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Die Rückkehr der Opera Queens

Auf dem deutschen Zeitschriftenmarkt tut sich was: Schwule Männer bringen mehrere neue Opernmagazine heraus.

Die Bezeichnung Opera Queen haben wohl lange Zeit die wenigsten als positiv empfunden. Assoziierte man damit doch meist hyperkritische und oberflächliche Schwule älteren Jahrgangs, in deren Leben es nichts anderes gab als die ewig bohrende Frage, welche Diva denn nun die beste Interpretin einer bestimmten tragischen Rolle war – „Tosca” und „Traviata” standen weit oben auf der Favoritenliste. Um das zu klären, wurden tausende Aufnahmen gekauft, getauscht und gehört. Danach wurde in Cafés und Chats gegeifert, was das Zeug hielt.

Dann eilte dieser Typ Operfanatiker zum nächsten Opernabend, um in der Pause das gerade Gehörte zu zerreißen und zwischendurch am Pausenbuffet zu schauen, ob man nicht wenigstens einen ahnungslosen Jüngling abgreifen konnte, um ihn in die höheren Gefilde der Kunst einzuführen, bis er nach der ersten falschen Bemerkung zur einzig verehrungswürdigen Diva wieder vor die Tür gesetzt wurde. So jedenfalls das Klischee, das u. a. Wayne Koestenbaum in seinem Buch „The Queen’s Throat“ (1993) auseinandernimmt und analysiert. Darin geht es darum, dass der homosexuelle Opernliebhaber alter Schule seine Leidenschaft vor allem im Dunkeln und in der Anonymität ausleben musste. Die wilden Gefühle und die Identifikation, zu denen Opern einladen, mussten im Verborgenen bleiben. Homosexualität war strafbar und durfte darum nicht öffentlich werden. Die schwule Opera Queen dieses Schlags gehörte einem Geheimbund an, der sich zwar untereinander austauschte, sich aber vor der Hetero-Öffentlichkeit verbarg, auch lange nach Abschaffung des § 175.

Genauso klischeebelastet war in den letzten Jahrzehnten die Kunstform Oper selbst: verstaubt, absterbend, verklemmt.

Noch vor Kurzem wurde vom Tod des klassischen Musiktheaters gesprochen, weil da – besonders im Regietheater-Mekka Deutschland – nichts Neues kam; nur ein ewiges Recycling überkommener Vorstellungen von Moderne, die in den 1950er und 60er Jahren so homophobe Herren wie Theodor W. Adorno ihren Studenten eingetrichtert hatten, die es dann wiederum ihren Schülern weitergegeben haben: Viele von ihnen sind heute Intendanten oder entscheiden als Radio- und Festivalchefs, welche Komponisten Kompositionsaufträge kriegen und welche Regisseure was wie inszenieren dürfen. Für lustvolles Entertainment, geschweige denn lustvolle Sexualität, war da lange kein Platz. Für Homosexualität schon gar nicht. [Neueste Erkenntnisse zu Adornos Einstellung zu Homosexuellen findet man in Tilmann Lahmes Buch „Die Manns”, wo der Autor berichtet, wie Adorno 1963 die Berufung des schwulen Golo Mann als Professor in Frankfurt verhindete, weil er fand, dass „ein solcher Hochschullehrer der studentischen Jugend nicht zuzumuten” sei.]

Schwuler Schmuddelkram

Die Folge: Selbst offen schwule zeitgenössische Komponisten wie Aribert Reimann („Lear“) unterdrücken die Thematik in ihren Werken, und Hans Werner Henze wanderte gleich ganz nach Italien aus, weil ihm in den 1960ern die Situation im Adorno-normativen deutschen Kulturbetrieb unerträglich war. Bis heute schrecken Vertreter der angeblichen Avantgarde reflexhaft zurück, wenn Homosexualität thematisiert werden soll. Ein so genüsslich schwules Buch wie „Opera in the Flesh: Sexuality in Operatic Performance“ (1996) von Prof. Sam Abel kam bei einem Großverlag in den USA raus, nicht aber in Deutschland. Hier sieht man so etwas als Schmuddelkram an und kriegt damit weder einen Großverlag, noch einen Lehrauftrag. Solch ein Buch über „polymorphe Perversionen“ und Orgasmen beim „Rosenkavalier“-Trio wäre hierzulande sogar ein Grund, von Berufungskommissionen auf Bewerberlisten für den Universitätsdienst weit nach hinten verschoben zu werden, Anti-Diskriminierungsstellen hin oder her. Verglichen mit „Besorgten Eltern“ sind viele besorgte Vertreter des Musikbetriebs etliche Zacken schärfer. Schwule, die in dem Bereich tätig sein wollten, richteten sich darauf ein und folgten dem Leitspruch: „Schwul sein ist okay, aber bloß nicht drüber reden und es an die große Glocke hängen.“

