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Lieben und geliebt werden

Falk Richters Erfolgsprojekt "Small Town Boy" läuft jetzt auch in Karlsruhe

Im Stammland der Bildungsplan-Gegner hat es schon eine besondere Brisanz, wenn man vor Beginn der Vorstellung  minutenlang von auf Dauer schwer erträglichen O-Tönen von Teilnehmern der Demo für alle berieselt wird. Dass Homosexualität nicht normal sei, gehört da noch zu den harmloseren  Kommentaren. Nichts weniger als das Ende der Gesellschaft und der Niedergang der Wirtschaft werde es zur Konsequenz haben, wenn die Ehe geöffnet und in der Folge – logisch! –  immer mehr Leute schwul oder lesbisch würden. Vom Horrorszenario, dass nach Vorgabe der bösen bösen Bildungspläne bereits im Kindergarten mit Dildos gespielt werden soll (was nun wirklich niemand will, und sei er noch so linksgrünversift), mal ganz zu schweigen.

Es fehlt an Verbindlichkeit und Verlässlichkeit 

Diese O-Ton-Collage bereitet den Boden für die Karlsruher Inszenierung von Falk Richters „Small Town Boy”, die am Sonntagabend im Studio des Badischen Staatstheaters Premiere hatte (MÄNNER-Interview mit dem Regisseur). Die Protagonisten haben nun wirklich andere Sorgen, als die traditionelle Familie auszurotten. Ihnen fehlt es in der großen Stadt – die auch in Karlsruhe Berlin heißt – an Verbindlichkeit, Verlässlichkeit und Commitment, Liebe und echter Leidenschaft.

Small Town Boy

„Weekend” nachspielen, mit Puppen (Foto: Felix Grünschloß)

Ist man als Small Town Boy  aus der Kleinstadt geflohen, um in der beliebten Homobar Möbel Olfe mit austauschbaren spanischen Touristen herumzuknutschen – was einen selbst nicht minder austauschbar macht -, die einen dann stehenlassen, weil sie noch ins Berghain weiterziehen wollen? Oder um morgens um 5 an der Garderobe im SchwuZ seinen Anorak zu holen und bei Grindr zu schauen, wer jetzt gerade online und verfügbar ist?

Meik von Severen ist herzzerreißend

Die Einsamkeit und Verzweiflung, die einen packen kann, wird herzzerreißend von Meik van Severen verkörpert, der eben noch an der Berliner Universität der Künste Schauspiel studiert hat und ab der kommenden Spielzeit fest in Karlsruhe engagiert ist. Er ist es auch, der in der Inszenierung von Atif Hussein die musikalischen Einlagen singt – „Somewhere” aus der West Side Story etwa und Nat King Coles „Nature Boy” – mit den leitmotivischen Worten:

„The greatest thing you’ll ever learn
Is just to love and be loved in return.”

Die Ablehnung von Ehe-Öffnung und dem Adoptionsrecht für Homo-Paare ist auch in evangelikalen und rechtspopulistischen Kreisen nur die Spitze des Eisbergs

Nur ist das mit dem Lieben und Zurückgeliebtwerden eben in der Großstadt nicht so leicht. In der Provinz sicher auch nicht. Und dann – als wäre das Leben und Lieben nicht schon schwer genug – sind da noch die, die in Deutschland gern erreichen möchten, dass man sich irgendwann nicht mehr positiv in der Öffentlichkeit über Homosexualität äußern darf – Vorbild Russland. Die Ablehnung von Ehe-Öffnung und dem Adoptionsrecht für Homo-Paare ist auch hierzulande in evangelikalen und rechtspopulistischen Kreisen nur die Spitze des Eisbergs (MÄNNER-Archiv).

Small Town Boy

Foto: Felix Grünschloß

Vorbild Russland? Die Anklage, dass die deutsche Politik tatenlos zusieht, wie in Russland Schwule von Neonazis verfolgt und gefoltert werden, stellt im Monolog am Ende des Abends den emotionalen Höhepunkt dar. Leider hatte Sebastian Reiss bei der Premiere nicht die nötige Spannung (oder Textsicherheit), als dass man das Theater aufgerüttelt und wütend verließe, wie man es aus der Berliner Inszenierung am Maxim-Gorki-Theater gewohnt ist. Dennoch: Das begeisterte Karlsruher Publikum hat minutenlang stehend applaudiert.

Den Karlsruhern ist mit „Small Town Boy” ein Import gelungen, der mehr ist als eine Kopie der Orginalproduktion. Mit dem Vertreter eines schwulen Mannes aus der älteren Generation – dargestellt von einer Puppe, die Martin Danneker zitiert („Schwule wollen nicht schwul sein, sondern so spießig und kitschig leben wie der Durchschnittsbürger”) – gelingt Regisseur Hussein eine lohnenswerte Erweiterung, und das Badische Staatstheater meldet sich einmal mehr mit einem Kommentar zu politischen Misständen hierzulande zu Wort.

Termine & Tickets: www.staatstheater.karlsruhe.de

Titelbild: Felix Grünschloß


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