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Grapschen erlaubt

Traumjob: Schornsteinfeger

Erst auf Spitzdächern balancieren und hinterher von jedermann gestreichelt werden? Klingt nach einem fairen Deal – und nach einem glücklichen Job

Berührungsängste hat Alain Rappsilber (42) nicht. Sollte er auch nicht haben, denn wenn er seine täglichen Hausbesuche macht, muss er immer darauf gefasst sein, dass die Leute ihn anfassen, ihn rubbeln und reiben – „natürlich nur an Stellen, die erlaubt sind.“ Seit 26 Jahren arbeitet er als Schornsteinfeger, in einem Beruf mit Tradition, der wie alles dem technischen Wandel unterworfen ist. So verbringt er heute die Hälfte seines Tages im Büro und nur noch einen Bruchteil in schwindelerregender Höhe beim Kehren von Kaminschloten; das Gesicht rosig, die Hände sauber.

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„Der Schornsteinfeger ist heute nicht mehr nur das Rußgesicht, das man von früher kennt“, bestätigt Alain und schnallt den Rucksack für den nächsten Einsatz auf. Darin: hochmoderne Kamera- und Drucksensorsysteme zur Emissionsmessung. Obwohl ihm durch modernste Technik heute viel Arbeit abgenommen wird, hat er seinen Job nie als eintönig empfunden. Eine Tante hatte ihn dem damals 17-Jährigen vorgeschlagen. „Sie war bei der Bauaufsichtsbehörde und sagte mir: Wenn Du einen Job haben willst, bei dem Du früh zuhause bist, viel Geld verdienst und wenig tust, nimmst Du diesen.“ Und? „War eine Lüge. Ich hatte immer viel zu tun, war oft spät zuhause und so richtig viel Geld gibt es auch nicht mehr. Aber man hat einen Job, bei dem nicht ständig jemand hinter einem steht und rummeckert.“ (Das gilt natürlich auch für den Traumjob Stripper – MÄNNER-Archiv.)

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Der Selbstständige beschäftigt heute vier Angestellte, ist ein genügsamer Kerl, der in seinem Berufsleben zwischen Gestern und Heute – wie auf einem Spitzdach – zu balancieren scheint. Ein bisschen nostalgisch vielleicht, ohne aber dabei wehmütig zu wirken. In der Vergangenheit waren seine „schwarzen Brüder“ ein Garant für häusliche Sicherheit. „Darum bringt es ja auch Glück, den Schornsteinfeger zu berühren. Nachdem er da war, ist hinterher nichts mehr passiert.“ Die Schlotkehrer waren gern gesehene Gäste, sind es teilweise auch heute noch. „Für ältere Leute ist es wirklich ein Ereignis, wenn der Schornsteinfeger kommt. Die freuen sich richtig, bieten Kaffee und Kuchen an.“

In was für Sachen mir manche Männer die Tür geöffnet haben, war schon erschreckend

Wiederum andere boten Alain in der Vergangenheit weitaus pikantere Dinge: „Als ich noch junges und dynamisches Frischfleisch war, habe ich eine Zeit lang in Schöneberg gearbeitet. In was für Sachen mir manche Männer damals die Tür geöffnet haben, war schon erschreckend.“ Angenommen hat Alain keines dieser Angebote – und seit 14 Jahren ist er eh fest verpartnert. Ein echter Glückspilz, der Herr.

Das ausführliche Porträt steht in MÄNNER 4.2016.

Fotos: Sven Serkis


4 Kommentare

  1. Bernd Ruedig

    Das ist mir auch mal passiert. Konnte mir nach dem Tür klingeln nichts richtiges anziehen,nur einen Slip.Der Schornsteinfeger meinte, er hätte schon manch anderes gesehen.


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