Doch dann geschah das Wunder. Die Kunstform erneuerte sich, indem sie die verkrusteten Adorno-Maximen wenigstens vereinzelt über Bord warf und ohne Scheu vor Popularität und Showeffekten neue Wege beschritt. Erst in England und den USA, dann auch in Deutschland, wo u. a. der Australier Barrie Kosky als selbsterklärtes „Gay Jewish Kangaroo“ an der Berliner Komischen Oper als Vertreter einer „lauten Minderheit“ richtungsweisend wurde, trotz anhaltender Anfeindungen wegen zu viel „Schrillheit”, „Nacktheit”, „Cross-dressing” und „Unterhaltungsmusik” von Cole Porter, Paul Abraham, Leonard Bernstein und Oscar Straus. Aber siehe da, plötzlich geht wieder was: thematisch, musikalisch, inszenatorisch.

Neue Entdeckerlust auf dem Zeitschriftenmarkt

Die Impulse kommen dabei nicht nur an der Komischen Oper von Schwulen, die eine andere Art von Opera Queen darstellen, als man sie zuvor kannte. Nicht mehr die verbitterte alte Tunte mit ihren Callas-Aufnahmen dominiert das Feld, wie man das im Terrence-McNally-Theaterstück „Lisbon Traviata“ erlebt, sondern weltoffene, kommunikationsfreudige, begeisterungsfähige Menschen, die dem Genre den Spaß und den Kick (und die Entdeckerlust) wiedergeben wollen. Das merkt man auch an den neuen Opernzeitschriften, die allesamt in jüngster Vergangenheit von schwulen Männern an den Start gebracht wurden.

Titelblatt der Zeitschrift "Marfa".

Titelblatt der Zeitschrift „Marfa” mit dem Schwerpunktthema „Essen” in der Ausgabe 4/2016.

Dass in einer Zeit, da besonders Print-Medien in einer Krise stecken, so viele Magazine neu auf den Markt kommen, noch dazu im oberen Preissegment, ist bemerkenswert. Während Traditionshefte wie „Opernwelt“ (trotz schwulem Verleger) so ziemlich jeden innovativen Funken an sich vorbeiziehen ließen, was die Themenauswahl angeht, zeigen drei neue Hefte sehr unterschiedliche schwule Herangehensweisen; ein Onlinemagazin namens Operalounge.de komplettiert den Reigen. In allen vier Titeln wird wahlweise Klatsch und Tratsch, Seltenes, Rares und Historisches sowie Glamour zelebriert. Also all das, was den etablierten Opernmagazinen so lange übergangen wurde, während sie der Nachkriegssachlichkeit huldigten: Kunst sollte schließlich keinen Spaß machen, sondern den Intellekt maximal herausfordern. Jeder Anflug von Unterhaltung war ideologisch verdächtig; man wusste ja, wozu „Volksverdummung” bei den Nazis geführt hatte! So die verkürzte Argumentation.

Musikkritiker Manuel Brug von „Die Welt“ sagt zu den neuen Magazinen: „Sie sind mehr Fanzine, subjektiver, zum Teil geistvoll boulevardesker, nicht so trutschig und trocken, legen mehr Wert auf Optik, inszenieren die Oper als sinnliches Fest, nicht als verschnarcht chronistisches Proseminar.“ Der Chefredakteur von Operalounge, Geerd Heinsen, meint: „Ich bemerkte mit großer Freude, dass Menschen zu begeistern sind, wenn man selber begeistert ist. So halte ich es auch mit Kritiken. Nur starke Gefühle kommen rüber, nur mit einer starken eigenen Meinung berührt man andere. Ich ertrage nicht dieses opportunistische Larifari-Geschreibe, das viele Kollegen ablassen. Sorry.“

Titelseite der Online-Zeitschrift Operalounge.de.

Titelseite der Online-Zeitschrift Operalounge.de.

