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„Small Town Boy” auf Badisch

Falk Richters Projekt wird in Karlsruhe inszeniert

Seit bald zweieinhalb Jahren läuft am Berliner Maxim-Gorki-Theater mit großem Erfolg Falk Richters „Small Town Boy“ – über schwule Identitätsfindung, Homophobie hier und in Russland und dem, was die etablierten Parteien zögerlich oder gar nicht dagegen setzen. Jetzt kommt die Produktion nach Karlsruhe ans Badische Staatstheater, inszeniert von Atif Hussein. MÄNNER ist als Medienpartei dabei

 

Herr Hussein, wie wird sich die Produktion von der in Berlin unterscheiden?

Wir verstärken ein bisschen den politischen Aspekt, der sich im Schlussmonolog Bahn bricht. Diese Wutrede, in der es heißt: Ich habe kein Lust mehr, keine Neven, mehr, für dieselben Sachen kämpfen zu müssen – macht es endlich! – diesen Tenor will ich mehr betonen. Wir erfinden eine Figur dazu, eine Puppe, ein alter schwuler Mann der aus der Generation kommt, auf deren Schultern wir eigentlich stehen. Um die es seltsam still geworden ist. Viele sind gestorben. Es hat auch eine Verbürgerlicherung stattgefunden. Und es gibt Protagonisten wie Jens Spahn oder Johannes Kahrs, die sind extrem bürgerlich. Die sagen, wir sind kein alternativer Lebensstil oder eine Gegenkultur – die wollen unbedingt zum Establishment gehören. So ist auch vieles im Stück von Falk geschrieben. Ich finde, es ist der beste größte fast einzige politische ästhetische Text zu diesem Komplex.

Small Town Boy

Regisseur Atif Hussein (Foto: privat)

Im Stück geht es auch um den Trend zur Vereinsamung bei einem gleichzeitigen Überangebot an Sex, wie man es vor allem in Großstädten erlebt. Lässt sich das auf Karlsruhe übertragen?

Wir behaupten, dass das, was im Stück verhandelt wird, überall gültig ist.

Was in Berlin gut funktioniert – Anspielungen auf Protagonisten der LGBTI-Szene  –, geht das so eins zu eins auch in Karlsruhe?

Es wird ein bisschen was anders in meiner Inszenierung. Es gibt tatsächlich Stellen, auf die das Berliner Publikum wie auf Stichwort reagiert. Ich würde nicht sagen, dass es Allgemeinplätze sind,  aber die sind sofort verknüpft. In Karlsruhe muss man die Leute vielleicht anders an die Hand nehmen, damit sie sich darin ähnlich wiederfinden wie das Berliner Publikum.

Ihr verletzt seit Jahrhunderten meine Persönlichkeitsrechte!

In vielen Rezensionen zu Falks Richters Inszenierung am Gorki-Theater wurde die Wutrede kritisiert. Das sei übertrieben oder gar arrogant.

Ich habe diese heftigen Reaktion nicht verstanden .. egal ob einem das als Stilmittel gefällt oder nicht. Mir egal, ob Autorenrede oder Bühnenrede .. . ich finde die so großartig und so wesentlich für das ganze Stück. Es gab ja sogar Überlegungen, ob es justiziabel sei, weil vielleicht Persönlichkeitsrechte verletzt würden – bei Erika Steinach oder Anna Netrebko. Da frage ich mich: Entschuldigung? Ihr verletzt seit Jahrhunderten meine Persönlichkeitsrechte. Es ist fast so eine Art Backlash, nach dem Motto: Du wagst es, unser Establishment anzugreifen? Na warte – da schlagen wir zurück!

Wenn man „Small Town Boy” in Berlin sieht, trifft man hauptsächlich Schwule im Publikum, ihre Freunde oder offene Menschen, die man eh nicht mehr überzeugen muss.

Wobei sich bei der Auseinandersetzung um „Fear“ (MÄNNER-Archiv) gezeigt hat: Der Rummel, der drumherum passiert, das wird sehr wohl außerhalb des Theaters wahrgenommen, bei denen, die das Stück vielleicht sehen. Aber was Karlsruhe betrifft: das triff schon ein anderes Publikum. Das ist eine Mischung aus bürgerlich und kunstaffin – da gehört es zum Kanon dazu, ins Theater zu gehen, da hat man ein Abo.

Es gibt wohl Stimmen in der Stadt, die hinter vorgehaltener Hand munkeln, dass ihnen das dieses oder jenes Thema zu schwul sei

Und die Zuschauer sind auch spätestens seit „Maienschlager“, einem Stück über die Liebe zwischen einem Nazijungen und einem Juden (MÄNNER-Archiv), daran gewöhnt, dass auch die Liebe außerhalb der Heteronormen thematisiert wird.

Das macht man natürlich bewusst in Karlsruhe und sagt sich: Solche Themen werden bei uns auch verhandelt. Es gibt wohl Stimmen in der Stadt, die hinter vorgehaltener Hand munkeln, dass ihnen das dieses oder jenes Thema zu schwul sei. Aber davon lassen die sich im Theater nicht in Boxhorn jagen. Ich bin jedenfalls gespannt, wie „Small Town Boy“ in Karlsruhe aufgenommen wird. Weil sich das Theater ja sehr engagiert, was den Völkermord an den Armeniern angeht und die Flüchtlingsfrage – da gibt es auch immer Ausstellungen und Diskussionen dazu, neben den Hautpsäulen des Spielplans. Die verstehen sich selbst als eine Art künstlerisches Kulturzentrum der Stadt.

Falk Richter kommt aus Buchholz in der Nordheide (MÄNNER-Archiv),  ist also selber ein Small Town Boy, der aus der Provinz flieht. Wo sind Sie aufgewachsen?

In Berlin, hier bin ich 1967 geboren, aufgewachsen und in die Schule gegangen. Mein Coming-out war 1984, da hatte ich gerade mit dem Abi angefangen.

Wie war es?
(er schnippt mit den Fingern) So!

So einfach?

Es war ein wunderschöner Abend mit einer Freundin, die irgendwann zu mir sagte: Weißt Du was, Atif, ich glaube, Du bist schwul. Und ich sagte: Ach, so nennt man das – und das war‘s. Ich habe das Falk neulich auch erzählt: Es kam das Halbjahreszeugnis, und meine Mutter war nicht so zufrieden. Ich sagte, Mama, ich muss Dir was viel wichtigeres erzählen: Ich bin schwul. Und sie: Ja, und was hat das mit Deinen Noten zu tun?  Und das war’s. Also, für sie war es nicht ganz so entspannt – sie brauchte schon eine Weile, aber sie war intelligent und liebend genug, um ihre Zweifel und Gedanken mitzuteilen, aber nicht zu urteilen.

Premiere: 5. Juni 2016

Wir haben noch Freikarten:

1 x 2 Tickets für die Premiere

1 x 2 Tickets für eine spätere Vorstellung

Schreib uns mit dem Stichwort „Small Town Boy” an maenner-leserservice[ät]brunogmuender.com und dem Zusatz, ob Du zur Premiere gehen möchtest oder das Stück später sehen willst. Viel Glück!

Teilnahme nur bis: 4. Juni, 20 Uhr!

 

Infos & Tickets: www.staatstheater.karlsruhe.de

Titelbild: Badisches Staatstheater

 


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