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„Ruhe bewahren”

Interview mit dem Geschäftsführer des Berliner SchwuZ über die Folgen von Orlando

Marcel Weber ist Geschäftsführer des Berliner SchwuZ. Der Club, der im nächsten Jahr 40-jähriges Bestehen feiert, unterstützt wie MÄNNER die Mahnwache vor der US-Botschaft am 18. Juni

 

Marcel, wie ist die Stimmung im SchwuZ vor dem ersten Party-Wochenende nach der Bluttat von Orlando?

Es herrscht nach wie vor eine große Sprachlosigkeit und Traurigkeit, und wir reagieren erst einmal darauf, indem wir Ruhe bewahren. Natürlich sind auch auf uns gleich Leute zugekommen, die gefragt haben, was sich jetzt für das SchwuZ ändert – also Besucher, Organisationen, die Presse, und auch eigene Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen. Wir sind natürlich weiterhin, wie von je her, sehr sensibilisiert, was das Thema  Sicherheit angeht. Wir haben ein fachlich versiertes Sicherheitspersonal und arbeiten eng mit den Behörden zusammen – die Polizei sitzt ja gleich schräg gegenüber vom SchwuZ. Wir arbeiten mit der Kripo in Berlin zusammen, wir sind in der Clubcommission gut organisiert und tauschen uns aus. Es gibt eine Summe an Leute, die eine Expertise haben, und das wird im Zweifel dazu führen, dass wir Sicherheitsmaßnahmen anpassen. Es heißt aber nicht, dass wir jetzt sofort ad hoc etwas machen, wie zum Beispiel die Leute abgetastet oder Taschen durchsuchen, weil es nur kurzfristig das Sicherheitsgefühl verbessert. Es würde auch nichts ändern und nichts verhindern. Wir sind daran interessiert, langfristig nachhaltige Strategien zu entwickeln, dass im besten Fall gar nicht erst so etwas passieren kann.

Man kann hier nicht eben mal im Waffenladen um die Ecke eine halbautomatische Waffe kaufen kann, mit denen man dann Leute abknallt. Das ist unser großes Glück

Und klar, die Betroffenheit der Menschen ist total verständlich. Es hätte ja auch das SchwuZ treffen können oder andere Läden in Berlin wie das Berghain oder das SO36 – weil es einfach bekannte Orte sind.  Andererseits, es hätte sie eben auch nicht ohne weiteres treffen können, weil man hier, anders als in den USA, nicht eben mal im Waffenladen um die Ecke ein halbautomatische Waffe kaufen kann, mit denen man dann Leute abknallt. Das ist ja unser großes Glück und eine gesellschaftliche Errungenschaft, dass wir da eine ganz klare Gesetzgebung haben. Das macht sicher nochmal einen Unterschied. (Orlando: War es Terror oder Homophobie – oder ist das nicht dasselbe? MÄNNER-Archiv)

Bei allem Verständnis für ein erhöhtes Sicherheitsbedürfnis: Wollen die Menschen noch feiern gehen, wenn sie vorher durch eine elektrische Sicherheitsschleuse müssen?

Das ist ja nochmal eine andere Frage, dafür gibt es auch gar nicht die gesetzliche Voraussetzung. Paragraf 34a der Gewerbeordnung sagt: Taschenkontrollen, wie wir sie machen müssten, um auch alles zu sehen in einer Tasche, wären übergriffig und im Zweifelsfall eine Straftat. Leute abtasten können wir auch nicht einfach so – das macht dann die Polizei oder autorisiertes Sicherheitspersonal z.B. am Flughafen, und auch dafür gibt es strenge Vorschriften. Es gibt bei uns sichtbare und unsichtbare Maßnahmen. Tatsache ist: Wir haben tatsächlich noch nie Waffen gefunden. Wir hatten ja anfangs, nachdem wir 2013 nach Neukölln gezogen sind, intensive Kontrollen. Der Aufwand, der dahinter steckt, und das Ergebnis, lässt einen zweifeln. Und es ist sicher so: Wenn jemand mit einer halbautomatischen Waffe in einen Club stürmen will, dann nimmt er sich als erstes die Leute an der Tür vor, die ihn kontrollieren wollen.

Mehr Kontrolle führt nicht unbedingt zum Schutz der Freiheit, sondern schränkt sie tendenziell ein

Und wir genießen sicher auch das Vertrauen, für einen hohen Sicherheitsstandard zu sorgen – und auch immer mit den notwendigen Informationen ausgestattet zu sein. Der Innenminister hat ja gerade mehr Überwachungskameras gefordert. Da muss man auch sagen: Keine zusätzliche Kamera verhindert einen Übergriff – sie macht vielleicht die Aufklärung leichter, und auch darüber gibt es keinen klaren Erkenntnisse. Die Frage ist auch: Wir gehen wir mit unserer Freiheit um? Mehr Kontrolle führt nicht unbedingt zum Schutz der Freiheit, sondern schränkt sie tendenziell ein. Und wie kommt das bei den Leuten an, wenn jeder abgetastet wird? Was macht das mit den Gästen, wenn der Eindruck entsteht: Jeder könnt eine Gewalttäter sein. Das schürt nur Misstrauen und Unsicherheit und stellt jeden unter Generalverdacht.

Welches Sicherheitskonzept gibt es im SchwuZ?

