Gleichberechtigung: Ein böses Wort

Der ukrainische Aktivist Maxim Eristavi hat sich sein Leid von der Seele geschrieben

von Thomas Petersen

Der ukrainische Journalist und schwule Aktivist Maxim Eristavi wusste nicht mehr weiter und entschloss sich deswegen einen sehr persönlichen Text zu veröffentlichen. Unter dem Titel „Ich bin schwul in der Ukraine und mein Land verachtet mich“ schrieb sich Maxim seinen Frust von der Seele. Im Schatten von Russlands Schwulenpolitik tauchten überall Artikel über wachsende Gewalt und staatliche Unterdrückung aus Weißrussland, der Ukraine, Georgien, Armenien und Moldawien auf. Er fühlte sich als eine einsame, ungehörte Stimme und entschloss sich, über seine persönliche Situation zu schreiben, anstatt über andere. Er dachte sich: „das war’s. Wenn das nicht hilft, gebe ich auf.“ Nachdem Politico Europe seinen Artikel veröffentlichte, war er über die Hassmails und üblichen Todesdrohungen nicht überrascht. Was ihn umgehauen hat, war die Flut von Unterstützung die er aus Osteuropa erhalten hat. Das hat ihm geholfen, weiteren Beistand bei ausländischen Diplomaten und politischen Kreisen zu bekommen. Plötzlich hatte er das Gefühl, dass die Diskussion sich gedreht hätte und sein Anliegen kein Grenzthema mehr war. Und es ist in der Tat ein sehr persönlicher Text. Maxim macht darin klar, dass es für ihn einen bereits lang anhaltenden Kampf darstellt, ehrlich zu sich selbst zu sein und dabei gleichzeitig auch ehrlich seinem Heimatland gegenüber zu sein.  Ein Kampf, den er glaubte, nicht gewinnen zu können.

Die Ukraine wird niemals gleichgeschlechtliche Ehen zulassen. Gott möge uns helfen, dass das nie passiert.

Zur ukrainischen Politik gegenüber LGBTI führt er an, dass die Verordnung zum Schutz vor Diskriminierung am Arbeitsplatz erst nach neun Abstimmungsanläufen und aufgeheizten Diskussionen das Parlament passiert hat. Den Medien gegenüber hatte der Generalstaatsanwalt der Ukraine Yuriy Luzenko den Dissens offensichtlich herunterspielen wollen, indem er darauf verwies, dass es eine LGBTI-Diskriminierung in der Ukraine gar nicht existiere. Maxim zitiert Yuriy Luzenko mit den Worten: „Es ist besser eine Pride-Parade in Kiew zu haben, als russische Panzer.“ Und der jetzige Ministerpräsident Wolodymyr Hrojsman wird von ihm zu der damaligen Abstimmung mit den Worten zitiert: „ Die Ukraine wird niemals gleichgeschlechtliche Ehen zulassen. Gott möge uns helfen, dass das nie passiert.“ Vor 10 Jahren, als Maxim 19 Jahre alt war, wurde er von seiner Chefin in der Redaktion, in der damals als Reporter arbeitete, vor allen Kollegen goutet. Sie drohte auch damit, ihn vor seinen Eltern zu outen. Und alles nur, weil er nach dem Geld gefragt hatte, dass ihm zustand. Maxim fühlt sich noch heute schrecklich bei dem Gedanken, weiß aber auch, dass so etwas immer noch tagtäglich passiert. Und Schlimmeres! In einem Land, in dem hassgetriebene Taten gegen die LGBTI-Community nicht als solche angesehen werden, wird man auch keine verlässlichen Zahlen darüber erhalten. Als ein Kino nach einer LGBTI-Veranstaltung niedergebrannt wurde, sprach die Polizei von „Hooligans“. Die Verwaltung der Stadt Odessa hat im vergangenen Jahr die geplante Pride-Parade verboten. Am gleichen Tag erschien das ukrainische Parlamentsmitglied Pavlo Unguryan im ukrainischen Fernsehen und nannte Homosexualität eine „heilbare Krankheit“. Das war 2015!

Er hat das Gefühl, dass das Leben an ihm vorbeizieht, ohne ihn mitzunehmen. Aber er gibt nicht auf.

Andere so genannte Reformisten wie Kiews Bürgermeister Vitali Klitschko sprachen sich öffentlich gegen die Pride Parade in Kiew aus. Einzig zwei Abgeordnete des Parlaments sind in Kiew Seite an Seite mitgelaufen. 2 von 450. Trotzdem war der Pride ein großer Erfolg. (MÄNNER-Archiv) Was Maxim noch nicht wissen konnte, als er seinen Text schrieb. Man spürt, mit welchen Neid er ins Ausland schaut. Freunde von ihm dort können heiraten, eine Familie gründen. Er hat das Gefühl, dass das Leben an ihm vorbeizieht, ohne ihn mitzunehmen. Aber er gibt nicht auf, er will weiterkämpfen. Das haben sein eigener Text und die Reaktionen darauf bewirkt. Er glaubt, dass er durch den Kampf sich – aber auch seinem Land – eine zweite Chance gibt. Er weiß aber auch, dass es nur eine limitierte Anzahl zweiter Chancen gibt.

Titelbild: Imago/Zuma Press


Schreibe einen neuen Kommentar



Likes & Shares

Durch die fortgesetzte Nutzung der Website erklären Sie sich mit der Verwendung von Cookies einverstanden. mehr Info

The cookie settings on this website are set to "allow cookies" to give you the best browsing experience possible. If you continue to use this website without changing your cookie settings or you click "Accept" below then you are consenting to this.

Close