Hexenjagd auf schwule Männer

Dokumentarfilm über Frankfurter Homosexuellenprozesse 1950-51

Nach über sechs Jahrzehnten ist ein dunkles Kapitel der deutschen Nachkriegsgeschichte fast vollständig in Vergessenheit geraten. „Bereits die Generation nach 1968 ist sich nicht mehr dessen bewusst, dass eine solche Hexenjagd in Deutschland stattgefunden hat”, sagt der Düsseldorfer Journalist und Dokumentarfilmer Van-Tien Hoang, der sich jetzt des Themas annimmt – die Frankfurter Homosexuellenprozesse 1950-51, bei denen Paragraf 175 nach dem Ende des Nazi-Regimes erneut als Instrument eingesetzt wurde, um gleichgeschlechtliche Liebe unter Männern zu bestrafen. Es gab über 200 Verhaftungen in weniger als 10 Monaten. Die meisten Männer verloren kurz darauf ihre Anstellung, einige flüchteten ins Ausland, mindestens sechs begingen Selbstmord – darunter ein 19-Jähriger, der vom Goetheturm in den Tod sprang.

Mehr als 200 homosexuelle Männer mussten sich vor Gericht verantworten

Am 16. Juli 1950 verhaftete die Polizei in Frankfurt am Main den Stricher Otto Blankenstein wegen des Verstoßes gegen Paragraf 175, der „homosexuelle Akte” zwischen Männern unter Strafe stellte. Um dem Gefängnis zu entgehen, gab der damals 19-Jährige die Namen seiner „Bekanntschaften“ preis; dies führte zu einer 10 Monate andauernden Verhaftungswelle. Mehr als 200 homosexuelle Männer mussten sich ab Oktober vor Gericht verantworten. Einer von ihnen: Wolfgang Lauinger. Der gebürtige Schweizer, der acht Monate hinter Gittern saß, bevor sein Prozess begann, ist vermutlich das letzte noch lebende Opfer der Frankfurter Homosexuellenprozesse 1950-51. „Trotz seiner 97 Jahre ist er in der Lage, mir wichtige Informationen zu den Behandlungen, die er und seine Leidensgenossen während ihrer Haftzeit erdulden mussten, zu liefern”, so der Dokumentarfilmer. (Für ein Forschungsprojekt in Rheinland-Pfalz zur Verfolgung durch § 175 StGB werden Zeitzeugen gesucht – MÄNNER-Archiv.)

 Paragraf 175

Als Homosexueller mit jüdischen Wurzeln entkam Lauinger während der Nazi-Zeit nur knapp der Deportation ins Konzentrationslager. Nach Ende des 2. Weltkriegs glaubte er sich wieder in Sicherheit, bis im August 1950 die Polizei in seine Dienstwohnung kam und ihn verhaftete. Sein einziges Vergehen: mit Blankenstein gut befreundet gewesen zu sein.

Wie es der Zufall so will, war einer der Männer, die die Frankfurter Homosexuellenprozesse anführten, ein Anwalt, der für die Deportation von mindestens 10 Homosexuellen in der Nazi-Zeit verantwortlich war. Wie kann es sein, fragt Huong, dass eine solche Person in der Lage war, selbst im Nachkriegsdeutschland seinen Kreuzzug gegen Homosexuelle fortzusetzen?

Wie sollen wir sonst aus unserer Vergangenheit lernen und verhindern, dass sich so etwas wiederholt?

Bisher hat sich weder ein TV-Sender noch eine Filmproduktionsfirma um eine filmische Aufarbeitung bemüht, sagt der Düsseldorfer Filmemacher; darüber geschrieben haben zuvor schon u. a. Journalisten wie Elmar Kraushaar. Lange weigerten sich viele der Opfer, über ihre Erlebnisse zu reden, wodurch wertvolle Zeitzeugenaussagen für immer verloren gingen. „Das Schweigen muss jetzt ein Ende haben”, so Huong. „Wie sollen wir sonst aus unserer Vergangenheit lernen und verhindern, dass sich so etwas wiederholt?

Paragraf 175

Szene aus „Das Ende des Schweigens”

Recherchiert hat er u.a. in Quellen der Bundesstiftung Magnus Hirschfeld und im Hessischen Hauptstaatsarchiv Wiesbaden, wo er Zugang zu mehr als 400 Gerichtsakten erhielt. Gedreht wird in Frankfurt am Main, Produktionsbeginn ist im kommenden Februar. Sein Film, geplant als Doku-Drama mit nachgestellten Szenen von tatsächlichen Ereignissen, soll eine ganze Reihe von Fragen zu den Frankfurter Homosexuellenprozessen 1950-51 aufwerfen; damit will er den Opfern ein Denkmal setzen, die niemals eine offizielle Entschuldigung erhielten für das, was ihnen angetan wurde. Dazu gibt es Interviews mit Zeitzeugen, Historikern und Schriftstellern. Teil des Films sind Nachforschungen, warum Staatsanwalt Fritz Thiede und Amtsgerichtsrat Kurt Ronimi (ein ehemaliger Nationalsozialist) sich so sehr darum bemühten, 200 Männer innerhalb von 10 Monaten vor Gericht zu bringen.

Ungerechtigkeit zurück ins Gedächtnis der deutschen Bevölkerung holen

Ziel ist es, mit „Das Ende des Schweigens“ (Arbeitstitel), die Ungerechtigkeit, die die Männer erfahren mussten, wieder zurück ins Gedächtnis der deutschen Bevölkerung zu holen und international bekannt zu machen. Ein Gutachten, das die Bundesregierung in Auftrag gegeben hat, fordert endlich die Rehabilitierung der Opfer des Paragrafen 175 (MÄNNER-Archiv). „Die Frankfurter Homosexuellenprozesse 1950-51 dürfen nicht vergessen werden – genauso wenig wie die Menschen, die im Nachkriegsdeutschland verfolgt und bestraft wurden, nur weil sie sich zum gleichen Geschlecht hingezogen fühlten.”
Titelbild: Van-Tien Hoang (Unser Bild zeigt Wolfgang Lauinger, 1918 in Zürich geboren, der im Nationalsozialismus als Homosexueller und so genannter „Halbjude” verfolgt wurde.)


6 Kommentare

  1. Marian Stiehler

    Lesben sind Frauen. Die Sexualität der Frau wurde über Jahrtausende unterdrückt oder – was fast dasselbe ist – ignoriert, nicht ernst genommen; teilweise ist das heute noch so. Das mag einer der Gründe sein, aus dem Lesben weit weniger verfolgt wurden als Schwule. Das soll nicht heißen, dass sie viel besser dran waren, aber Deportationen ins KZ waren selten, Prozesse wegen Unzucht nach dem Krieg auch. § 175 betraf nur Männer.

  2. Beste Freundin

    Ein weiterer Grund könnte sein das und vor allem zu dieser Zeit der sexuelle Kontakt von zwei Frauen meistens nicht als solcher von Männern angesehen wird, wo wir dann wieder bei dem Thema wären was Marian angesprochen hat!…Frauen können dem nach keinen sex miteinander haben… Muss man nicht verstehen… Mal davon abgesehen finde viele Menschen die Vorstellung interessant dass sich zwei Frauen küssen usw. Bei Männern haben sie eher Angst, Ekel… Vielleicht weil sie selbst gerne würden keine Ahnung…


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