Culcha-Candela

„Homophobe sind automatisch dumm“

Culcha Candela sind die Headliner beim Berliner CSD. Ein Gespräch über Putin, Homophobie und Wing-Transen

Am Samstagabend sind Culcha Candela der Headliner auf der Hauptbühne des CSD Berlin. Vorher haben wir Mateo „Itchyban“ Jaschik und DJ Chino zum Gespräch über Putin, Homophobie und Wing-Transen getroffen.  

Wieso tretet ihr heute Abend beim CSD in Berlin auf?
Mateo: Wir wollten das schon länger mal machen und die Veranstalter haben auch schon mal gefragt. Wir waren aber in den Jahren davor immer gerade auf Tour oder anderweitig unterwegs. Dieses Jahr sind wir von uns aus auf die Veranstalter zugegangen, weil uns Homophobie einfach auf den Sack geht.

Erklärst du mir, warum das so ist?
Mateo: Weil es ein großes gesellschaftliches Problem ist. Es ist einfach dumm und unverständlich, dass es so rückwärtsgewandte Menschen gibt, die nicht einsehen, dass das Recht auf freie Liebe für jeden gilt, auch für Lesben, Schwule und Trans*. Denen, die dann kommen und sagen: „Ich möchte mich aber nicht mit einem Mann ins Bett legen müssen und find es auch nicht gut, wenn sich zwei Frauen lieb haben.“, kann ich nur immer wieder sagen, „Muss du doch auch nicht und musst du auch nicht gut finden. Aber, wenn das so ist, musst du eben die Schnauze halten. Es gibt schon genug Idioten in der Welt.“ Homophobie ist einfach dämlich. Und wenn sie dann noch in Gewalt umschlägt, muss man was tun, und sei es nur, seine Solidarität zeigen. Nach Paris waren plötzlich alle Charlie, nach Orlando war kaum ein Hetero Orlando. Und das geht auch besser.

DJ Chino: Auf der Hauptbühne des CSDs in der deutschen Hauptstadt kann man diese Botschaft lauter verkünden, als irgendwo sonst. Und deswegen machen wir das.

Ihr wart auch alle auf der Trauerfeier für die Orlando-Opfer am Brandenburger Tor. Wie textsicher wart ihr als alle „Over the Rainbow“ gesungen haben?
DJ Chino: Wir waren auch schon bei der Demo für Orlando in Kreuzberg. Das „Over the Rainbow“-Singen haben wir verpasst, weil wir ein bisschen zu spät gekommen sind. Aber den Refrain hätten wir auf jeden Fall geschafft. Wir sind alle alt genug, um die Marusha-Version zu kennen.

Das ist jetzt ein bisschen peinlich.
Mateo: Ja. Aber ich kenn auch nur diese Version.

Wann hat euch das letzte Mal jemand für schwul gehalten?
Mateo: Das ist doch das Süße: Man bekommt, wenn man sich politisch als Band so aufstellt wie wir, ja auf Facebook oder so, jeden Tag mehrfach hübsche Nachrichten von pubertierenden Jugendlichen, die mit „Ihr Schwuchteln“ oder „Ihr schwulen Hurensöhne“ anfangen. Die werden dann ganz schnell geblockt oder gelöscht.

Wie wart ihr in dem Alter? Homophobie verwächst sich ja manchmal.
Mateo: Ich bin mit schwulen Onkeln und lesbischen Tanten großgeworden und fand deswegen Homophobie immer  strange. Auch das, für alles was negativ konnotiert ist, heutzutage gleich das Wort „schwul“ gebraucht wird, ertrage ich nur begrenzt. Und lasse mich da auch auf Diskussionen ein. Wenn du das nicht meinst, sag es einfach nicht, ganz einfach.

Diskutiert ihr das auch unter Kollegen?
DJ Chino: Klar, auch ganz offensiv. Man muss Leute und sich selbst da hinterfragen, sonst kann man Verhalten nicht ändern.

Wie wichtig ist euch Homophobie im Vergleich mit zum Beispiel Rassismus?
Mateo: Genauso wichtig. Es hat ja auch die gleichen Ursachen: Ängste. Viele Leute die die AfD wählen, oder was gegen Migranten haben, fühlen sich allein gelassen, und sind traurig darüber, dass nicht jeder Politiker persönlich bei ihnen vorbeikommt und sie fragt, was sie denn bloß haben. Als ob Politik das leisten müsste oder sollte. Das sind nicht nur Dumme und Arme, sondern auch gebildete Menschen und solche aus der Mittelschicht. Die haben aber eben in erster Linie ein Problem mit sich selbst und haben Angst, man nimmt ihnen was weg. Was natürlich Quatsch ist. Wenn ich in Clubs oder auf der Straße von Kerlen gemustert werde, ist das doch cool. Die würden ja nicht gucken, wenn ich nicht irgendwas richtig gemacht hätte, oder? Jedenfalls, ich denke immer, homophobe Menschen haben sicher noch nie ein Kompliment von einem Schwulen bekommen und bemerkt, dass das doch etwas ganz Reizendes ist, was einem den Tag schöner macht. Das Lustigste ist nämlich, dass mir alter Hete jeder Kerl auffällt der glotzt, aber eine Frau, die mit mir flirtet, sich quasi auf mich draufsetzen muss, bevor ich das merke. Da bin ich irgendwie nicht so sensibilisiert.

