„Ich verdanke der Gay Community viel“

Knapp 30 Jahre nach „Never Gonna Give You Up“ bringt der britische 80er-Jahre-Popper Rick Astley ein neues Album raus

Mr Astley, Ihr neues Album ist nach ihrem aktuellen Lebensalter benannt: „50“. Die Songs klingen optimistisch, aber auch ein wenig vom Leben geläutert.

Was soll ich sagen? Niemand geht nur auf Rosen gebettet durchs Leben. Wenn jemand das Gefühl hat, das zu tun, dann fühlt er vermutlich gar nichts. Oder ignoriert vieles. Ich glaube nicht, dass so was möglich ist.

In der Single „Keep Singing“ thematisieren Sie Ihre Erfahrungen als Scheidungskind?

Stimmt. Meine Mutter und mein Vater ließen sich scheiden, als ich fünf war. Ich blieb bei meinem Vater. Auch wenn ich meine Mutter noch täglich sah, spürte ich wie unglücklich alle waren. Als Kind hab ich das nicht so reflektiert wie heute als Erwachsener. Ich wollte einfach raus aus dieser bedrückten Atmosphäre. Am tollsten war es, wenn in der Schule ein Theaterstück aufgeführt wurde, bei dem ich singen konnte. Das war meine Art, Aufmerksamkeit zu bekommen.

Hört sich an wie bei schwulen Jungs vorm Coming-out, die sich in Theaterwelt flüchten, um sich nicht mit sich selbst beschäftigen zu müssen?

Ein bisschen ist das vielleicht so. In gewisser Weise bis heute. Ich trage fast immer Anzug und Krawatte, wenn ich auf die Bühne gehe. Das ist auch eine Art Rüstung. Viele Künstler werden erst auf der Bühne zu der Figur, die sie für die Allgemeinheit darstellen. Elton John ist dafür das beste Beispiel.  Dass er früher mit Pailletten-Baseballtrikot auf die Bühne gegangen ist, war ja seine Art zu sagen „Ich bin ein schwuler Mann, so bin ich halt, wenn’s dir nicht passt, fick dich“. (Russlands Präsident Putin gab Elton John einen Korb – MÄNNER-Archiv.)

Sie kennen Elton John auch privat ganz gut, oder?

„Kennen“ wäre zu viel gesagt. Ich war häufig in seinem Unternehmen und wenn er jetzt vorbeilaufen würde, würde er mich mit einer großen Umarmung begrüßen. So ist er halt. Aber ich würde mir nie anmaßen zu sagen, dass ich die Privatperson Elton John kenne. Für mich steht dieser Mann immer noch auf einem Sockel.

In dem „50“-Song „Pray with me“ klingen Sie ein bisschen wie er.

Das nehme ich mal als Kompliment. Ich glaube, er ist ein viel besserer Sänger als allgemein wahrgenommen wird. Seine Karriere definiert sich mehr über die Songwriter-Seite, die glamourösen Kostüme und Brillen aus den 70ern und 80ern. Da tritt oft in den Hintergrund, dass er immer noch gute Platten macht und ein großartiger Sänger ist. Wenn er bis heut 50.000-Zuschauer-Stadien füllt, will ein Großteil vor allem die Legende sehen. Kann ich irgendwie auch nachvollziehen. Ich war neulich beim Electric Light Orchestra-Konzert. Ich finde die neue Platte auch gut. Aber ich wollte trotzdem die alten Songs hören.

Wenn Sie im Sommer Konzerte geben, wird also schon „Never Gonna Give You Up“ gespielt? 

Natürlich. Ich würde niemals ein Konzert ohne meine alten Songs spielen. Außer es gäbe einen triftigen Grund dafür. Wenn mein Name auf dem Ticket steht, bin ich dem Publikum diese Songs schuldig. Ich hab ja inzwischen auch eine gewisse Distanz zu ihnen. Dadurch, dass ich eine Zeitlang nicht aufgetreten bin, musste ich sie nicht 30 Jahre lang jedes Wochenende spielen. Ich muss auch ganz ehrlich sagen: Wenn ich ein Radiointerview gebe und „Never Gonna Give You Up“ wird in dem Zusammenhang nicht gespielt, fühlt sich das für mich unfertig an. Für  Shows gilt das Gleiche.

Ein richtiger Hit gibt also schon Sicherheiten…

Klar, sowohl künstlerisch als auch finanziell. Ich hab in den 80ern eine Menge Geld verdient, das mir danach viele Freiheiten gegeben hat. Okay, ich bin nicht Bruce Springsteen, aber es geht mir sehr gut.

So gut, dass Sie Jeremy Joseph, den Boss des Londoner G-A-Y , bei einem Benefizmarathon mit 5.000 Pfund sponserten.

Na gut, es war nicht so, dass ich zur Bank gegangen wäre und das Geld abheben musste. Ich hab meine Gage gespendet. Das G-A-Y hat mich oft gefragt, ob ich bei ihnen auftrete. Auch in Zeiten, in denen ich generell nicht aufgetreten bin. Als ich es wieder getan habe, haben wir einen Termin gemacht. Jeremy, meine Frau und ich haben viel gelacht. Es fühlte sich gar nicht nach Arbeit an. Dann erzählte er, dass er diesen Marathon macht und Unterstützer sucht. Also hab ich spontan meine Gage gespendet. Das war auch ein Akt der Solidarität. Ich weiß, dass ich der Gay Community eine Menge verdanke. Viele meiner Platten laufen in der Szene bis heute gut.

Sind Sie deshalb letztes Jahr beim Madrid Pride aufgetreten?

Das war vielleicht ein verrücktes Wochenende. Die ganze Stadt stand Kopf. Alles hing voller Regenbogenflaggen und nirgends war ein Durchkommen. Bei solchen Veranstaltungen ist mir schon klar, dass es nicht originär um die Künstler geht, die dort auftreten. Es geht um die Bewegung. Wenn man in dem Fall noch von Bewegung sprechen kann, die es meiner Meinung nach nicht mehr ist. Homosexualität ist zu einem Teil unseres Lebens geworden. Es ist zum Glück nicht mehr so wie in den 80ern, wo sich Schwule verstecken mussten. Heute ist man ist wer man ist – egal ob schwarz, schwul oder was auch immer. Das Leben ist so wie es sein sollte.

Immer noch nicht genug? Weitere Antworten gibt es in MÄNNER 6.2016.

Das neue Album „50“ erscheint am 10. Juni 2016.

Titelbild: BMG


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