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Community im Sicherheitsmodus

Interview mit einem schwulen Buchhändler aus Amman

Schwules Leben in Jordanien – wie offen ist das möglich? Darüber sprachen wir mit einem schwulen Buchhändler aus der Hauptstadt Amman. Er bat uns jedoch, seinen Namen und den des Buchladens, der auch gleichzeitig ein Café ist, nicht zu nennen. Er muss vorsichtig sein. Das dürfte seine Situation schonmal grob beschreiben

Übersetzung: Thomas Petersen

 

Du lebst offen schwul. Bis zu welchem Grad kann man in Amman offen schwul leben?

Ich bin schwul und lebe bis zu einem gewissen Grad offen. Jordanien ist nicht so frei, wie man vielleicht denken mag. Es gibt hier zwar kein Gesetz, das Homosexualität unter Strafe stellt, aber es gibt auch keins, das die LGBTI Community beschützt. Sehr oft ist die Community Angriffen ausgesetzt, die durch eine sehr „elastische“ Verordnung möglich gemacht wird. Diese Verordnung besagt, dass alle Handlungen, die sich gegen Moral und Werte der Gesellschaft richten und diese verletzen, strafbar sind. Die verschiedenen Regionen in unserem Land gehen unterschiedlich damit um. In manchen Orten ist es okay, einer Freundin bei der Begrüßung einen Kuss auf die Wange zu geben. An anderen Orten wiederum kann man „im Namen der Ehre“ erschossen werden.

 Partys der Community werden als Orgien und satanische Feste gebrandmarkt

Homosexualität ist in Deinem Land nicht strafbar. Das bedeutet aber wohl nicht, dass es deswegen keine Diskriminierung oder Attacken gegen LGBTI-Personen gibt.

Die Verordnung von der ich sprach wird gegen die Community verwendet. Wenn die Community zum Beispiel eine kleine Party privat veranstaltet, kann es sein, dass Nachbarn die Polizei rufen. Die nehmen dann die gesamte Partygesellschaft mit auf die Wache und lassen die Teilnehmer eine Erklärung unterschreiben, keine Partys mehr zu veranstalten. Die Polizei gibt vor, die Gäste damit vor der Gesellschaft zu schützen. Dort werden solche Partys als Orgien und satanische Feste gebrandmarkt. Deshalb gibt die Polizei vor, uns davor schützen zu müssen. Natürlich kommt es dabei auch immer wieder zu Misshandlungen, die aber nicht angezeigt werden.

Du hast Dein eigenes Café in Amman. Kommen auch andere Schwule zu Dir? Vielleicht um zu reden – oder um andere Schwule zu treffen?

Mein Café ist dafür bekannt, Anlaufstelle für alle zu sein, die sich unterrepräsentiert fühlen. Es ist als Ort bekannt, an dem es keine Diskriminierung gibt und an dem Einheit, Gleichheit und Toleranz an erster Stelle stehen. Viele Diplomaten und Ausländer, aber auch Einheimische kommen zu uns. Der Anteil schwuler Besucher liegt je nach Abend zwischen ca. 10-40%. Ich bin mir sicher, dass es auch zu Kontakten der Gäste untereinander kommt, aber ich unterbinde offensichtliche Aktionen, da es gegen das Gesetz ist, Sex in der Öffentlichkeit zu haben. Das wird vom Gesetz zu öffentlichen Liebesbekundungen geregelt. Zur gleichen Zeit ist das Café aber auch Anlaufstelle für sexuell misshandelte Menschen geworden. Seien es heterosexuelle Frauen oder Mitglieder der LGBTI Community. Sie alle wissen, dass sie bei uns Hilfe und Schutz finden. Nicht zuletzt durch unsere starken Verbindungen zu den diversen Menschenrechtsorganisationen. Ich selber bin da sehr aktiv und kümmere mich persönlich um eine Anzahl Fälle von verschiedenen Formen der Misshandlung bis hin zur Betreuung HIV-Infizierter.

