„Ich muss so echt sein, wie ich bin“

Maksim Reimer lässt sich nicht mehr vorschreiben, wie schwul er sein darf

Der 25-jährige Maksim Reimer aus Frankfurt ist ein begabter Musiker. In ein paar Monaten sollte sein Debüt-Album erscheinen. Das ist aber nun vom Tisch, denn Maksim ist schwul. Zu schwul. (Homophobie ist auch in der Schauspielbranche verbreitet – MÄNNER-Archiv.)

Das kriegt er schon eine ganze Weile von den sogenannten Profis aus dem Musikgeschäft zu hören: Maksim, Du musst Dich anders geben! Maksim, Du musst Dich anders anziehen! Maksim, Du wirkst einfach zu schwul – Deine Musik werden nur Kinder, alte Frauen und Schwule kaufen!

Maksim Reimer

Maksim vor seinem Auftritt beim CSD in Köln (Foto: Uwe Weiler)

Härtere Beats sollten das Feminine ausgleichen

Bis er irgendwann festgestellt hat: Das bin ich nicht mehr. Er hat sich nicht mehr wohl gefühlt. Auch die Songs des Debüt-Albums, das im Herbst in Deutschland erscheinen sollte, wurden so sehr verunstaltet, bis er sie nicht mehr als seine empfunden hat. Man legte härtere Beats drunter, um das Feminine an seine Songs auszugleichen – oder zu überdecken.

Den Ausschlag gab ein Musikvideo, das Maksim nach den Anschlägen von Orlando vorzeitig veröffentlichte. Es zeigt ein lesbisches Pärchen. Die Plattenfirma war gegen das Video, Maksim veröffentlichte es trotzdem. Es dauerte nur wenige Stunde, bis das Telefon klingelte: Die Plattenfirma kündigte den Vertrag auf.

Maksim versteht die Aufregung nicht

Maksim, der mit 14 zusammen mit seinen Eltern aus Russland nach Deutschland floh, versteht die Aufregung nicht. „Das Video zeigt zwei Menschen, die sich total nah sind“, sagt er gegenüber MÄNNER. „Ich war schon im Rohschnitt total davon überzeugt. Es gibt ja auch sonst so gut wie kein Musikvideo, das überzeugend die Leute zwischen zwei Frauen zeigt – außer vielleicht als Heterofantasie.“

Klar, es gibt dieses Video von Mark Forster, „Flash mich“, mit zwei schwulen Jungs, die eine Bank überfallen (MÄNNER-Archiv). Auch im Nachfolgevideo zu „Bauch und Kopf“ tauchen die Jungs nochmal küssend auf. Warum darf Forster, was Maksim nicht darf? Einerseits haben Plattenfirmen bei ganz jungen, neuen Künstlern wie Maksim Angst, Fans zu verprellen. Andererseits, sagt Maksim: „Mark Forster ist der, der die Homosexualität anderer akzeptiert. Er selber ist nicht schwul.“ Dazu kommt: Schwule Jungs, die Banken überfallen, können natürlich nicht „zu schwul“ oder „zu tuntig“ sein.

Maksim Reimer

Das Feedback auf sein Video war durchweg positiv. Auch die tolle Resonanz beim Cologne Pride, wo er am Samstag vor Tausenden von Leuten gesungen hat, zeigt ihm: Seine Entscheidung war richtig. Denn er hat für sich beschlossen: „Ich muss so ehrlich und so echt sein, wie ich bin. Und entweder man mag mich – oder man mag mich nicht.“

Dass Homosexualität in der Musikbranche ein solches Thema ist, bezeichnet als „Wahnsinn“. Maksim findet: „Es sollte doch eigentlich total unwichtig sein!“

Wenn Künstler neu sind und homosexuell, werden sie aufgrund ihrer Sexualität einfach nicht genommen

Sein Manager Uwe Weiler teilt dazu mit:

„Als Management können wir sagen, dass es leider gerade in der Medienbranche oft sehr schwer ist, wenn man offen schwul oder lesbische neue Künstler platzieren möchte! Viele Redakteure in den Radio- oder Fernsehsendern sind selbst schwul oder lesbisch und gerade diese Mitarbeiter haben oft Angst, wenn sie einen Act supporten, der erkennbar schwul oder lesbisch ist, dass ihre heterosexuellen Kollegen ihnen vorwerfen, aufgrund der Sexualität zu handeln. Oder diese Mitarbeiter sind nicht geoutet, haben nicht den Mut sich zu outen und denken, dass sie dadurch als Homo identifiziert werden könnten. Ich selber arbeite seit fast 20 Jahren in den Medien und erlebe diese Themen leider immer noch ständig.