Vielleicht brauchst du einen besten schwulen Freund, der dir sagt, wenn Frauen dich angraben.
Mateo: Wahrscheinlich. Einen Wingman. Oder eine Wing-Transe. Das wäre doch auch mal schick.

DJ Chino: Das Problem bei Homophobie ist, dass sie oft gesellschaftlich noch viel akzeptierter ist, als beispielsweise Rassismus oder Sexismus. Manche haben ja das Gefühl, wenn sie Schwule runtermachen, sind sie besonders männlich oder besonders cool. Klar gibt es gerade im Moment wieder Strömungen, die auch Sexismus und Rassismus wieder salonfähig machen wollen. Und dem muss man sich auch entgegenstellen. Aber Homophobie und Intelligenz lassen sich einfach nicht vereinbaren. Homophobe Menschen sind automatisch dumm.

Wie reagiert man als Hetero auf so ein Ereignis wie das Attentat von Orlando?
Mateo: Das Erste, was ich gedacht habe, war: „Warum hat in Amerika jeder Vollidiot eine Waffe? Und wie kann man das ändern?“ Das direkt Zweite war der Verdacht, dass der Täter selbst homosexuell gewesen sein könnte und das unterdrückt hat. Selbsthass, der sich nach außen dreht. Mein dritter Gedanke war, bei der Demo am Brandenburger Tor, wie ergreifend und schön das war. Außerdem war ich noch nie auf einer Demo, wo so viele stylische Menschen waren, die so gut gerochen haben.

DJ Chino: Bei Demos und großen Menschenansammlungen riecht es ja normalerweise auch mal … nach Mensch. Orlando war auch für mich ein ganz einschneidendes Erlebnis. Es ist immer schlimm, wenn es Unschuldige trifft, die einfach ihr Leben genießen und feiern wollen, einfach ihr Ding machen. Das geht mir auch jetzt noch sehr nah. Einfach, weil es ja jeden von uns treffen kann, aber hier auch ganz gezielt Lesben und Schwule angegriffen wurden, die es ohnehin nochmal schwerer haben. Ich fand es auch schade, wie schnell Fußball wieder wichtiger war. Die öffentliche Debatte darüber hat nicht lange gedauert.

Mateo: Die LGBT-Community in Amerika macht aber gerade richtig Welle und will die Waffengesetze ändern. Und wenn jemand das schafft, dann die. Die halten als Minderheit zusammen und laufen Sturm gegen die NRA und Trump. LGBT haben in den letzten Jahren so viele Dinge vollbracht, die unmöglich erschienen, mir macht das Hoffnung. Ich wünsche mir für Deutschland auch, dass die Community gegen Rechte und die AfD aufsteht und sagt, „Mit uns nicht.“ Und das passiert ja auch.

Wie kann man als Hetero anderen Heteros verständlich machen, dass Homophobie Quatsch ist?
DJ Chino: Indem man es vorlebt. Was wir versuchen und, glaube ich, ganz gut hinbekommen. Uns gibt es als Band jetzt seit 14 Jahren, und wir haben von Anfang an gesagt: „Wir beleidigen niemanden, wir sind nicht sexistisch, wir sind nicht homophob. Wir sind einfach fünf Jungs aus ganz verschiedenen Kulturen, die Freunde sind und es schaffen, miteinander klarzukommen und Musik für alle zu machen.“

Mateo: Und das ist, glaube ich, kein schlechtes Zeichen. Es gibt ja immer mehr Idioten um uns herum: Putin reitet zwar oberkörperfrei durch die Tundra, aber will Homosexualität verbieten und sein gestörtes Männlichkeitsbild durchdrücken, in dem natürlich niemand schwul sein darf. In Istanbul wird der Pride verboten, Erdogan benimmt sich wie die Axt im Wald und in Polen gibt’s eine extrem rechtskonservative Regierung. All das sind starke politische Bewegungen, deren einer Grundbaustein Homophobie ist. Deswegen ist jedes Zeichen das man dem entgegenstellt, und sei es ein Auftritt auf einer CSD-Bühne, automatisch ein politisches Beispiel dafür, dass es auch anders geht.

Bild: Trinity Music

Hier die aktuelle Single von Culcha Candela:


11 Kommentare

  1. Petra Paul

    Ich schon. 🙁 Habe mich aber auch auf vielen Seiten darüber beschwert, dass zu wenig Beileidsbekundungen gepostet wurden wie z.B. bei Paris etc.

  2. Wilhelm Glehr

    Bin zwar nicht schwul ,aber finde Homophobe auch dumm . In einer freien Zeit wie heute ist es doch schön wenn man sich die Liebe aussuchen kann. Und wenns gleichgeschlechtlich ist ist das einfach zum akzeptieren. ich hoffe es macht euch nichts aus das ich als hetero diese Seite geliket habe .


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