160616 JERUSALEM June 16 2016 Yishai Schlissel an orthodox man who is charged with stabbi

Schlissel kommt lebenslang in Haft

Beitrag eines Jerusalemer LGBTI-Aktivisten zum Urteil gegen den Messerstecher

UPDATE  (10.35 Uhr) Beim Jerusalem Pride 2015 tötete er eine Teilnehmerin und verletzte fünf weitere Menschen schwer. Der Wiederholungstäter wurde heute verurteilt: zu einer lebenslangen Haftstrafe plus 31 Jahre. Er wird das Gefängnis also nicht mehr verlassen. Wie schon zuvor lehnte Schlissel es auch heute ab, mit einem Rechtsbeistand vor Gericht zu erscheinen. 

Jerusalem

26.6.2016: Schlissel wird in den Verhandlungssaal gebracht (Foto: Tom Canning)

 

Es folgt ein Gastbeitrag von Tom Canning. Er ist stellvertretender Direktor des Jerusalemer Open House, dem LGBTI Community Centers der Stadt (MÄNNER-Archiv) , und Organisator des Jerusalemer March for Pride and Tolerance. (Übersetzung: Kriss Rudolph)

 

Heute verurteilten die Richter in Jerusalem Yishai Schlissel schon zum zweiten Mal: den ultraorthodoxen Angreifer der Pride Parade im vergangenen Jahr (MÄNNER-Archiv). Zehn Jahre zuvor hatte man ihn zu einer beschämend kurzen Strafe von zehn Jahren verurteilt, nachdem er drei Menschen beim Pride 2005 mit dem Messer verletzt hatte – und war wieder frei, um die LGBTI Community ein zweites Mal anzugreifen, nur Wochen nach seiner Freilassung vor weniger als einem Jahr, am 30.7 2015. Bei seinem zweiten Angriff war er effektiver als beim ersten Mal: Er tötete Shira Banki, ein unschuldiges 15-jähriges Mädchen aus Jerusalem, und verletzte fünf weitere Pride-Teilnehmer. Eine ganze Community blieb traumatisiert zurück, immer noch unfähig, die Ausmaße des Hasses zu verstehen, und in Sorge vor künftigen Angriffen.

Jerusalem

26.6.2016: Vertreter des Open House vor dem Gericht. Auf den weißen Schildern ist zu lesen: „Here to stay!“ – „Wir bleiben hier!“ (Foto: JOH)

Yishai Schlissel muss für den Rest seines Lebens im Gefängnis bleiben

Israel ist nicht mehr dasselbe Land, das es vor zehn Jahren war. Die Gerichte und unsere Gesellschaft sind weniger tolerant bei homophoben Hassverbrechen. Yishai Schlissel muss für den Rest seines Lebens in Haft  bleiben. Aber während er im Gefängnis lebt, ist Shira tot – daran wird sich nichts ändern. Die Nervosität in der LGBTI Community in Israel bleibt, in Erwartung des nächsten Hassverbrechens gegen uns. Wie auf einer kaputten Schallplatte, geht ein Homophober ins Gefängnis, aber die nächsten Angriffe erscheinen immer noch unausweichlich.

Jerusalem ähnelt dem Vatikan

In diesem Sommer haben wir in Tel Aviv nur 50 Kilometer von Jerusalem entfernt, die Freiheiten und Stärken unserer Community sehr sichtbar gefeiert. 200.000 Teilnehmer marschierten in der Pride Parade mit. Trotz der kurzes Entfernung gibt es größte Unterschiede zwischen den Städten. Jerusalem hat mehr mit dem Vatikan gemeinsam, in seiner kompromisslosen Einstellung gegenüber Wandel und Fortschritt. Tel Aviv auf der anderen Seite ist eher wie Berlin oder San Francisco, was die volle Integration der LGBTI Community betrifft.

Selbst in den USA ist die Community nicht frei von Verfolgung

Aber selbst diese Städte sind nicht immun gegen Hass. 2009 erlebte Tel Aviv ein fürchterliches Hassverbrechen bei einer Schießerei in einem LGBTI Jugendclub – eine Tat, die bis heute nicht aufgeklärt ist. Ähnlich der nicht nachvollziehbare Angriff auf den „Pulse“-Club in Orlando – das aktuellste Beispiele in einer Welle aus Terror gegen LGBTI Menschen. Sogar in Ländern wie den Vereinigten Staaten, die kürzlich das Weiße Haus in Regenbogenfarben anstrahlten, dort, wo man die Öffnung der Ehe begrüßt und wo gewählte Volksvertreter immer wieder ihre Verpflichtung der LGBTI Gleichstellung gegenüber betonen – selbst dort ist die Community nicht frei von Verfolgung.