Wir haben mit einem Kollektiv von Sicherheitsleuten zusammen, es ist nicht Firma XY. Das sind Menschen, welche die Grundsätze von LGBTIQ und die Werte des SchwuZ verstehen – die stehen nicht bloß an der Tür rum. Die bilden sich ständig weiter, es werden spezielle Szenarien durchgespielt, sie betreiben eine Deeskalationspolitik. Es gibt auch genügend Personal, das als Ersthelfer ausgebildet ist – wir haben darüber hinaus technische Einrichtungen für die Sicherheit. Wir sind sicherlich einer der bestgesicherten Clubs der Stadt – sollte also etwas passieren, können wir schnell handeln. Und natürlich ist die enge Zusammenarbeit mit allen Beteiligten ganz wichtig. Freitags und Samstag sind immer mindestens fünf Sicherheitsheitsleute im Laden, wir nennen sie Gästebetreuung. Dazu noch das Personal  im Club – also, da ist immer ein Stamm von 15 bis 25 Leuten auf einer Veranstaltung da.

SchwuZ

Party im SchwuZ (Foto: Guido Woller)

Wie beobachtest Du die Diskussion um die Anschläge und die Kommentare seitens der Politik? Nach dem Anschlag auf das „Bataclan“ in Paris gab es eine große gesamtgesellschaftliche Empörung und Trauer – in diesem Fall eher nicht.

Ich versuche da noch durchzusteigen und finde keine rechte Erklärung dafür. Mich verwirrt es eher, wenn ich sehe, wie die Politik und die Gesamtgesellschaft reagiert. Klar wünsche ich mir generell mehr Anteilnahme. Ich erlebe es aber selber in meinem privaten Umfeld, dass auch Heteros Anteil nehmen. Auch ein Großteil der Politik äußert sich ja. Aber nicht die, die bei uns Entscheidungen treffen etwa über die Gleichstellung der Ehe. Dass da viele den Mund halten, macht mich einfach traurig. Ich finde so eine Nichtreaktion zeigt ja immer mehr, wie weit sich Deutschland von der gesellschaftlichen Entwicklung in anderen Ländern abkoppelt und auf der Stelle tritt. Es zeigt mir natürlich auch, dass es da noch einen großen Bedarf gibt, zu kämpfen. Es liegt wohl einmal mehr an uns, auch wenn jetzt andere fordern: Liebe Heteros, jetzt seid Ihr dran. Auch wenn es den letzten Nerv kostet und anstrengend ist – auch das ist meine Aufgabe auch als Geschäftsführer des SchwuZ, immer wieder den Finger in die Wunde legen, denn nur so funktioniert es. Jetzt darf sich niemanden aus der Verantwortung stehlen.

Man hörte ja in den letzten Jahren oft, wir seien in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Und jetzt gab es noch diese Studie der Uni Leipzig, wonach 40 % finden, es sei ekelig, wenn Homosexuelle sich küssen (MÄNNER-Archiv) – das fand ja offenbar auch der Attentäter aus Orlando. Haben wir uns da was vorgemacht?

Ich weiß nicht. Ich bin ja kein Freund des Begriffs „Mitte der Gesellschaft“. Wer definiert das eigentlich? Eine inklusive Gesellschaft teilt sich nicht in ‘Mitte’ und ‘außen’ und ‘noch mehr außen’ – da gehören alle dazu. Und ich glaube ja auch, dass sich diese Mitte immer mal verschiebt, mal mehr nach links, mal nach rechts – so wie im Moment. Und dann ist da die Frage, möchte man überhaupt zu dieser Mitte gehören, wo man Ressentiments schürt? Wo es eine Abgrenzung gegenüber allem gibt, was fremd ist. Ich weiß gar nicht, ob ich zu so einer Mitte oder überhaupt zu so einer Gesellschaft gehören will.

Jeder rotzt seinen Müll ins Internet und empört sich

Bei den letzten Demos und Kundgebungen in Berlin, die ich besucht habe, fand ich die Zahl der Teilnehmer immer erschreckend gering. Die Anmeldungen für morgen sind ja sehr zahlreich. Wenn die alle kommen, ist es vielleicht so, dass Orlando – ohne das Attentat in irgendeiner Weise schönreden zu wollen – der Homo-Bewegung neue Kraft und den nötigen Push gibt?

Ich würde es mir wüschen. Seit ein paar Jahren ist ja zu beobachten, und das nervt mich mittlerweile total, dass jeder seinen Müll ins Internet rotzt und sich empört. Und wenn jetzt alle mal ihr Smartphone aus der Hand legen würden und die Zeit nutzten, die sie dadurch gewinnen, um zu so einer Kundgebung zu gehen, dann haben wir davon alle etwas, und dort können sie auch gerne ihre Meinung rauskrakeelen und dann kann man da auch diskutieren. Aber nicht immer nur aus der Anonymität oder dem Schutz des Internet heraus blödsinnig rumkrakelen. Ich finde es gerade gut, dass keine Politiker Reden halten. Man kann da morgen eine Weile seiner Trauer und seinem Schock nachspüren über eine Tat, die man nicht versteht, und Anteil nehmen. Das reicht. Jeder, der für fünf Minuten hinkommt, ist einer mehr. Und ich glaube nach wie vor an die Kraft der Community – oder eher der Communitys, weil es nicht nur eine gibt und auch nicht geben muss. Ich glaube, dass sich dann durch so einen traurigen Anlass zeigt: Wir sind stark und haben eine Stimme.

www.schwuz.de

Titelbild: Kriss Rudolph


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