So berichtet uns zum Beispiel der von uns beauftragte Radio und TV Promoter Eberhard Patzak, der seit vielen Jahren für viele große Firmen wie Sony, BMG oder Universal arbeitet, dass gerade wenn Künstler neu sind und homosexuell, diese aufgrund ihrer Sexualität einfach nicht genommen werden. Bei einer Promotion 2014 für eine Vorabsingle von Maksim Reimer (damals noch Max Reimer), bekamen wir als Feedback, dass einige Redakteure ihn als „viel zu schwul“ bezeichneten und deshalb einen Einsatz schwierig sei.

Silke Super (Foto: Ralf Strathmann)

Silke Super (Foto: Ralf Strathmann)

Wir haben die radioeins-Moderatorin und ehemalige Promoterin und Musikchefin von VIVA Silke Super gefragt, ob ihr ähnliche Fälle bekannt seien. Ihr Antwort:

„Ich bin in fast 25 Jahren von keinem meiner durchweg namhaften Arbeitgeber / Auftraggeber (Majorlabels, Indielabels, Managements, Musikfernsehsender, Videoproduktionsfirmen, Radiosender) jemals dazu aufgefordert worden, Songs von homosexuellen Künstlern nicht unter Vertrag zu nehmen oder weniger zu promoten oder per Video im TV oder Song im Radio zu spielen.

Die Nachfrage regelt den Markt. Wenn Maksims Songs gefallen, werden sich Leute finden, die sie kaufen

Im Gegenteil fallen mir direkt erfolgreiche Gegenbeispiele wie z. B. Sin with Sebastian, t.A.T.u. oder im visuellen Bereich Christina Aguilera’s „Beautiful“ ein, die mit homosexuellen Texten und Bildern wahrlich nicht hinter dem Berg halten. Ich habe bewusst ältere Beispiele gewählt, da ich die Gesellschaft heute für toleranter halter.

Grundsätzlich gilt bei Musik IMMER: Die Nachfrage regelt den Markt. Wenn Maksim’s Songs gefallen, werden sich Leute finden, die sie kaufen.“

 

Fotos: PR


16 Kommentare

  1. Bernhard Kreiner

    denke er soll es eher als chance sehen und eben wie rapper oder ähnliches merchandising verkauffen oder sowas viele sänger werden von den labels rausgekickt– chance nutzen– auch bei csd festivals mal ne geld-möglichkeit vor die bühne machen kleines geld gibs dann immer– und man gibt auch gerne was und es läbbert sich auch

  2. Siri Wolf

    Er wäre für das Unternehmen, welches ihm zu allererste einen CD-Vertrag ( 😉 ) angeboten hat, vielleicht hilfreich, wenn er eine Gewebeprobe entnehmen von sich untersuchen lässt, das er nicht aus Plastik besteht. Dies sich dann zertifizieren lassen! Das würde seine Echtheit absolut beweisen! Ansonsten ist das eine rein marktstrategische Entscheidung der ehemaligen Verlagsfirma, da sie einen zu geringen Umsatz und Verkaufserlös befürchtet. Er soll sich ein Independent Label suchen!

  3. Andreas Michael

    vielleicht haben die ja Angst das schwule Musik anstreckend ist. Die sollten zurück schauen, wie viele schwule Sänger und lesbische Sängerinnen es gibt, mit den sie sehr, sehr viel Geld verdient haben. Kopf hoch. Laß dich nicht unter buttern. Du machst sehr eine sehr geile MUCKE Maksim. Weiter so.

  4. Bernhard Kreiner

    MEHR MERCHANDISING MACHEN WIE ANDERE KÜNSLER DIE DEN PLATTENVERTRAG VERLOREN HABEN -IST AUCH NE RIESEN CHANCE AUS DER MAFIÖSEN PLATTENINDUSTRIE AUSZUTRETEN BESONDERS IDE EXTREM GROSSEN LABELS—


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