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Tod und Spiele

Matthias Frings empfiehlt: Oliver Hilmes "Berlin 1936 - Sechzehn Tage im August"

Olympiastadion Berlin, 1. August 1936: Die Show beginnt. In jeder Hinsicht. Deutschland legt perfekt organisierte Olympische Spiele hin, aber die wahre Meisterleistung besteht darin, das längst schon faschistisch durchtränkte Hitler-Deutschland als Kulturnation erscheinen zu lassen. Statt Horst-Wessel-Lied gibt es Richard Strauss, statt Deutschtümelei Swingabende in der „Sherbini“-Bar, und mit ihren zahllosen Gästen, der heißen Jazzmusik, den farbigen Künstlern und gewagten Nackttänzen wirkt Berlin wie eine weltoffene Metropole. Judenverfolgung? Wo?

Oliver Hilmes malt ein vielfarbiges, leicht dahingetupftes Aquarell – von tiefbraun über Pink bis hin zu flimmerndem Katzengold.

Oliver Hilmes malt ein vielfarbiges, leicht dahingetupftes Aquarell – von tiefbraun über Pink bis hin zu flimmerndem Katzengold. Während Hitler huldvoll und gegen jedes Protokoll Medaillengewinner empfängt, sucht eine gewisse Toni Kellner mit geschlechtsneutralem Vornamen nach ihrem „Transvestitenschein“. Britische Zeitungsmagnaten werden von deutschen Diplomaten mit teutonischer Kultur bombardiert, und gleichzeitig entsteht vor den Toren Berlins das KZ Sachsenhausen. Der Lebemann Axel Springer erobert im angesagten „Quartier Latin“ die Schönen der Nacht, Theaterstar Gustav Gründgens flirtet karrieregeil mit Göring und zu gleichen Zeit werden die ersten 600 Sinti und Roma in improvisierte Lager am Stadtrand deportiert.

Sogar der Eierverbrauch im olympischen Dorf wie die Farbe der Gamaschen des IOC-Vorsitzenden werden vermerkt.

So ergibt sich aus vielen Quellen ein schmerzhaft gebrochenes Bild dieser 16 Tage. Jede Quelle wird genutzt: Goebbels’ Tagebücher, in denen er die Offiziellen des Internationalen Olympischen Komitees als „Direktoren von Flohzirkussen“ beschreibt, der tägliche Wetterbericht, die Aufzeichnungen von Hans Fallada, Thomas Mann und Thomas Wolfe, von diversen Künstlern, Politikern und Diplomaten. Sogar der Eierverbrauch im olympischen Dorf wie die Farbe der Gamaschen des IOC-Vorsitzenden werden vermerkt. Am aufschlussreichsten aber sind die täglichen Anweisungen der Reichspressekonferenz an deutsche Zeitungen. Eine Diktatur im Pausenmodus: Keinesfalls sollen während der Spiele „Rassenfragen“ im Vordergrund stehen. Selbst als der afroamerikanische Läufer Jesse Owens mit 4 Goldmedaillen zum Superstar der Spiele wird, schaut man über seine Hautfarbe diskret hinweg – Lügenpresse paradox.

Der Autor weiß, wie man Tempo macht und Effekte setzt. Sein Buch ist so süffig wie der Champagner in der „Ciro-Bar“.

Bücher wie dieses erzählende Sachbuch haben in den letzten Jahren eine erstaunliche Konjunktur. Volker Weidermanns „Ostende, 1936“ und Florian Illies’ „1913“ waren Bestseller, deren sprachliches Niveau Hilmes allerdings nicht erreicht. Und dennoch: Der Autor weiß, wie man Tempo macht und Effekte setzt. Sein Buch ist so süffig wie der Champagner in der „Ciro-Bar“. Ein paar Tropfen Wermut mehr hätten allerdings nicht geschadet, beschleicht einen doch manchmal das ungute Gefühl, der aufkommende Holocaust solle seine flotte Beschreibung dieses Tanzes auf dem Vulkan nicht allzu sehr trüben.

Text: Matthias Frings, Bild: Siedler Verlag

Oliver Hilmes, 1936 – Sechszehn Tage im August, Siedler Verlag, 304 seiten, 19,99 Euro

Das „Kuss-Attentat” auf Adolf Hitler durch einen amerikanischen Fan:

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