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Kommentar: Richtige und falsche Freunde

Es ist sehr schnell sehr ruhig geworden nach Orlando. Dabei brauchen wir gerade jetzt Verbündete.

In der Not erkennt man seine Freunde, heißt es ja so schön. Aber wäre das denn auch wirklich so einfach. Wenn ich heute Abend zum Gedenken an die Opfer von Orlando das Get-Together am Brandenburger Tor besuchen werde, dann nicht nur als jemand, den die vergangene Woche verdammt traurig und fertig gemacht hat. Sondern auch als jemand, der sich in vielerlei Hinsicht ratlos fühlt. Da ist eine furchtbare Tragödie in den USA passiert – in einem schwulen Club wurden unfassbar viele Menschen getötet und verletzt. Eine Tragödie, die seit langem zum ersten Mal wieder auf globaler Ebene viele verschiedene LGBTI-Communities zusammengebracht und in Trauer vereint hat. Eine Tragödie, die uns gezeigt hat, dass nichts vorbei ist. Dass wir zwar vieles erreicht und durchgesetzt haben. Dass aber vor allem jene, die nicht über das volle Set an Privilegien verfügen, nach wie vor auch die sind, die homophober und transphober Gewalt am schutzlosesten ausgeliefert sind.

Ich hatte mit Solidaritätsbekundungen gerechnet, vielleicht hier und da mit einem geänderten Profilbild. Was passierte, war aber etwas anderes.

Ich hatte dabei insbesondere von meinem heterosexuellen Umfeld hierzulande einen großen Aufschrei erwartet. Speziell von jeden, die ich immer besonders als Verbündete wahrgenommen habe. So nach dem Motto: Wie kann so etwas immer noch passieren? Was müssen wir tun, damit so etwas nicht mehr passiert? Ich hatte mit Solidaritätsbekundungen gerechnet, vielleicht hier und da mit einem geänderten Profilbild. Zumindest mit einer Geste von: Wir sind bei Euch. Denn seien wir doch mal ehrlich: Bis auf die Wahl der Waffe und die Besonderheiten des Clubs hätte eine ähnliche Tat jederzeit auch in Berlin oder einem anderen Ort in Deutschland stattfinden können.

Was passierte, war aber etwas anderes. Passiert ist, dass in den deutschen Medien erstmal zwei Tage lang fast ausschließlich über den Täter gesprochen wurde. Oder besser: Über die Religion des Täters. Fast so, als würden alle hoffen, das dieser Mann ein vom IS persönlich gebriefter und möglichst noch direkt aus Syrien eingeschleuster Islamist ist. Einer, der gut genug in die Erzählung vom „radikalen Muslim” passt, als dass man sich zurücklehnen kann und sagen kann: War ja klar, dass so einer sowas macht.

Löcher in der Erzählung

Dann stellte sich allerdings nach und nach heraus, dass die Fakten ein komplizierteres Bild liefern. Ja, er wollte sich als Islamist inszenieren und hat versucht, mit Terrororganisationen in Kontakt zu treten. Er ist also voll in der Rekrutierungsstrategie des IS aufgegangen. Aber inzwischen hat das FBI herausgefunden, dass er auch munter behauptet hat, mal Al-Qaida zu unterstützen und dann wieder IS-Anhänger zu sein. Obwohl sich beide Organisationen gar nicht leiden können. Stattdessen wurde schnell klar, dass er ein ziemlich brutaler und reizbarer Mensch war, der seine Exfrau misshandelt hat. Der psychisch extrem labil war und sich schon seit Jahren ständig wütend über Schwule ausgelassen hat. Es wurde klar, dass Religion hier – wie so oft – nur einer von mehreren Faktoren war.

Als das alles ans Tageslicht kam, da passierte in den deutschen Medien, naja, erstmal nicht mehr so viel. Innerhalb von zwei Tagen war die Story bei Spiegel Online nur noch in Form einer Meldung über Donald Trump auf der Titelseite. Auf der Webseite der Süddeutschen Zeitung war sie unter „Panorama” gerutscht. Hatte sie plötzlich nicht mehr genug Klicks produziert, um weiter bearbeitet zu werden?