In diese Richtung argumentiert auch Alexander Busche, der „Marfa“ gründete. Statt nachträglich Besprechungen von Aufführungen zu bringen und auf deren ‘Problemzonen’ hinzuweisen, gibt’s bei ihm nur Vorankündigungen, in denen beschrieben wird, worauf man sich freuen kann. Alles Negative bleibt ausgeblendet. Busche sagt: „Ich will keine rückblickenden Meinungsbilder mehr, das ist viel zu langweilig und wird anderswo abgedeckt.“ Stattdessen wird der Akzent bei „Marfa“ auf Lifestyle gelegt: die textarme aber bildmächtige Zeitschrift wirkt wie ein farbenfroher Katalog mit Hotelempfehlungen, Essenstipps und People-Seiten. Außerdem enthält „Marfa” viel Mode, die man übrigens auch beim brandneuen Blog Operafashion aus Großbritannien findet. Die dort vorgestellte „Fidelio Star”-Kollektion ist inspiriert vom „transvestite protagonist” der gleichnamigen Beethoven-Oper. So viel zum Thema Diversity bei unseren Nachbarn. (Die Idee, dass Beethovens Leonore ein „Transvestit” sei, ist durchaus interessant.)

Die “Fidelio Star”-Kollektion von International Opera Awards and Victoria Rees. (Quelle: Operafashion)

Die “Fidelio Star”-Kollektion von International Opera Awards und Victoria Rees, vorgestellt von Bariton Peter Brathwaite. (Foto: Minjas Zugik)

Inzwischen finde ich es fast entspannter, mit Heteros über Oper zu reden. Schwule regen sich so wahnsinnig auf und werden schnell anstrengend

„Wir wollen junge Operngänger ansprechen, die anders denken“, sagt Alexander Busche. Anders heißt für ihn: ohne die fanatische Ausschließlichkeit, die ältere Opera Queens ausgezeichnet hat. Bei „Marfa“ ist Oper Teil eines größeren Ganzen, eingebunden in ein anzeigenkompatibles Gesamtlebensgefühl. Der lockere Umgang mit Oper ist dabei auch das Resultat langjähriger Vertrautheit mit dem Genre. Busche sagt, „Ich bin mit Oper großgeworden, seit meinem 6. Lebensjahr sitze ich regelmäßig im Theater. Inzwischen finde ich es fast entspannter, mit Heteros über Oper zu reden. Schwule regen sich so wahnsinnig auf und werden schnell anstrengend. Allerdings kennen sie sich wirklich aus!“

Kann man diese Kenntnis nutzen, ohne anstrengend zu werden? „Marfa“ versucht es, wobei Wissen dort eher angedeutet wird, statt ausbuchstabiert. Vieles bleibt reduziert auf schöne Bilder, die im besten Fall neugierig machen. Informieren muss man sich anderswo.

Doppelseite aus "Marfa" zu Rossinis Oper "Guillaume Tell".

Doppelseite aus „Marfa” zu Rossinis Grand Opéra „Guillaume Tell”.

Fast vollständig auf Klatsch und Tratsch (im positiven Sinn) sowie auf einen Blick hinter die Kulissen konzentriert ist die neue Zeitschrift „Oper!“ von Ulrich Ruhnke, die er mit Thomas Petersen aufgebaut hat nach dem Vorbild der „Gala“. Der Fokus liegt auf Berlin, was das Heft aus überregionaler Sicht manchmal etwas provinziell erscheinen lässt. Die Publikation ist sehr kommerziell in der Themensetzung: Raritäten und Historisches findet man nicht, nur CD- und DVD-Veröffentlichungen der großen Firmen und nur die großen Stars, die bei diesen Firmen unter Vertrag sind, wie zum Beispiel Jonas Kaufmann. Also: Standardrepertoire in der Dauerwiederholungsschleife. Daneben Home Storys mit solventen Sponsoren und Berichte über neue Namen am Berliner Opernhimmel. Ein Heft, das im Hier und Jetzt angesiedelt ist, mit boulevardeskem Glam-Faktor. Historische Kontextualisierung gibt’s dafür ansatzweise beim wiederbelebten Klassiker „Orpheus“, den Clauspeter Koscielny jetzt leitet, allerdings mit teils extrem schwankendem Qualitätsniveau.

Das Editorial der Juli/August-Ausgabe von "Orpheus" mit Chefredakteur Clauspeter Koscielny.

Das Editorial der Juli/August-Ausgabe von „Orpheus” mit Chefredakteur Clauspeter Koscielny.

