Candles glowing in the dark

„Zeigen, wie stark wir sind”

Gute Gründe, sich bei Mahnwachen in Berlin und anderswo zu zeigen

Am Brandenburger Tor findet heute Abend eine Mahnwache für die Opfer der Schießerei im Schwulenclub „Pulse” statt. 5.600 Menschen haben zugesagt. Wir haben Freunde und Kollegen gefragt, warum sie zum Brandenburger Tor gehen.

Kevin Clarke, Vorstand Schwules Museum*

Orlando

Kevin Clarke (Foto: Needle Berlin)

„Ich gehe hin, weil ich es unerträglich finde, wie in Deutschland die Politik mit dem Massaker auf Homosexuelle in Florida umgeht, sich der einfachen Nennung von und Solidarisierung mit Homosexuellen verschlossen (erst auf öffentlichen Druck hin äußerte sich die Kanzerlin zum Thema Homohass – MÄNNER-Archiv) und sich Berlin im Gegensatz zu den meisten internationalen Metropolen auch noch lange geweigert hat, selbst so etwas Einfaches zuzulassen wie Regenbogenbeleuchtung des Brandenburger Tors. Das ist beschämend, und ich möchte mit meiner Anwesenheit bei der Mahnwache verdeutlichen, dass Orlando auch Menschen in Deutschland betrifft, die Alltagssituation vieler Homosexueller hier, den Umgang hierzulande von Religion und religiösen Extremisten mit Homosexuellen, und dass „wir“ auch Wähler sind, die man nicht einfach so ignorieren kann aus Sorge um die AfD oder sonstige konservative Flügel der Gesellschaft.

Gegen dieses aktuelle und gezielte Schweigen und Ausgrenzen von Homosexuellen muss man deutlich protestieren mit einer möglichst großen Mahnwache

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MÄNNER bei Facebook am 16.6.2016

Wenn es Präsident Obama schafft, sofort und direkt die LGBT-Zielgruppe der Attacke zu benennen und sich an deren Seite zu stellen, dann hätte ich von Merkel, Gauck & Co. mindestens das Gleiche erwartet – gerade jetzt in der Gay-Pride-Saison, gerade jetzt in der Flüchtlingsdebatte, gerade jetzt im Wahlkampf vom Land Berlin, gerade in einer Stadt die einen schwulen Bürgermeister hatte und in einem Land, das einen schwulen Außenminister hatte (bei dessen Beerdigung Merkel und Gauck anwesend waren und vor laufenden Kameras Tränen mit dem Witwer weinten). Gegen dieses aktuelle und gezielte Schweigen und Ausgrenzen von Homosexuellen muss man deutlich protestieren mit einer möglichst großen Mahnwache. Und wenn sich danach in Deutschland etwas ändert, kann die schreckliche Tat von Florida – mitten im US-amerikanischen Bibelgürtel rund um Orlando – vielleicht doch noch etwas Positives bewirken. Und zu einer überfälligen allgemeinen Diskussion und Veränderungen bei uns führen.”

 

Ronny Matthes, Communications Manager/Bruno Gmünder Verlag

Unbenannt

„Ich gehe hin, weil ich mir, frei nach Hubert Fichte, ‘die Freiheit nur als eine gigantische, weltweite Verschwulung’ vorstellen kann.”

 

Marcel Weber, Geschäftsführer SchwuZ

Orlando

Marcel Weber (Foto: Kriss Rudolph)

„Seit ein paar Jahren ist  zu beobachten, und das nervt mich mittlerweile total, dass jeder seinen Müll ins Internet rotzt und sich empört. Und wenn jetzt alle mal ihr Smartphone aus der Hand legen würden und die Zeit nutzten, die sie dadurch gewinnen, um zu so einer Kundgebung zu gehen, dann haben wir davon alle etwas, und dort können sie auch gerne ihre Meinung rauskrakeelen. Man kann da eine Weile seiner Trauer und seinem Schock nachspüren über eine Tat, die man nicht versteht, und Anteil nehmen. Das reicht. Jeder, der für fünf Minuten hinkommt, ist einer mehr. Und ich glaube nach wie vor an die Kraft der Community – oder eher der Communitys, weil es nicht nur eine gibt und auch nicht geben muss. Ich glaube, dass sich dann durch so einen traurigen Anlass zeigt: Wir sind stark und haben eine Stimme.” (Hier geht’s zum kompletten Interview mit Marcel Weber – MÄNNER-Archiv)