Kein Terrorismusexperte kann so richtig etwas zu Themen wie „internalisierte Homophobie” oder „toxische Maskulinität” sagen.

Mir kam das alles ziemlich schnell vor. Ein bisschen zu schnell. Mein Verdacht ist inzwischen, dass sich plötzlich alle und ganz besonders die Heterowelt gefragt haben: Wenn dieser Typ nun kein „richtiger” Terrorist war, was war er denn dann? Dass den Medien plötzlich die Erklärungen ausgegangen sind. Und die Experten. Weil kein Terrorismusexperte so richtig etwas zu Themen wie „internalisierte Homophobie” oder „toxische Maskulinität” sagen kann.

Jenseits der Medien schien es so, als hätte sich die Mehrzahl der Heteros im Zuge dieser Entwicklung grob in zwei Gruppen aufgeteilt. Die, die sich dachten: Keine Ahnung, was da wirklich passiert ist, betrifft mich ja jetzt sowieso nicht mehr nicht so recht. Und die, die sich zwar als Verbündete sehen, aber nicht so richtig wussten, wie sie sich jetzt verhalten sollten. Wofür oder wogegen sie jetzt eigentlich sein sollten. Vielleicht auch, weil sie abgeschreckt waren durch all jene Artikel, die die ganze Katastrophe zur reinen LGBTI-Katastrophe erklärten. Klar, dass man sich da erstmal zurückgewiesen fühlt.

Wir brauchen richtige Freunde

Natürlich ist es schwierig, einem trauernden und vielleicht auch wütenden Freund in schweren Zeiten zur Seite zu stehen. Vor allem, wenn man nicht so genau weiß, was eigentlich seine Bedürfnisse sind. Aber, liebe Heteros, wir verlangen gar nicht so viel von Euch. Wir verlangen nur, dass Ihr versteht, dass uns dieses Attentat ganz besonders trifft, weil es uns als Minderheit galt. Und dass es andere Konsequenzen benötigt, als irgendwo anders einen Krieg anzuzetteln. Wir brauchen Konsequenzen vor Ort. Sowas wie völlige Gleichstellung. Sowas wie Aufklärungsprogramme an Schulen, in denen das Thema nicht nur mit der Kneifzange angegangen wird. Verspätete Lippenbekenntnisse wie das unserer Kanzlerin (MÄNNER-Archiv) kommen einem da eher zynisch vor.

Ich freue mich über jedes Posting eines Heterofreundes in den Sozialen Medien zu dem Thema.

Gleichzeitig heißt das noch lange nicht, dass wir nicht verstehen, das Euch die ganze Sache auch fertig macht. Dass Ihr Euch auch angesprochen fühlt. Und wir nehmen Eure Solidarität gerne an. Ich freue mich persönlich über jedes Posting eines Heterofreundes in den Sozialen Medien zu dem Thema. Freue mich, wenn ich mich mal kurz bei meiner Mutter ausheulen kann, weil sie einfach mal nachfragt, wie es mir mit der Sache geht. Freue mich, wenn jemand zeigt, dass es sie/ihn interessiert.

Denn die falschen Freunde lauern dieser Tage an jeder Ecke. Nach Donald Trump zählt sich nun plötzlich auch der konservative israelische Präsident Benjamin „Bibi” Netanjahu zu denen, die die LGBTI-Community vor Islamisten retten wollen. Beide definitiv nicht die, von denen zu erwarten ist, das sie sich auch im Inland wirklich für die Rechte von LGBTI einsetzen werden. Sogar König Salman von Saudi Arabien will die Welt nach Orlando vor Terroristen schützen. Vielen Dank. Das sind nicht die Verbündeten, die wir brauchen und es sind nicht die Verbündeten, die wir verdient haben. Verdient haben wir Verbündete, die sich ernsthaft die Mühe geben, zu verstehen, wie Homophobie, Transphobie und Sexismus funktionieren und sich nicht zu fein sind, sich dabei auch mal an die eigene Nase packen. Die sich Fragen stellen, die vielleicht auch mal weh tun oder unbeliebt sind. Die verstehen, wie viel politische Heuchelei selbst in schwierigen Zeiten wie dieser auf dem Rücken unserer Communities ausgetragen wird.