Wirklich zelebriert werden Raritäten und historische Aufnahmen nur bei Operalounge.de („Das etwas andere Opernmagazin. Leidenschaftlich und unabhängig”). Die Besprechungen dieser Aufnahmen machen deutlich, dass ein neuer Umgang mit dem Genre auch bedeutet, dass man sich die Fülle von heute vergessenen Werken vor Augen führen sollte, um zu begreifen, was es alles zu entdecken gibt. Denn ohne Entdeckungen wird man nicht zu neuem Drive im Opernbetrieb kommen, was auch Kosky demonstriert hat. Entsprechend stellt Operalounge.de Aufnahmen von unbekannteren Werken vor, die bei kleinen Labels (ohne Werbebudget) rauskommen. Da staunt man oft nicht schlecht, was für ein breitgefächertes Spektrum die Welt der Oper bieten kann, wenn man Augen und Ohren wirklich aufmacht. Es ist eine Freude, bei Operalounge auf Erkundungsreise zu gehen, zumindest wenn Geerd Heinsen oder sein Partner Rüdiger Winter die Artikel schreiben. In den anderen Fällen muss man manchmal schon arg schlucken.

Die Juli-Ausgabe 2016 des Magazins "Oper!" mit Universal-Music-Startenor Jonas Kaufmann auf dem Cover.

Die Juli-Ausgabe 2016 des Magazins „Oper!” mit Universal-Music-Startenor Jonas Kaufmann auf dem Cover.

Was bei all den neuen Heften und Online-Magazinen auffällt ist, dass da eine Riege schwuler Männer angetreten ist, um den Opernzeitschriftenmarkt neu zu beleben, aber das Thema Sexualität oder Homosexualität nirgends vorkommt. Während in den USA Blogs wie Barihunks („The Sexiest Baritone Hunks from Opera“) erfolgreich halbnackte männliche Opernsänger als „Schauobjekte” vorstellen und dabei ganz unkompliziert mit (nicht nur schwuler) Lust am Luxuskörper spielen, ist so etwas in Deutschland scheinbar undenkbar.

Der belgische Bariton Romain Dayez, der einer der regelmäßig auf dem Blog "Barihunks" vorgestellt wird. (Quelle: Instagram/@romaindayez)

Der belgische Bariton Romain Dayez, der regelmäßig auf dem Blog „Barihunks” vorgestellt wird. (Quelle: Instagram/@romaindayez)

Selbst Chefredakteure wie Geerd Heinsen, die ihre Freizeit durchaus mit Pornografie verbringen, über die sie sich mit einschlägig interessierten Kollegen gern stundenlang unterhalten (wie dem Autor dieses Artikels, der von Herrn Heinsen dankenswerterweise auf Lucas Kazans Pornoadaptionen von Mozart- und Mascagni-Opern aufmerksamegemacht wurde), selbst diese Redakteure verbitten es sich, auf Operalounge.de auch nur den Anflug von nackter – männlicher – Haut zu zeigen oder Themen wie Oper und Porno aufzugreifen, selbst wenn solche Themen anderswo in seriösen Medien wie der „taz” behandelt wurden. So „anders” ist das Opernmagazin dann doch nicht. Nicht mal ein preisgekrönter Berlinale-Dokumentarfilm wie „Naked Opera” (mit Jordan Fox) war Heinsen einer Würdigung wert. Auch ein so furioser Opernroman wie John Irvings „In One Person” (2012), mit seinen vielen Trans*-Charakteren und der wohl amüsantesten Analsexszene der Literaturgeschichte, wurde von Operalounge übergangen, trotz eigener Buchrubrik. Genauso wie der Irving-Roman von sämtlichen anderen tradierten Opernmagazinen übergangen wurde. Bei Analsex hört der Spaß scheinbar auf, selbst wenn’s um einen absoluten Mainstream-Erfolgsautor geht, der das Thema Oper in einem absoluten Mainstream-Erfolgsroman behandelt und damit vielen Menschen präsentiert, die zuvor vielleicht niemals über die Freuden und Besonderheiten des Genres nachgedacht hatten. Trotzdem war das niemandem in der Opernzeitschriftenwelt ein Wort wert.

Ist das eine Erziehungsfrage bei Männern, die Jahrzehnte Unterdrückung am eigenen Leib erfahren haben und sich nicht exponieren wollen? Ist es eine Form von schwulem „Selbsthass“?

Man könnte sagen, dass die Amerikaner da weiter sind. Nicht nur haben sie den muskelgestählten Barihunk-Blog (der zugegebenermaßen ein ziemlich homonormatives Fitnessstudiobild von Männern propagiert: andere Körpertypen findet man beim Blog „Bari Chunks”), sondern die Amerikaner haben auch noch die schräge Website Parterre.com von der Opera-Drag-Queen La Cieca. Sie belebt den Typus der bitchy Operntunte neu, ohne anstrengend zu sein. Ein Kunststück! Dabei stellt sich heraus, dass ihr Tuntenansatz weit radikaler ist, als alles, was da in Deutschland momentan auf dem Medienmarkt geschieht. Besonders La Ciecas Podcast „Unnatural Acts of Opera“ ist für viele Kult, weil da die extremsten Aufnahmen aller Zeiten zusammengestellt werden. Ein Opera-Queen-Fest der Sonderklasse, das man in den neuen deutschen Magazinen so nirgends findet.

