Refugees welcome graffiti and refugee boat in Berlin

Flucht vor Zwangsheirat und Todesstrafe

Arbeit mit LGBTI-Flüchtlingen in Niedersachsen

Ein Gastbeitrag von Kadir Özdemir. Der Sozialarbeiter ist beim Hannoveraner Verein „Queer Refugees Nds.“ Andersraum – Vielfaltzentrale verantwortlich für die Projektkoordination

 

Die Arbeit mit Geflüchteten wird für soziale Einrichtungen, von Kindergärten über Arbeitsämter bis hin zu queeren Zentren, eines der zentralen Themen der nächsten Jahre sein. Sowohl städtische als auch freie Einrichtungen müssen sich mit dem Thema auseinandersetzen. Insbesondere muss ein öffentliches Bewusstsein dafür geschaffen werden, welche enormen Belastungen gerade Geflüchtete mit LGBTI-Hintergrund bewältigen müssen. Queere Asylsuchende kommen – wie die Mehrheit der heterosexuellen Geflüchteten- meist aus Staaten, in denen Krieg herrscht. Sie fliehen jedoch zusätzlich vor Gefängnisstrafen, Folter, Zwangsverheiratung oder gar Todesstrafen, die sie aufgrund ihrer sexuellen Orientierung oder geschlechtlichen Identität befürchten müssen.

In mehr als 75 Ländern werden Homosexuelle weiterhin strafrechtlich verfolgt; in vielen weiteren Staaten leiden sie unter staatlichen Restriktionen, öffentlicher Schikane oder Erpressung. Häufig verheimlichen die Betroffenen ihre sexuelle Orientierung sowohl im Herkunftsland als auch in Deutschland, um sich in einer ohnehin verletzbaren Situation vor weiterer Ablehnung und Gewalttaten zu schützen. Nach dem Bekanntwerden ihrer sexuellen Orientierung können in den Erst- und Gemeinschaftsunterkünften sowohl die übrigen Anwohner als auch das Personal Teil dieser homo- und transphoben Übergriffe sein. (Die ersten Unterkünfte für LGBTI-Flüchtlinge stehen in Berlin und Nürnberg – MÄNNER-Archiv.)

Niedersachsen zählt Geflüchtete mit LGBTI-Hintergrund zum Personenkreis der besonders schutzbedürftigen Menschen

Eine besondere Rolle spielt dabei die Haltung der Dolmetschenden. Falls diese homophob sind, wird es den Geflüchteten schwer fallen, ihre Sexualität zu offenbaren. Ein Verschweigen der sexuellen Orientierung kann sich jedoch nachteilig auf das Asylverfahren auswirken. Falls die Betroffenen aus Scham oder aus Angst nicht über die ganze Bandbreite ihrer Verfolgung sprechen, kann die Brisanz ihrer Lage nicht richtig eingeschätzt werden. Daher zählt das Land Niedersachsen Geflüchtete mit LGBTI-Hintergrund zum Personenkreis der besonders schutzbedürftigen Menschen.

Angebote für queere Geflüchtete sichtbar und zugänglich machen

Zugleich gibt es sowohl in den Strukturen der Sozialen Arbeit als auch in der Bevölkerung eine große Bereitschaft, Geflüchteten zu helfen. Daher richtete das Land Niedersachsen im Juli 2016 eine landesweite Vernetzungsstelle für die Belange von LGBTI-Flüchtlingen ein. Diese wird von dem queeren Zentrum Hannovers, dem Andersraum e.V., sowie dem Queeren Netzwerk Niedersachsen und dem Verein Niedersächsischer Bildungsinitiativen gemeinsam getragen. Ziel der Vernetzungsstelle ist es, sowohl die Angebote für queere Geflüchtete sichtbar und zugänglich zu machen, die bestehenden Strukturen für Geflüchtete zu vernetzen, als auch den queeren Geflüchteten Räume zu bieten, um sich selbst zu organisieren, miteinander in Kontakt zu treten und sich langfristig selbst zu vertreten.

Die Beziehung muss er vor seiner Familie geheim halten, weil er befürchtet, umgebracht zu werden

Wie dringend die Arbeit mit queeren Geflüchteten ist, zeigte sich bereits nach den ersten Tagen der Vernetzungsstelle. Die Anrufe und E-Mails, die die Stelle erreichten, zeigten die ganze Bandbreite des Hilfsbedarfs. Omar* zum Beispiel, ein junger Yezide,, lebt seit einem Jahr in Deutschland und hat einen Partner gefunden. Die Beziehung muss er jedoch vor seiner Familie geheim halten, weil er befürchtet, verstoßen oder gar umgebracht zu werden. Obwohl er gerade erst volljährig geworden ist, wird seine Zwangsheirat vorbereitet. Diese Situation stellt sozialpädagogische Kräfte vor besondere Herausforderungen, denn sie verweist auf eine Lücke im deutschen Interventionssystem.  Es gibt hier zwar Frauenhäuser, aber auf Jungen und Männer als Opfer familiärer Gewalt ist man nicht eingestellt. (Dieses schwule Paar ist aus Russland nach Brandenburg geflüchtet, aber die Behörden erkennen ihre Beziehung nicht an – MÄNNER-Archiv.)