Ich weiß, das klingt so, als wären wir unglaublich wählerisch mit unseren Freunden. Aber wer zu oft an falsche Freunde geraten ist, will eben einfach die richtigen. Dafür sind wir aber für jeden einzelnen richtigen Freund von Herzen dankbar.

Foto: Imago


17 Kommentare

  1. Al Ex

    das stimmt,das ist sehr auffällig wie kleinlaut jetzt viele sonst in der Öffentlichkeit stehende Personen sind!Die haben bloss Schiss selbst dann Zielscheibe zu sein,wenn sie Leute wie unser eins unterstützen!

  2. Dirk Heinrich

    Unser Kampf um Akzeptanz und Gleichstellung in den Gesellschaften dieser Welt wird nie vorbei sein. Es sind einfach zu viele Menschen auf diesem Planeten, die keine vernünftige Erziehung und Bildung genießen. Auch in Europa. Wie vielen Menschen wurde es in ihrer Kindheit als richtig vorgelebt, homophop zu sein? Warum kann nicht allen Kindern auf dieser Welt vermittelt werden, dass das Leben und die Natur bund sind und damit das normalste auf der Welt?

  3. Andreas Pollinger

    Den meisten meiner Freunden ist die EM grad wesentlich wichtiger und alle Gespräche drehen sich darum. Aber ich finds nicht tragisch, weil ich machmal auch keine Lust hab, mich über die ganze Negativkacke auf unserem Planeten zu unterhalten.

  4. Marc Schmale

    Einige meiner Freunde und Bekannte, die ich darauf angesprochen hab, wussten entweder nichts davon oder haben nur am Rand was mitbekommen. Selbst meinen Schwulen Bekannten war/ist es größtenteils egal, was ich nicht verstehe!
    Hauptsache Fußball. Das ist wichtiger als alles andere.

  5. Horst Lukas Kieler

    Als ich in meinem FB Profil etwas über Orlando gepostet habe, hat sich von meinen Hetero-„Freunden” auch nicht einer zu einem Kommentar herab gelassen. Das hat mich dann doch sehr gewundert und auch enttäuscht.

  6. Alex Knogl

    Die Aufmerksamkeit sollte allen Schwulen und Lesben auf dieser Welt gelten, die Opfer von Massaker, Terror und Gewalt werden. Warum erwartet man gerade von diesem Anschlag so viel Aufmerksamkeit? Weil es viele waren. Wieviele Schwule und Lesben sterben auf Grund von Gewalt in Afrika, arabischen Ländern und Asien davon wird kaum berichtet.

  7. Jens Roediger

    Nur zur Info: auf seiner Homepage äußert sich der Zentralrat der Muslime in Deutschland zu jedem Attentat der letzten Monate – von Orlando jedoch keine Spur.

  8. Jürgen Gladbeck

    Freunde … macht Euch mal nix vor …
    Wenn sich der Wind morgen dreht, die Homophoben Macht erhalten (AfD)
    Was glaubt ihr wieviele Eurer Hetenfreunde für Uns eintreten werden ?
    Wir stehen allein !

  9. Rolf Michael Kiesen

    Ein Verbündeter der Szene ist Prinz William. Er hat nach dem Attentat von Orlando erklärt, niemand dürfe wegen seiner sexuellen Orientierung diskriminiert werden. Michael Kiesen, Autor u.a. Roman „Halbmond über Berlin”


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