Titelseite des Blogs Parterre.com mit Host "La Cieca", die "Unnatural Acts of Opera" als Podcast präsentiert.

Titelseite des Blogs Parterre.com mit Host „La Cieca”, die „Unnatural Acts of Opera” als Podcast präsentiert.

Fehlt den Deutschen der Mut zum Extrem? Vielleicht schwingt da immer noch die Furcht mit, sich mit „Lust” und „Trash” als unseriös zu disqualifizieren? Was dann entsprechende negative Auswirkungen auf Werbekunden hat, die wiederum oft Opernhäuser sind, wo wiederum die alten Adorno-Schüler sitzen … ein Teufelskreis, den US-Blogger eher durchbrechen, weil es in den Vereinigten Staaten keine staatlichen Subventionen und keine Adorno-Fraktion gibt. Blogs wie Parterre oder Barihunks setzen stattdessen auf Klickzahlen und andere Finanzierungsmöglichkeiten. Den Trend, dass „die Welt der Oper anonym geworden“ ist, „weil Persönlichkeiten [auf der Bühne] fehlen“, wie Geerd Heinsen meint, ersetzt Parterre damit, dass La Cieca sich kurzerhand selbst als Persönlichkeit in Szene setzt. Nach dem Motto: Wenn schon auf der Bühne Langeweile herrscht, muss das nicht ebenfalls für die Fans gelten.

Singende Footballstars

Hier ist das Internet ein Befreiungsschlag, der einen neuen Typ Opera Queen hervorgebracht hat: die flamboyante Entertainerin mit Fachwissen, technischem Know-how, Geschäftssinn und der Gabe, Neuigkeiten aus dem Opernbetrieb unterhaltend rüberzubringen. Und mit Neuigkeiten ist dann wirklich alles gemeint, was neu ist, auch jenseits des etablierten Opernbetriebs – inklusive singende Football-Stars wie Justin Tucker. Den würde man in deutschen Opernmagazinen nicht finden, weder in den alten, noch in den neuen. Obwohl in einer Geschichte wie dem „Opera Singing Kicker” viel Potenzial steckt, um neue Fans fürs Genre zu gewinnen und vielleicht auch neue Besetzungskonzepte zu entwickeln.

Der US-Football-Spieler Justin Tucker, der in seiner Freizeit Oper singt. (Quelle: Instagram/@jtuck9)

Der US-Football-Spieler Justin Tucker, der in seiner Freizeit Oper singt. (Quelle: Instagram/@jtuck9)

Von der Offenheit einiger US-Blogger und Podcaster könnten sich die neuen Opernzeitschriftenmacher in Deutschland was abgucken. Von den Opernschaffenden selbst mal ganz zu schweigen. Die neuen Hefte und Online-Magazine sind da ein Schritt in die richtige Richtung – auf einen echten Umschwung auf allen Ebenen wird man wohl noch warten müssen. Zur Erinnerung: Über viele Jahrhunderte wurde in Opernhäusern gegessen, getrunken, gevögelt und dem Glücksspiel gehuldigt. Das hat dem Genre nicht geschadet. Einige der größten Opernklassiker aller Zeiten sind unter solchen Produktionsbedingungen entstanden. Wer, wenn nicht aufgeschlossene moderne Opera Queens in den Redaktionen der Opernmagazine könnten und sollten daran heute wieder erinnern und diese historische Dimension mit Fakten und Forderungen untermauern, statt sich dafür zu schämen? (Das gilt besonders für Magazine, die sich die Besinnung auf „Historisches” groß auf die Fahnen geschrieben haben.)

Ein bisschen mehr „Pride“ wäre da nicht schlecht. Wenn es ein „schwules jüdisches Känguru“ schafft, die „sexiest shows in town“ abzuliefern und damit Erfolg beim breiten Publikum zu haben, sollten das auch junge (und nicht ganz so junge) Opernredakteure hierzulande in Bezug auf Lektüreoptionen hinbekommen, möchte man meinen.

Titelbild: Regisseur Lucas Kazan beim Dreh zu seiner Pornoadaption der Mozart-Oper „Così fan tutte”. (Quelle: Lucas Kazan Productions.)


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