Bürokratische Spießrutenläufe und rassistische Ausgrenzung

Aman und Salim stammen aus Syrien. Sie leben in Flüchtlingsunterkünften und halten ihre sexuelle Orientierung streng geheim, weil sie Übergriffe wegen ihrer Homo- bzw. Bisexualität befürchten. Fast alle Anwohner*innen der Flüchtlingsunterkünfte haben lange entbehrungsreiche Einreisen hinter sich, haben mitunter Hab und Gut vor allem etliche Freunde und Verwandte in Kriegs- und Krisenregionen verloren. In Deutschland angekommen erleben sie häufig bürokratische Spießrutenläufe und wohnen nun auf engstem Raum zusammen. Rassistische Ausgrenzung und Abschieberisiken verstärken noch diesen Druck. Viele brauchen therapeutische Betreuung, doch die Wartelisten für Therapieplätze sind lang. Ein Outing in dieser Atmosphäre könnte durchaus riskant werden.

Ahmed gehört zu den Wenigen, die Glück hatten. Er hat bereits eine eigene kleine Wohnung. Der junge Mann, der in Damaskus Architektur studiert hatte, leidet hier unter sozialer Isolation. Er möchte gerne andere queere Geflüchtete treffen, die Sprachbarrieren überwinden und vor allem seine Situation verstehen können. Sobald wie möglich will er sein Studium wieder aufnehmen und braucht Unterstützung beim Erlernen der deutschen Sprache.

Weiterbildungs- und Qualifizierungsangebote für Flüchtlinge

Diese Fälle machen bereits deutlich, dass die queeren Geflüchteten außerhalb ihres Rechtsstatus eine sehr heterogene Gruppe bilden und eine individuelle Ansprache benötigen. Um dies zu gewährleisten, ist es wichtig, ein breites Netzwerk von Unterstützenden aufzubauen. Damit Haupt- und Ehrenamtliche gut auf die kommenden Aufgaben vorbereitet sind und um mögliche Überforderungen zu vermeiden, bietet die Vernetzungsstelle ihnen Weiterbildungs- und Qualifizierungsangebote an. Denn es wäre sowohl für die Ehrenamtlichen als auch für die Geflüchteten fatal, wenn die Arbeit auf sehr naiven Annahmen fußen sollte. Die Engagierten sollten auf emotionale Momente gefasst sein, um mit den vielen schwierigen Schicksalen umzugehen.

Die Szene darf sich daher nicht von rechtspopulistischen Parolen blenden lassen

Die Arbeit mit queeren Geflüchteten erfordert ein gewisses Maß an Selbstreflexion. Es ist wichtig, dass die Akteure der Szene wie auch unsere Gesellschaft als Ganzes sowohl Homophobie als auch Rassismus konsequent ablehnen. Denn gerade in diesen Tagen versuchen rechtspopulistische Bewegungen wie die AfD durch eine Bannerwerbung mit schwulem Paar gegen muslimische Deutsche und Flüchtlinge zu hetzen. Diese Strategien müssen als das Trugbild erkannt werden, was sie sind. Denn die AfD selbst giftet seit Jahren gegen Schwule und Lesben und insbesondere gegen Regenbogenfamilien. Die Szene darf sich daher nicht von rechtspopulistischen Parolen blenden lassen. Die queeren Geflüchteten brauchen jetzt unsere Solidarität, denn auch für uns ist es nicht lange her, dass wir um Gleichberechtigung und Anerkennung gekämpft haben. Unter dem Regenbogen ist Platz für alle, daher: Queer Refugees Welcome!

*Die Namen aller auftauchenden Personen wurden geändert.

Titelbild: Fotolia


3 Kommentare

  1. Siri Wolf

    Zwangsheirat betrifft in einem höhreren Prozentsatz Frauen. Dies sollte erstmal klar sein. Und das demzufolge auch dann Männer gedrängt werden eine Ehe einzugehen (wo die Partnerin wahrscheinich auch nicht will) ist demzufolge ja logisch! Es sei man behauptet „bei uns existieren keine Homoxeuelle“.

  2. Bernhard Kreiner

    frauen werden aber auch mit homosexuellen männern verheiratet auch mit zwang zum heiraten -bzw klassischen heiraten gehören immer noch zwei- also betrifft es auch homosexuelle männer oder aber auch lesbische frauen die an heterosexuelle männer verheiratet werden oft mit zwang


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