Liebe ist stärker

Wie die LGBTI-Gemeinde in New Orleans beim Pride das Attentat von Orlando verarbeitet

Am Wochenende fanden in den USA die ersten Prides seit dem Attentat in Orlando statt, bei dem mindestens 49 Menschen ums Leben kamen. (Diese Kampagne hilft den Hinterbliebenen und jenen, die bei dem Massaker verletzt wurden – MÄNNER-Archiv). In New Orleans nutzen die Teilnehmer die Demonstration, um ihre Wut zu verarbeiten und ihren Hoffnungen Ausdruck zu verleihen. Sie zeigten, dass sich die Community so schnell nicht einschüchtern lässt

 

Text und Fotos: Tobias Sauer *

Den ganzen Samstag über gibt es kräftige Gewitter im amerikanischen New Orleans. Starker Regen, helle Blitze und langandauerndes Donnergrollen. Fast den ganzen Tag, um genau zu sein, denn am Abend, kurz bevor sich die Wagen der Pride-Parade versammeln, klart der Himmel doch noch auf, und die Sonne kommt zum Vorschein. Zufall gewiss, aber dennoch ein schönes Symbol, selbst ohne Regenbogen.

Seit einer Woche, als Omar Mateen den Homo-Club „Pulse“ in Orlando überfiel und dort 49 Menschen ermordete, trägt die LGBTI-Community weltweit Trauer. Besonders spürbar ist die Wirkung des Anschlags nicht zuletzt wegen der geographischen Nähe in den USA.

Niemand verdient es, so zu sterben

Gleich zweifach wurde beim Pride, dem ersten nach dem Anschlag, deshalb an diejenigen erinnert, die im Pulse ihr Leben verloren haben. Zunächst führte ein leerer Wagen den Zug an. „Dem Terror die Stirn bieten“, stand darauf geschrieben. Ihm folgten rund hundert Menschen, die Fotos der Getöteten mit ihren Namen auf Schildern in die Luft hielten. „Niemand verdient es, so zu sterben“, rief einer der Demonstranten den Zuschauern am Straßenrand zu. Ein anderer erinnerte an das Alter eines der Ermordeten: „Er war erst 22! Er hat das College gerade abgeschlossen!“

Tränen und Umarmungen

Die Menschen am Straßenrand reagierten unterschiedlich, stets aber unterstützend. Manchmal herrschte betroffene Stille, immer wieder wischten sich Zuschauer und auch Demonstranten selbst Tränen weg. Zugleich gab es viel direkten Zuspruch, häufig brandete Applaus auf. „Yes, thank you!“ rief ein älterer Mann am Straßenrand in Richtung des Umzugs. Eine Dame umarmte Teilnehmer im Zug.

Liebe ist größer als Hass

Neben jenen, die ihrer Wut Ausdruck verliehen, suchten andere schon nach Konsequenzen auf das Attentat. „Love Wins“ stand nicht nur auf vielen Schildern, sondern auch auf einem riesigen Herz in Regenbogenfarben, das auf dem Wagen montiert war, der dem Trauerzug folgte. „Entwaffnet den Hass“ stand zudem auf vielen Schildern, auf anderen „Liebe ist größer als Hass“ oder „Mütter verlangen Handlungen!“ Ein großes Plakat, das von vielen Demonstranten gemeinsam getragen wurde, wandte sich zudem gegen Diskriminierung, die aus dem Attentat folgen könnte. Es warnte unter anderem vor der Ausgrenzung von Muslimen.

Besucherrekord in New Orleans

„Sehr viele Heterosexuelle haben uns dieses Jahr während der Parade unterstützt“, bilanzierte Chris Leonard, Direktor des Pride. Rund 70.000 Menschen hatten seinen Angaben zufolge den Umzug in der nur rund 350.000 Einwohner zählenden Stadt besucht, so viele wie noch nie. (So selbstverständlich und unverkrampft bezieht der neue österreichische Bundeskanzler Kern Stellung zu den Anschlägen von Orlando – MÄNNER-Archiv.)

Gesicht zeigen und nicht einschüchtern lassen

Auch einige Schwule und Lesben sind speziell wegen des Anschlags zum Pride gekommen. „Normalerweise besuche ich den Pride gar nicht, die Party Southern Decadence ist nämlich das größte schwule Event in New Orleans“, sagt Matthew, der in New Orleans wohnt. „Aber dieses Mal wollten meine Freunde und ich Gesicht zeigen.“ Matthew ging nicht nur zum Umzug, sondern auch zu dem kleinen Straßenfest in der Bourbon Street am Sonntag. Sein Ziel spiegelte sich in dessen Programm durchaus wieder: Gesicht zeigen, beweisen, dass man sich nicht einschüchtern und das eigene Leben nicht von einem Attentäter bestimmen lässt. Hier traten deshalb wie geplant Drag Queens auf, es wurde laut Musik gespielt, gelacht und ein bisschen getanzt. Und auch der Pride-Umzug war letztendlich nicht einfach nur eine traurige Angelegenheit. Dem Trauerwagen und einigen politischen Gruppen folgten zahlreiche Initiativen, die die Vielfalt der queeren Community verdeutlichten. Mit ihrer die Zuschauer in der Bourbon Street mitreißenden Musik, von Blaskapellen bis Elektro, und vielen Tänzern verbreiteten sie ihre Message: zu zeigen, dass die Community stärker ist als der Hass.

* Tobias Sauer ist Chefredakteur des Spartacus Traveler.

 


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