 

Tobias Sauer, Chefredakteur Spartacus Traveler (derzeit auf Reisen in New Orleans)

Orlando

Tobias Sauer (Foto: Facebook)

„Ich würde sehr gerne hingehen, weil mich der Anschlag auf das ‘Pulse’ in Orlando stärker getroffen hat, als ich erst dachte, und stärker als viele der anderen Anschläge in den letzten Monaten. Er hat gezeigt, wie verletzlich unsere Community sein kann, und ich hoffe, die Demonstration am Samstag zeigt zugleich, wie widerstandsfähig und stark wir sind. Unabhängig davon, was die wirklichen Motive des Täters waren: Es ging ihm darum, Schutzräume zu zerstören und die Sichtbarkeit schwul-lesbischen Lebens zurückzudrängen. Dieses Spiel sollten wir nicht mitspielen, sondern Gesicht zeigen, aufstehen, unsere Wut und Trauer in der Öffentlichkeit verarbeiten.“

 

Kriss Rudolph, Chefredakteur MÄNNER

Chefredakteur Kriss Rudolph

Kriss Rudolph (Foto: Philip Kanchana)

„Ich gehe heute Abend zur Mahnwache, weil ich mich überzeugen will, ob sie den Regenbogen am Brandenburger Tor wirklich anknipsen. Was war das für ein Theater diese Woche – man musste dem Berliner Senat auf die Füße treten und der Kanzlerin einen Schubs geben, damit sie ein Zeichen setzen und Stellung beziehen zum massenhaften Mord an Mitgliedern der LGBTI-Gemeinde. Andere Städte waren schneller – in Bielefeld leuchtete der Turm der Sparrenburg schon Anfang der Woche.

Ich werde mich nachher am Pariser Platz einfinden, auch in der Hoffnung, dass es nicht so eine traurige Veranstaltung wird wie so manche Demo oder Kundgebung zum Thema Ehe für alle, die die Hauptstadt zuletzt immer wieder gesehen hat. Die Kanzlerin wird sich vor Lachen den Bauch gehalten haben, angesichts der paar Dutzend Leutchen, die sich da an der Gedächtniskirche versammelt oder durch die Stadt marschiert sind. Bei so viel öffentlichem Druck kann man sich bequem zurücklehnen und die Raute machen, als wäre nichts passiert.

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Die Mobilversion von Facebook empfiehlt mir, heute zu Hause zu bleiben – es soll Regen geben. Geht’s noch? Regen ist die Voraussetzung dafür, dass es überhaupt Regenbögen gibt. Regen und Sonne. Wenn es also nachher nicht gerade hagelt und uns der Wind orkanartig ins Gesicht schlägt, ist die Mahnwache ein Pflichttermin. Wer keinen Schirm hat – ich bringe ein paar mit.

Es kostet uns nichts, an diesem Abend auf ein Vergnügen zu verzichten

Ich weiß, es wird Leute geben, die sagen: #Ich habe Kinotickets, Omma wird 70, ich muss morgen früh raus’ etc. Nun, die Opfer von Orlando werden nie wieder einen Geburtstag feiern und sich nie wieder bei einem Film amüsieren. Es kostet uns nichts, unsererseits an diesem Abend auf so ein Vergnügen zu verzichten. Das gilt selbstverständlich für alle Veranstaltungen, nicht nur für die in Berlin.”

Die Mahnwache beginnt offiziell um 21 Uhr. Unsere Kollegen von Brunos streamen die Gedenkveranstaltung ab 20.45 Uhr über ihre Facebook-Seite.

Titelbild: Fotolia

 

 

 

 

 

 

 

 


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