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Besuch bei der Großfamilie im Castro

Bestandsaufnahme bei LGBTI-Aktivisten in San Francisco, dem Zentrum der Bewegung in Amerika

San Franciscos Aktivisten werden auch zukünftig eine zentrale Rolle für LGBTI-Anliegen in Amerika spielen. Sie haben viel aus ihrer eigenen Geschichte gelernt und sind bestens für die Zukunft des Aktivismus aufgestellt.

von Tobias Overkämping, San Francisco

 

„San Francisco war das Zentrum der Bewegung in Amerika und das wird es auch bleiben“, gibt sich Jonathan vom GLBT Museum im Bezirk Castro überzeugt. „Früher hingen überall Plakate mit Forderungen, heute wird getwittert statt geklebt. Was wir früher mit hunderten Plakaten bewerkstelligten, erledigen die jungen Aktivisten mit ihrem Smartphone in 140 Zeichen.“ Er sagt dies mit einem zuversichtlichen Lächeln im Gesicht während er stolz einige Exponate des Museums aus der bewegten LGBTI-Geschichte San Franciscos zeigt.

San Francisco

Jonathan und Jeremy arbeiten ehrenamtlich für das Museum

San Francisco war seit seiner Gründerzeit ein besonderer Ort für schwule Männer. Der Goldrausch von 1849 brachte 80000 Männer in die Stadt die, beflügelt von der Hoffnung auf Reichtümer, einen exzessiven Lebensstil führten. Die andauernde Militärpräsenz aufgrund der strategisch günstigen Lage an der Westküste der USA vergrößerte den Männerüberschuss zusätzlich. Kompensiert wurde dieser durch Männer, die die damalige gesellschaftliche Rolle der Frau annahmen oder sich gar wie Frauen kleideten. In den 1960ern tauften US- Medien San Francisco zum „Gay Capital of America“.

San Francisco

Ausstellung im GLBT-Museum

Mit dem Menschenrechtler Harvey Milk wirkte in den 70ern einer der wichtigsten Aktivisten der amerikanischen LGBT-Geschichte im Bezirk Castro. Sein Kamerashop war das Wahlkampfbüro, in dem ein großer Teil der Community leidenschaftlich für ihre gemeinsame Vision von einer gerechteren und toleranteren Welt kämpfte. Er zog 1978 als erster offen schwuler Politiker der USA ins Rathaus von San Francisco ein. Dort wurde er im darauffolgenden Jahr ermordet. Seine Geschichte, geprägt von großen Errungenschaften und seinem schockierenden Tod, bewegte die Amerikaner. Die emotional hoch aufgeladenen Bilder tausender trauernden und demonstrierenden Anhänger Milks haben sich im kollektiven Gedächtnis Amerikas eingebrannt.

Das Andenken an ihr berühmtestes Familienmitglied wird im Castro, dem Ort mit der wahrscheinlich weltweit höchsten Regenbogendichte, auch außerhalb des Museums hochgehalten.

San Francisco

Jonathen vor der Sonderausstellung zu Tänzern und AIDS

Aids traf die Stadt die in den 80ern schwer, insbesondere die Schwulen und die Künstlerszene. Aktuell zeigt im das GLBT Museum eine Sonderausstellung zu Tänzern, die an der Krankheit starben.

 

„San Francisco hat eine Sonderstellung in Amerika, ähnlich wie Berlin in Deutschland. Wir waren schon immer etwas anarchistischer und dreckiger als der Rest“, gibt Jonathan den deutschen Besuchern mit auf den Weg. Der Dreck in San Francisco bezieht sich augenscheinlich nicht auf die mangelnde Arbeit der Stadtreinigung und Anarchie ist hier sehr, sehr bunt.

Die gute Tat: einer Drag Queen die Stöckel tragen

Den Anspruch der Community, eine offene und hilfsbereite Großfamilie zu sein, spürt man jedoch sofort. Es ist sehr einfach hier ins Gespräch zu kommen sofern man sich selbst für die positive Stimmung öffnet. Gelegentlich umarmt einen schon mal ein gut gelaunter Fremder auf der Straße, offenbar ohne Absicht zum Diebstahl oder sonstige Hintergedanken. Neuankömmlinge werden schnell ermutigt, sich mit ein wenig Hilfsbereitschaft einzubringen –  etwa bei der guten Tat, einer Drag Queen, die die stilettofeindliche Steigung der Straßen unterschätzt hat, die Stöckel zu tragen.

