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TV-Kritik: So schwul war der Tatort

Der Berlin-Tatort hat jetzt offiziell einen schwulen Ermittler. Wir haben die aktuelle Folge genauer unter die Lupe genommen.

Der Tatort und Minderheiten – das war schon immer schwieriges Verhältnis. Denn einerseits hat die Krimireihe ja das Anliegen, gesellschaftliche Wirklichkeiten in ihrer ganzen Bandbreite abzubilden und Deutschland einen Spiegel vorzuhalten. Andererseits gehört es zur Tatort-Tradition, wichtige Themen zu versemmeln, weil sie zu scherenschnittartig und mit mangelndem Fingerspitzengefühl angegangen werden. Anstatt mit Stereotypen zu brechen, trug das Sonntagabend-Format so in der Vergangenheit nicht selten dazu bei, sie zu nähren.

Frei nach dem Motto „Lass uns doch mal was mit Schwulen machen”

Schwule können ein melancholisches Lied von diesem Missverhältnis singen. Zwei Hände reichen wohl nicht aus, um die Tatorte aus den vergangenen 46 Jahren aufzuzählen, in denen irgendwelche tragischen Figuren in schummerigen Bars vor sich hin siechen. Oder sich am Ende als Mörder entpuppen, weil sie mit einem Outing erpresst wurden. Frei nach dem Motto „Lass uns doch mal was mit Schwulen machen” wurde das Thema dabei oft nur distanziert und mäßig sensibel behandelt.

Angenehm unpeinlich

Die erfreuliche Nachricht daher vorweg: Der gestrigen Berlin-Tatort, in dem 8,10 Millionen Zuschauer erfuhren, dass sie es bei Kommissar Robert Karow (Mark Waschke) mit einem schwulen Ermittler zu tun haben, hat erstaunlich wenig Fremdschäm-Momente. Gut, es gibt die obligatorische Darkroom-/“Schwulenbar“-Szene, die ein bisschen zu laut „schwul” ruft. Aber sie bleibt kurz und ist auch nicht völlig an den Haaren herbeigezogen. Ansonsten haben wir es aber mit einem fast schon zu selbstbewussten Ermittler zu tun, der auch dann cool bleibt, als seine Kollegen sich über ein geleaktes Video amüsieren, das ihn beim (Anal-!)Sex mit einem (ganz nackten!) Verdächtigen zeigt. Und der neben einigen Ausflügen auf schwule Dating-Plattformen die meiste Zeit tatsächlich nicht nur schwul ist, sondern auch ermittelt, so wie im gestrigen Fall mit den Teenie-Mädchen und der überfahrenen Mutter. Alles also ganz relaxt.

Dabei entsteht der Eindruck, dass die Tatort-Macher Dagmar Gabler (Buch) und Torsten C. Fischer (Regie) sich mit der Figur des Robert Karow an US-Ermittler-Formaten wie „The Wire” oder „How To Get Away With Murder” orientiert haben. Denn in den USA hat man ja bekanntlich schon länger verstanden, dass Serien nicht nur spannender, sondern auch angesichts einer bunt gemischten Bevölkerung erfolgreicher sind, wenn scheinbare „Minderheiten-Themen“ wie Homosexualität nicht einfach im Miss-Marple-Stil als vorübergehender Schauplatz abhandelt werden. Sondern, dass das Publikum diese „Themen“ auch wirklich gelebt sehen will – auf allen Seiten der Ermittlerfront. Schon allein, weil die potenzielle Zielgruppe eben nicht nur aus der heterosexuellen Mittelschicht besteht.

Da geht noch was!

Vergleicht man den gestrigen Tatort direkt mit der US-Konkurrenz, offenbart sich allerdings auch eine Schwäche: Wenn es um das Privatleben des Kommissars geht, halten sich die Macher der Folge zurück. Über Karow erfahren wir nicht viel mehr, als dass er abgebrühte Socke ist. Ansonsten bleibt er weitestgehend unnahbar. Stattdessen wird das Geschehen in Sachen Privatleben auf die Familie der weiblichen heterosexuellen Protagonistin Nina Rubin (Meret Becker) gelenkt. Die überhaupt die Identifikationsfigur der Folge ist. Und dann taucht irgendwie auch noch die mysteriöse Frau von Karows Ex-Partner auf, die dieser auf der Straße abfängt, und die er küssen will. Hatte der Ermittler mal was mit ihr? Oder ist das ganze Homonummer gar ein Feigenblatt, um die größere Rahmenhandlung interessanter zu machen?

Man wünscht dem rbb den Mut, seinen Kommissar nach der ersten Einführung nun noch mehr menscheln zu lassen

Mag sein, dass die Tatort-Macher die ohnehin völlig überfrachtete Folge nicht zu sehr vollpacken und das Schwulenthema beiläufig angehen wollten. Wäre ja an sich auch in Ordnung. Angesichts des etwas schwammigen Einstiegs in Karows Leben jenseits des Ermittlerdaseins wünscht man dem rbb trotzdem den Mut, seinen Kommissar nach der ersten Einführung nun noch mehr menscheln zu lassen. Sonst besteht die Gefahr, dass Karow wie der türkische Ex-Tatort-Kommissar Batu (Mehmet Kurtulus) endet. Der war zwar ebenfalls ziemlich cool, blieb aber über weite Strecken ohne privates Umfeld und war dadurch recht profillos. Das wäre dann ein Bärendienst für die Community und würde auch mutige Sexszenen nicht wett machen. Aber noch ist erstmal alles offen. Den nächsten Berlin-Tatort gibt es am 11. Dezember.

