„Beim Fussball geht es um Fussball“

Sacha pfeift gern anderen Männern nach. Und Frauen. Allerdings nur, damit sie sich an die Regeln halten.

Manche Dinge im Leben entscheiden sich früh. Zum Beispiel was jemand liebt oder tut. Sacha König war fünf, als er die große Liebe seines Lebens traf. Die war rund und schwarz-weiß und ließ sich gern treten.  Jetzt ist er 34, Projektleiter für die Respect Gaymes beim Lesben- und Schwulenverband und teilt seine Zuneigung mit vielen anderen Menschen. Obwohl er das eigentlich schon immer getan hat. „Mein Vater hat Fußball gespielt, meine Freunde haben Fußball gespielt. So kommt man dann zum Fußball. Du hast den Sport. Der ist deine Heimat.“ Diese Heimat hieß FC Stern Marienfelde. Der Club hat heute etwas, das für Außenstehende nach etwas klingt, das ungeheuer niedlich ist: Einen Fußballkindergarten. Wer schon mal das Vergnügen hatte, ehrgeizigen Sechsjährigen beim Spielen zuzusehen, weiß, dass die nicht weniger ernsthaft oder mit weniger Leidenschaft spielen als die Großen. „Du hast jede Woche ein Spiel, gehst zweimal oder dreimal die Woche zum Training, du gehst nach der Schule mit Freunden, die vielleicht auch nicht zum Verein gehören, Fußball spielen. Du lebst das einfach richtig.“

Sexuelle Identität hat mit dem Fußball nichts zu tun. Dafür ist auf dem Platz kein Raum.

Mit 13 war dieses Leben dann erst einmal vorbei. „Ich habe einfach gemerkt, dass ich als Spieler vielleicht nicht gut genug war. Das hatte auch schulische Hintergründe.“ Man könnte denken, dass dieser Bruch mit dem Entdecken des eigenen Schwulseins zu tun gehabt hätte. Dem war in Sachas Fall definitiv nicht so: „Sexuelle Identität hat mit dem Fußball nichts zu tun. Dafür ist auf dem Platz kein Raum. Ich hab Fußball gespielt. Dafür ist man da, darum geht es. Mein Outing, auch mir selbst gegenüber, kam viel später, mit 19.“ Seine Leidenschaft für den Sport ist in jedem seiner Sätze spürbar. Weswegen es nicht verwundert, dass er ihn natürlich, selbst wenn er nicht mehr in einer Mannschaft spielte, nicht aufgeben wollte. „Ich habe eine Pause gemacht, aber mich natürlich weiter für Fußball interessiert. Mit 17 habe ich dann den Schiedsrichterschein gemacht, weil ich imVerein eine neue Aufgabe übernehmen wollte.“ Das darf man ab 14; die Schiedsrichter, die in der Bundesliga pfeifen, haben auch meistens in diesem Alter angefangen, sagt Sacha.

Meine Spielerkarriere war beendet, aber es ist immer noch super und schön, auf den Platz zu gehen, sich zu bewegen, auf diese Weise am Spiel teilzunehmen und diesen Sport zu betreiben.

Schiedsrichter sein ist „ein Hobby, nach dem viele ihren Beruf ausrichten. Es gibt Aufwandsentschädigungen und in der Bundesliga auch sowas wie Gehalt, aber Geld spielt auf dem Niveau, auf dem ich das mache, keine Rolle.“ Antriebsmotor für die Tätigkeit, die zeitlich und vom Fitnesslevel fast so aufwendig sein kann wie eine Spielerkarriere, ist reine Leidenschaft. Was man Sacha auch anmerkt.
„Meine Spielerkarriere war beendet, aber es ist immer noch super und schön, auf den Platz zu gehen, sich zu bewegen, auf diese Weise am Spiel teilzunehmen und diesen Sport zu betreiben.“ Auch seinen jetzigen Beruf hat er so gefunden: „Ich habe neben meiner regulären Schiedsrichtertätigkeit auch immer lesbisch-schwule Fußballturniere gepfiffen, zum Beispiel 2005 die Eurogames in Kopenhagen. So lernte ich die Respect Gaymes kennen, und habe Kollegen und Kolleginnen gefragt, ob sie Lust haben, bei dem Turnier mitzupfeifen. Daraus ist mit der Zeit ein Netzwerk entstanden, in dem Homos Heteroturniere pfeifen und umgekehrt. Bei den Respect Gaymes am 2. Juli pfeifen auch Heteros als Schiedsrichter.“

Natürlich gibt es diese Probleme. Aber viele Fans sind da inzwischen auch deutlich weiter als manche Funktionäre oder Vereine.

Klingt nach viel Spaß und Sonnenschein. Was es auch meistens ist. Sachas Erfahrungen mit Anfeindungen auf dem Platz oder Homophobie in Stadien sind begrenzt: „Natürlich gibt es diese Probleme. Aber viele Fans sind da inzwischen auch deutlich weiter als manche Funktionäre oder Vereine. Man kommt als Schiedsrichter, weil man ja einfach nicht Teil der Mannschaft ist, nicht ständig in Kontakt mit den Spielern. Aber wenn man dann nach dem Spiel mal zusammensitzt und noch ein Bier trinkt oder so, wird schon mal gefragt, ob ich nach Hause zu meiner Freundin fahre. Und wenn ich dann sage, nee, ich fahre nach Hause zu meinem Freund, ist das für einige überraschend, aber für viele inzwischen auch selbstverständlich und wird mit freundlichem Kopfnicken quittiert. Bei Fußball geht es für die allermeisten einfach um Fußball, nicht um Homosexualität.“ Während Sacha das sagt, wirkt er nicht, als würde er die vorhandenen Probleme leugnen, sondern so als würde er sich einfach über die in den letzten zehn Jahren erreichten Fortschritte freuen. Was sehr schön ist. Auf Vereins- und Funktionärsebene sieht er auch das größte Entwicklungspotenzial, um voranzukommen. „Seien wir ehrlich, das Hitzlsperger-Outing war für zwei Wochen in allen Medien, einer von vielen wichtigen Schritten, aber großartig verändert hat sich danach nicht wirklich etwas.“ Weil die zu leistende Arbeit in den mehr als 50.000 Vereinen in Deutschland stattfinden muss, nicht vorrangig in der Bundesliga? „Genau. Fußball ist ein Breitensport. Die Verantwortung auf die ‚schwulen‘ Bundesligaspieler zu schieben und ständig ein Outing eines Profis zu fordern, bringt gar nichts. Du musst dich mit den Leuten beschäftigen, mit denen du spielst oder für die du als Schiedsrichter arbeitest. Und manch einer in den unteren Ligen freut sich auch, wenn man ihm hinterherpfeift.“ Das erledigen dann Männer wie Sacha mit Vergnügen.

Foto: privat


2 Kommentare

  1. Floris Büttgen

    Wenn das mal alle heten kapieren würden würde es manchen Menschen besser gehen. Aber es geht beim fussball meistens nicht um den fussball sondern um Ruhm, macht und vorallem um Geld. Dabei ist eigentlich für eine Diskussion um die sexuelle Orientierung lächerlich und hätte auch keinen platz. … Sollte man meinen…. Leider ist die Realität immer anders.


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