Das Wissen um die Rückzugsmöglichkeit in eine so liebevolle Gemeinschaft gibt Kraft für die Rechte der selbigen zu kämpfen.

Die Aktivisten der LGBT Bewegung haben gelernt, dass sie mächtige Verbündete brauchen um erfolgreich zu sein. Sie mobilisieren über Social-Media und wissen neben einflussreichen Prominenten auch mächtige Weltkonzerne an ihrer Seite.

San Francisco

Keine Prüderie bei Aktivisten aus San Francisco: Naked Bike Ride

Hierin liegt auch die anzunehmende zukünftige Wichtigkeit San Franciscos für die Community begründet: die direkte Nähe zu den Multimediamächtigen im Silicon Valley hat die Tech-Elite des Landes in die Stadt gebracht. Apple, WhatsApp, Twitter, Uber und viele andere den weltweiten Alltag prägende Unternehmen sind hier ansässig.

Sie bildeten eine Allianz mit den LGBTs als es beispielsweise 2008 und 2010 gegen „Proposition 8“ ging (ein Volksentscheid gegen die Ehe von homosexuellen Paaren in Kalifornien) oder aktuell gegen den trans*feindlichen „bathroom bill“ aus North Carolina, der Trans*Menschen verbietet öffentliche Toiletten entsprechenden ihrer Genderidentität aufzusuchen.

Die Bürger San Franciscos sind sehr stolz auf die LGBTI-Gemeinde ihrer Stadt

Die Bürger San Franciscos sind zu großen Teilen sehr stolz auf die LGBTI-Gemeinde ihrer Stadt und deren Errungenschaften für das ganze Land. So zeigt die Juniausgabe des nicht speziell queeren  Monatsmagazins „San Francisco“ ein Meer aus gleichgeschlechtlich knutschenden Paaren auf dem Titel. „Love wins*“ lautet die Überschrift. Doch das Recht auf freie Entfaltung des Einzelnen steht immer wieder in einem Spannungsverhältnis zur Normgesellschaft und dies soll bei allen Fortschritten für LGBT nicht vergessen werden. So mahnt das Kleingedruckte ergänzend: „*But the struggle’s not over.“

Love wins

Nur wenige Tage nach Erscheinen der Ausgabe wird „#lovewins“ weltweit zum Hashtag der nach dem Massenmord in Orlando trauernden Community.

Für die queeren Aktivisten San Franciscos rücken bereits seit einigen Jahren gesamtgesellschaftliche Probleme stärker in den Fokus. Viele Mitglieder der Community leiden unter der hohen Arbeitslosigkeit oder schlechten Arbeitsbedingungen, dramatisch steigenden Mieten und der damit einhergehenden Verdrängung und Obdachlosigkeit. Große Teile San Franciscos haben sich mittlerweile vom Hippie- zum Juppieviertel der Superreichen gewandelt – eine Entwicklung die auch vor dem Castro nicht halt machte.

Jeremy kommt gern ins Castro um Freunde zu treffen und sich mit Aktivisten auszutauschen. Er selbst kann es sich aber nicht leisten hier zu leben. „Die Technologie ermöglicht einen dezentralen Aktivismus an dem jeder teilhaben kann ohne ständig vor Ort sein zu müssen.“ Viele junge Aktivisten leben entsprechend in der weiter gefassten San Francisco Bay Area, in Städten wie Oakland oder der Universitätsstadt Berkeley.

Mit ihrer Erfahrung, ihrer Leidenschaft und einer exzellenten Vernetzung können die LGBTI-Aktivisten zum entscheidenden Stolperstein für die amerikanische Waffenlobby werden

Nach den Schüssen in Orlando steht für viele von ihnen der Kampf gegen die amerikanische Waffengesetzgebung nun sehr hoch auf der Agenda. Mit ihrer Erfahrung, Leidenschaft und exzellenten Vernetzung können die LGBTI-Aktivisten zum entscheidenden Stolperstein für die amerikanische Waffenlobby werden. San Francisco wird bei der Bündelung der Kräfte eine entscheidende Rolle spielen.

Um deutschen Homo-Aktivismus von Hamburg über Berlin bis München geht es in MÄNNER 7.2016.

Fotos: Tobias Overkämping


1 Kommentar

  1. Bernhard Kreiner

    oder das gegenteil und selber total aufrüsten mit waffen- gewalt könnte auch gegen-gewalt erzeugen – wir sind keine schafe die jeder schlachten kann wenn er lustig oder voller drogen ist


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