Foto: rbb


27 Kommentare

  1. Gerd-Manfred Arndt

    Diese Kritik – danke dafuer – waere noch besser und ehrlicher , wenn der Kritiker beruecksichtigen wuerde , das der weibliche Teil des Berliner Ermittler-Duos , ebenso grossartig neben Mark Waschke ist Meret Becker
    , eine juedische ( saekulare ) und getrennt lebende Mutter zweier Soehne ist .
    Das Drehbuchteam wagt also mehr =
    eine normale juedische deutsche Kommissarin und ein normaler schwuler deutscher Kommissar ! !
    Klasse !
    Erste Klasse ! * ;-))

  2. Horst Lukas Kieler

    Ich fands gut, dass endlich auch mal schwuler Sex in einem Film gezeigt wurde, dazu ohne Sensationshascherei, ganz beiläufig in die Handlung eingeflochten. Sollte es öfters geben. Aber auch ohne diese Szene wäre der Krimi überragend gut gewesen. Spannende Handlung, tolle Schauspieler – einer der besten Krimis seit Jahren.

  3. Gerd-Manfred Arndt

    Nein , werter Heinz Schwäbig , da erlebe ich das anders : bin Jahrgang 1955 und seit dem schwulen Coming Out am 14.Geburtstag in 1969 arbeite ich mit daran , das alles schwule ebenso normal und gleich und gleichberechtigt ist wie alles andere ….
    man / mensch muss nicht den ‘ Masters Johnson – Report ‘ oder Oswald Kolle gelesen haben , um zu wissen , das auch Arschf.cken ein normaler menschlicher Vorgang ist und nicht exklusiv von Schwulen und Bisexuellen gelebt wird .
    Die allermeisten Menschen kennen das .
    Normal ist es sowieso .
    ~ ~ ~
    Wenn Vorurteile falsch sind > klar < , sollten wir das benennen : auch , das Vorurteile schlichte dumme boesartige Luegen sind ! ~ ~ ~ Shaloemchen aus dem ollen Berlin ... ;-)))

  4. Kurt Hauser

    für mich war die Handlung ein fürchterliches Durcheinander, der schwule Sex an den Haaren herbeigezogen, die Sprache manchmal für mich unverständlich, selten einen so schlechten Krimi gesehen!

  5. Frank Rönisch

    Das war wieder mal ein Bärendienst* für Schwule!
    Im Allgemeinen ist es ja nicht gerne gesehen, wenn Mitarbeiter während der Arbeitszeit privat im Internet surfen. Der Tatort bemüht aber erneut das Klischee des triebgesteuerten Schwulen, der in einer Besprechung seine Aufmerksamkeit eher Dating-Portalen widmet.
    Auch wenn der Plot hier nur eine flapsige Bemerkung der Kommissarin vorsieht – im realen Leben hätte das ggf. eine Abmahnung zur Folge. Ich habe aber in der sicheren Hoffnung, dass der Fall gelöst wird, nicht auf die angekündigte Sex-Szene gewartet und umgeschaltet.
    * Die zugehörige Redensart „jemandem/etwas einen Bärendienst erweisen“ dürfte eine ältere ost-, nord- und mitteleuropäische Metapher sein, weil der Bär bereits im Mittelalter als unzähmbar galt, sodass er als Arbeitstier untauglich schien. (Quelle: Wikipedia)

  6. Armin Wolf Grabs

    Na wenn Du nicht umgeschaltet hättest, hättest Du vermutlich auch bemerkt, dass er zwar tatsächlich auf einem Dating Portal surft, allerdings um demjenigen zu ermitteln, mit dem er Sex hatte und der ihm eine Waffe untergeschoben hat. 😉 Von wegen privat und triebgesteuert. 😉

  7. Frank Rönisch

    Ich ahnte schon, dass es sich so entwickelt. Und trotzdem – Bedienung von Klischees und ein schwacher Plot, der mich bis auf die Innenaufnahmen im Brandlhuberschen Haus in der Brunnenstraße nicht fesseln konnte. Darüber hinaus weiß ich natürlich auch nicht, wie oft derartige Szenen sonst im Tatort gezeigt werden. Der Kritik nach sind Plots mit Schwulen im Tatort ja bisher immer etwas zwiespältig gewesen. Und auch sonst weiß der Tatort mich wenig zu begeistern – aber das ist etwas persönliches. Wie mein Kommentar auch, aber danke für die ergänzende Information!
    P.S.: Alle Menschen sind triebgesteuert; sind gleich! 🙂

  8. Boris Gyhra

    Toms bar im Tatort, cool. Der Kollege mit dem er dann das fake Profil gemacht hat , SEHR LECKER. Sehr cool wie er drüberstand , als die anderen Kollegen sich lustig machten!!!

  9. Marcelo Jürgens

    Es war so alltäglich, so normal in den Fall eingestrickt. Hätte es sich um Hetero-Sex gehandelt, kein Aufreger. Auch schien sich niemand wirklich dafür zu interessieren. Wir sind in der Realität angekommen. Die Fetish-Ausstellung im tom’s/maybe hätte man sich aber schenken sollen…

  10. Skipper von Türk

    Hab ihn leider nicht gesehen, aber ist es nicht bei allen „Tatorts” (ist das die Mehrzahl?) so, dass der Assistent weniger durchleuchtet wird, als der/die HauptdarstellerIn


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