Ehe, Partys und das Feiern unserer Sexualität sind schöne Ablenkungen, aber was sind die wert, wenn wir immer noch das Ziel von Anschlägen und Gewalt sind? Wir haben nicht das Privileg, den Hass auf LGBTI-Menschen zu ignorieren. Die Community in Jerusalem hat nicht erwartet, dass ein gewaltvoller Angriff hier noch einmal passieren könnte. Aber in den 12 Monaten seit dem Mord bei unserem Pride Marsch ist mir klar geworden, dass die Zeichen offensichtlich waren: von den von Hass getriebenen Äußerungen rechter Politiker bis zu den Blicken und dem Flüstern, das man erlebt, wenn ein LGBTI-Pärchen auf einer Parkbank Händchen hält – unsere Community kann sich nicht zurücklehnen, wenn nicht für unsere Sicherheit gesorgt ist.

Es stimmt, wir haben viele wichtige Fortschritte Richtung Akzeptanz erreicht. Gerade in der vergangenen Woche, als ich mit einem Freund auf der Suche nach einer Wohnung war, sagte uns ein älterer religiöser Mann, dass er nicht glaube, dass es ein Problem sei, seine Wohnung an ein schwules Paar zu vermieten. Ein großer Unterschied zur Situation vor zehn Jahren! Aber solange Homphobie auch in einer Minderheit innerhalb einer Gesellschaft existiert, kann es LGBTI Menschen bedrohen, wie wir es regelmäßig hier in Jerusalem zu spüren bekommen.

Homophobie kann ihr hässliches Haupt erheben und unter bestimmten Umständen Überhand nehmen

Homophobie ist in der westlichen Gesellschaft tief verwurzelt. Wie Antisemitismus mag sie nicht immer sichtbar sein. Vielleicht wählt sie vorsichtig, wie sie sich ausdrückt, aber sie kann ihr hässliches Haupt erheben und unter bestimmten Umständen Überhand nehmen. Ich rufe mir oft die revolutionäre LGBTI Community im Berlin der 1920er in Erinnerung. Während die Commuity langsam kulturell und gesetzlich Akzeptanz erfuhr und vor ihr eine wunderbare Zukunft lag, warfen ein paar Jahre Naziherrschaft diesen Prozess vollkommen zurück. LGBTI-Menschen in Deutschland wurden beim Holocaust ermordet, als hätte Magnus Hirschfeld nie existiert (MÄNNER-Archiv). Egal wie sichtbar wir sind und welche politischen Errungenschaften es gibt, wir haben nicht das Privileg, unsere Deckung aufzugeben. Wir müssen uns vergewissern, wie fragil unser komfortables Leben ist. Während gefährliche Homophobe in Gefängnis gehen, bleiben andere frei und sind willens, die Mitglieder unsere Community zu verletzen.

Pride Motto 2016: Wir bleiben hier!

Diese Vorstellung ist uns heute sehr deutlich. Das war uns schon wenige Momente nach der Attacke in Jerusalem sehr klar. Wir werden vielleicht nicht mit einem 100%-igen Gefühl der Sicherheit leben können, aber wir haben nicht die Absicht, zu verschwinden. Am 21. Juli werden wir das deutlich machen. Wir werden in Jerusalem wieder eine Parade haben, so wie jedes Jahr, dieses Mal unter dem Motto: „Wir bleiben hier“ – und in Gedenken an Shira Banki. Mit Stolz durch die Stadt zu laufen, ist nicht nur unsere Verpflichtung, sondern auch die Verpflichtung aller LGBTI Communitys auf der ganzen Welt. Zichronam L’Vracha – mögen die Erinnerungen an diejenigen, die ihr Leben gelassen haben in unserem Kampf für Freiheit und Gleichberechtigung, unser Segen sein.

Hier geht’s zum englischen Originaltext (MÄNNER-Archiv).

Titelbild: IMAGO/Xinhua


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