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Coming-out der Staaten

Buchbesprechung zu "When States Come Out" von Phillip Ayoub

von Pascal Beck

Innerhalb der letzten Jahrzehnte ist die LGBTI-Bewegung in einer Geschwindigkeit gewachsen, wie es ihr wohl kaum eine andere Menschenrechtsbewegung nachmachen könnte. In Anbetracht dessen, dass der Paragraf 175 des deutschen Strafgesetzbuches, der sexuelle Handlungen zwischen Personen männlichen Geschlechts unter Strafe stellte, erst im Jahr 1994 ersatzlos gestrichen wurde, ist es beispielsweise erstaunlich, dass wir 22 Jahre später – zumindest in Deutschland – zumindest straffrei unsere Liebe öffentlich machen können und auch dürfen.

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Phillip Ayoub, Assistenzprofessor für Politikwissenschaften an der Drexel Universität in Philadelphia, zeichnet in seinem Buch „When States Come Out: Europe’s Sexual Minorities and the Politics of Visibility“ den Weg nach, den Aktivisten in ganz Europa haben gehen müssen, um den heutigen Standpunkt überhaupt erst erreichen zu können. Er erklärt, inwiefern Europa wichtig für die Entwicklung queerer Bewegungen war und noch immer ist und damit automatisch auch zur Verbesserung der Lebenssituationen von LGBTI-Personen beigetragen hat.

„Mit der ‚Politik der Sichtbarkeit‘ beschreibe ich die Fähigkeit von Regierungen und Gesellschaften, Ideen für ‚angemessenes Verhalten‘ gegenüber sexuellen Minderheiten fortlaufend zu formulieren und weiterzuentwickeln.“, so Ayoub gegenüber dem MÄNNER.

Sichtbarkeit ermöglichen

Die Politik der Sichtbarkeit ist eines der zentralen Themen des Buches. Indem das Persönliche zum Politischen wird, habe ein Coming-out bereits das Potential, kulturpolitisch etwas zu verändern. Als LGBTI-Person sei man sich jedoch über die Risiken bewusst, die ein Coming-out mit sich bringen kann, weswegen es eine persönliche Angelegenheit bleiben muss, die jeder individuell abschätzen sollte. Um den Einzelnen die Sichtbarkeit überhaupt erst zu ermöglichen und über diese wiederum noch mehr auf seine Belange aufmerksam zu machen, bedient sich Ayoub dem Begriff der Transnationalität, die vor allem in Bezug auf Europa und dem Einfluss der einzelnen Mitgliedsstaaten aufeinander eine wichtige Rolle spielt.

LGBTI

Autor Phillip Ayoub (Foto: privat)

„Einen politischen Kanal bildet der Einfluss anderer Staaten und Regierungen. Dieser kommt u. a. im Rahmen der Mitgliedschaft von Ländern in internationalen Organisationen und Gemeinschaften wie der EU zum Tragen, wenn auf der Basis der schwul-lesbischen Gesetzgebung ein Signal für Modernität gesetzt werden soll. Es sind solche Kanäle, die LGBTI-Menschen als Gruppe sichtbar machen.“

Solidarität verschiedener schwul-lesbischer Gruppen über Grenzen hinweg

Transnationalität trägt also dazu bei, dass sich die Lebensumstände für queere Menschen in ihren eigenen Ländern verbessern können und ihnen damit die Sichtbarkeit erst recht ermöglicht wird. Damit gemeint ist nicht nur der politische Druck, dem die Mitgliedsstaaten der EU automatisch mit ihrem Eintritt nachkommen müssen, sondern auch die Solidarität und die Unterstützung der verschiedenen schwul-lesbischen Gruppen über Grenzen hinweg. Diese Solidarität ist bereits daher gegeben, dass über die gemeinsame Sexualität anstelle von Nationalität Identifikationsmittel entstehen.

Erfahrungen wie das Coming-out können Menschen über Staatsgrenzen hinweg verbinden

„Viele geoutete LGBTI-Personen haben, zumindest zum Teil, ähnliche Erfahrungen wie beispielsweise die des Coming-outs. Solche Erfahrungen können Menschen über Staatsgrenzen hinweg miteinander verbinden und dadurch andere Identifikationsmittel wie etwa die Nationalität etwas unwichtiger erscheinen lassen.“

„When States Come Out“ beschreibt mit konkreten Beispielen Schritt für Schritt die Geschichte der LGBTI-Bewegung Europas, ihr Wachstum und wie sie im Zusammenhang mit Europa steht. Ein interessantes Buch, das Verständnis über Strukturen und Mechanismen bringt.

Erschienen bei: Cambridge University Press: 295 Seiten, 29,99 US Dollar (ca. 27,00 Euro)

Titelbild: privat


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