26227201596136_447f92533e_o Boulevard Dunikowskiego on the Oder.

Wo das Kitkat Cactus heißt

Breslaus Stadtschreiber Marko Martin erzählt aus seiner Sommerheimat

Die Europäische Kulturhauptstadt Wrocław hieß einst Breslau. Die Stadt hat eine Menge zu bieten,  sogar einen eigenen Stadtschreiber – den Berliner Schriftsteller Marko Martin. Er berichtet für MÄNNER

Eine Stadt, die sich weder von den Nazis noch den Kommunisten hat kleinkriegen lassen und nun als schmuckes Kleinod eine Menge Gäste anzieht. Zum Beispiel Sami Harb, einen jungen New Yorker Entertainer, Sänger und Tänzer, der seit ein paar Jahren die schwulen Clubs ganz Polens mit seinen Performances beglückt: Von Sopot und Danzig im Norden bis Breslau und Krakau im Süden.

Schüchterne Einheimische

Der Dancefloor des „H2O“  liegt unterhalb eines klassischen Belvedere-Säulenhalbrunds am Rande eines kleinen Parks in der Nähe des Stadtgrabens, der in manchen Momenten sogar an Amsterdamer Grachten erinnert. Als “Liebichshöhe“ im Jahre 1867 von deutschen Architekten entworfen, hieß das Areal bis 1989 „Partisanenhügel“, da 1945 hier schwerste Kämpfe stattgefunden hatten: Wo sich heute an den Wochenenden die schicken Mittelklasse-und Studenten-Schwulen zum Tanzen treffen, hatte die Wehrmacht bis zuletzt einen Stützpunkt ihrer sogenannten „Festung Breslau“, ein suizidäres Unternehmen, das die sowjetischen Bombardements der Stadt geradezu provoziert hatte. Sami Harb, geboren in Beirut, interessieren solche Stories – obwohl er sie danach, beim Zigarette-Rauchen vor dem Club-Eingang, von mir, dem ebenfalls Zugereisten, hört, da die Einheimischen trotz guter Englischkenntnisse doch noch immer etwas schüchtern sind.

Breslau

Feierliche Eröffnung des kulturellen Jahres im Januar 2016 (Foto: Breslau Tourismus)

Glaubst Du an Gott oder bist Du Agnostiker?

Kein Zufall deshalb, das man dann auch im „Cactus“-Club, einer täglich von 20 bis 4 Uhr morgens geöffneten Bar- und Sex-Location, schnell mit Erasmus-Studenten oder anderen Ausländern in Kontakt kommt, während gebürtige Wrocławer erst einen kleinen Wodka oder eine größere Flasche Bier brauchen, um die zahlreichen Kabinen zu bevölkern. Freilich erweisen sie sich danach (oftmals auch schon mittendrin) als wahre Fans der Kommunikation – sympathischer Kontrast zum schweigsameren Tun in vergleichbaren westlichen Lokalitäten. Wobei es hier sogleich ins Volle geht: Was hältst Du von Europa und Frau Merkel, was von der gegenwärtigen Warschauer Regierung (in Nordpolen immerhin gibt es einen schwulen Bürgermeister – MÄNNER-Archiv) und, by the way,  glaubst Du an Gott oder bist Du Agnostiker? Montags, wenn im „Cactus“ versucht wird, ein wenig Berliner Kitkat-Atmosphäre zu schaffen, tauchen auch noch ein paar Frauen auf, die sich ebenfalls an den Debatten beteiligen. Dann aber herrscht plötzlich wieder Schweigen, nur der polnische Lautsprecher-Techno wummert weiter durch die Räumlichkeiten. Es sind schräge, berührende, mitunter auch irritierende Erfahrungen, die dieses Wrocław-Breslau dem auswärtigen Besucher schenkt – und es lohnt, sich darauf einzulassen.

Der vollständige Breslau-Text ist erschienen in MÄNNER 7.2016!

Mehr von Marko Martin: www.stadtschreiber-breslau.blogspot.de

Titelbild: Breslau Tourismus


0 Kommentare



Likes & Shares

Durch die fortgesetzte Nutzung der Website erklären Sie sich mit der Verwendung von Cookies einverstanden. mehr Info

The cookie settings on this website are set to "allow cookies" to give you the best browsing experience possible. If you continue to use this website without changing your cookie settings or you click "Accept" below then you are consenting to this.

Close