhabens „LSBTTIQ in Baden-Württemberg: Lebenswelten, Repression und Verfolgung im Nationalsozialismus und der Bundesrepublik Deutschland“, das vom Wissenschaftsministerium finanziell gefördert wird, steht die Opferseite im Vordergrund. Insgesamt aus drei Modulen besteht das Forschungsprojekt, das erste – „Lebenswelten und Verfolgungsschicksale homosexueller Männer“ – ist gerade angelaufen.

Drei Bundesländer arbeiten bereits auf – Dominoeffekt für andere Länder?

Innerhalb von drei Jahren wird neben der Opferseite auch der gesellschaftliche Umgang mit der Verfolgung untersucht: Gab es Denunzianten? Wer hat sich mit den Verfolgten solidarisiert? Wie haben sich die Kirchen verhalten?

Dass sich die drei Bundesländer Rheinland-Pfalz, Hessen und Baden-Württemberg mit der Aufarbeitung ihrer schwullesbischen Verfolgungsgeschichte beschäftigen, begrüßt Koblitz. „Allmählich kommen sie in einen Begründungs-Notstand, wenn sie es nicht tun würden“, sagt die Historikerin vom Schwulen Museum*. „Ich fände es toll, wenn sich daraus ein Domino-Effekt entwickelt.“

Titelbild: pixabay


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