War es schon immer so in Jordanien im Vergleich zu heute? Kennst Du bessere Zeiten, oder schlimmere Zeiten?

Heute sind natürlich viel mehr junge Menschen offen schwul. Aber der Umgang der westlichen Medien mit diesem Thema hat leider in unserem Teil der Welt den Umgang mit Homosexualität verschlechtert. Der Arabische Frühling und die Kriege zwischen dem Irak, Syrien und ISIS haben bei den westlichen Medien dazu geführt, dass auch die LGBTI-Community immer mehr in den Fokus gerückt wird. Wenn es von deren Seite sicher gut gemeint war, hat es aber leider dazu geführt, dass sich unsere Medien auch dem Thema angenommen haben. Nur eben in einer herablassenden Art und Weise – mit keinerlei Verständnis. Sie beziehen sich auf Religionsführer, die uns hassen und auf Psychiater, die immer noch glauben, wir leiden unter einer mentalen und emotionalen Fehlfunktion. Diese Dinge befeuern Attacken auf die unsere Community in der arabischen Welt und das hat wiederum dazu geführt, dass die LGBTI-Community sich in eine Art Sicherheitsmodus zurückgezogen hat.

Ein Konzert von Mashrou‘ Leila in Amman wurde aufgrund von Beschwerden der christlichen Kirchen kürzlich abgesagt (MÄNNER-Archiv). Offensichtlich wegen ihrer Texte und ihrer Haltung zur sexuellen Freiheit. Hat Dich das überrascht?

Nein, überhaupt nicht. Die ältere Generation hier ist sehr konservativ eingestellt – und sie haben die Macht. In der Tat bin ich froh, dass es so gelaufen ist. Es hagelte Proteste der Jordanier gegen diese Entscheidung. Kirche und Verwaltung mussten einen Rückzieher machen, was sie sehr beschämt hat. In meinen Augen ein Sieg der Freiheit. Klasse fand ich dann, dass die Band sich geweigert hat, aufzutreten. Das hat unsere Würde enorm gestärkt.

Dein Land liegt zwischen Israel, in dem Homosexualität nicht strafbar ist, und Saudi Arabien, wo schwule Männer bestraft werden. Welches Land beeinflusst Politik und Gesellschaft in Jordanien mehr?

Die Saudis sind mit unserer königlichen Familie verwandt. Auch wenn ihr Stamm hier im Land eine Minderheit bildet, hat er doch erheblichen Einfluss auf unsere Politik. Jordanien ist ein Schmelztiegel der Nationen. Hier leben Palästinenser, Iraker, Libanesen, Tschetschenen, Kaukasier, Armenier und Syrer. Die meisten von ihnen mit einer sehr liberalen Einstellung. Überhaupt war in der arabischen Welt Homosexualität nie ein Thema. Erst im 19. Jahrhundert, als Homosexualität als solche definiert wurde, kam bei uns Homophobie auf. Das Homosexualität in Israel legal ist, ändert nichts daran, dass wir diesen Staat mit seiner Apartheid niemals zum Vorbild nehmen könnten. Die israelische Regierung hat mit ihren Taten die Einstellung der jordanischen Gesellschaft gegenüber Diskriminierung eher befördert. Das hat nichts mit dem Judentum zu tun. Es gibt so viele arabische Juden, und Muslime und Christen müssen das Judentum als deren Teil ihres Glaubens akzeptieren. Was ich sagen möchte, ist, dass der politische Zionismus mit seinem Besetzungsanspruch und der Rassentrennung gegen die Palästinenser Israels Werte auch nicht einmal annähernd in eine Position bringt, die uns beeinflussen sollte.

Mehr über schwules Leben im Nahen Osten: Sänger Hamed Sinno im Interview – MÄNNER 7.2016!

Titelbild: Fotolia


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