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„Zeit, nach vorne zu schauen“

Schwuler Imam: Wir brauchen eine Community, die sich nicht nur innerhalb eines Gebäudes sicher fühlt, sie muss nach außen expandieren

Daayiee Abdullah ist ein Imam aus Washington, der offen schwul lebt (MÄNNER-Archiv). Er gehört der Organisation „Muslims for Progressive Values“ an, einer Gemeinschaft liberaler Muslime. Dorsy Baumgartner sprach mit Daayiee Abdullah über die Auswirkungen auf Schwule und Muslime nach dem Massaker von Orlando und über Donald Trump

Wie war Ihre Reaktion auf den Anschlag aus muslimischer Sicht?
Ich fand mich sowohl aus der Sicht der Opfer als auch des Täters in einem Zustand der Ehrfurcht. Allerdings nicht die Form von Ehrfurcht, die fasziniert, sondern die die uns krank macht. Ich möchte versuchen, einen Zusammenhang zu schaffen. Die Woche vor der Schießerei feierten wir das Leben von Muhammed Ali. Er war ein schwarzer Mann, ein Muslime und ein Held meiner Kindheit. Mit einer muslimischen Zeremonie ehrten Trauernde einen Sportler, der als junger Mann zum Islam konvertierte. Für mich war das ein entscheidender Wendepunkt in der Geschichte amerikanischer Muslime. In der selben Woche vollzog ich eine interkonfessionelle Ehe mit einem muslimischen Partner.

Mein erster Gedanke war: Hoffentlich ist das kein Muslim!

Am Sonntagmorgen schaltete ich die Nachrichten an. Als ich die schockierenden Bilder sah, war mein erster Gedanke: „Hoffentlich ist das kein Muslim!“ Dann hörte ich den Namen Omar und mein Magen zog sich zusammen. Hier fand ich mich wieder an der Kreuzung zwischen Schock und Angst. Ich hatte nicht viel Zeit nachzudenken, denn die Medien wollten meine Beurteilung der Situation. Ich saß beim Radiosender NPR, als mich die Nachricht erreichte, dass der Vorstand der islamischen
Bürgerrechtsorganisation „CAIR“ meine Gegenwart bei seiner öffentlichen
Stellungnahme wünschte. Leider konnte ich nicht so schnell vor Ort sein,
aber es zeigte mir deutlich, dass Muslime und Schwule gewillt sind als
Gemeinschaft zusammenzuarbeiten.
Wie war Ihre Reaktion aus der Sicht eines schwulen Mannes?

Ich gehe nicht in Clubs. Aber ich denke, sie sind ein Zufluchtsort, wo sich
Schwule aufhalten, um vor Beschimpfungen und Diskriminierung zu fliehen und frei zu sein. Dieser sichere Ort wurde zerstört, aber ich hoffe, dass der Heilungsprozess die Betroffenen stärker macht. Wir brauchen eine Community, die sich nicht nur innerhalb eines Gebäudes sicher fühlt, sie muss nach außen expandieren. Unsere Herzen müssen von diesem
Gedanken erfüllt sein. Es ist Zeit nach vorne zu schauen und zu einer
größeren Gesamtheit heranzuwachsen. Orlando ist ein gutes Beispiel
dafür, dass sich Muslime und LGBT’s weder durch Hassverbrechen noch
durch Ignoranz auseinanderbringen lassen.

So quälend es ist, es geht vorüber

Hat die LGBTI-Community bei Ihnen Rat gesucht?

Ich habe viele E-Mails und auch Anrufe bekommen. Die meisten
Ratsuchenden waren eingeschüchtert und fürchteten sich vor weiteren
homophoben Angriffen. In erster Linie habe ich ihnen gesagt, dass Angst
auf keinen Fall das Leben bestimmen darf. Wir müssen sie überwinden. Sie
macht die Seele krank und lähmt uns. Ich habe versucht klar zu machen,
dass wir uns nicht in einem Kriegsgebiet befinden und dass ein solcher
Vorfall nicht einen ganzen Tag lang anhält. So quälend es ist, es geht
vorüber. Aber leider habe ich nicht für alles eine Antwort, es gibt keine
Wunderwaffe. Für jeden Menschen ist der Weg aus seiner Angst ein
anderer. Es ist hilfreich die Erfahrungen auf dem Weg zu teilen. Wir alle
brauchen Begleiter, die uns ermutigen positiv zu denken und den Weg mit
uns gehen.

Um es nochmal klarzustellen, Homophobie existiert im Koran
nicht?

Nein, es gibt keine Stelle, in der Homosexualität explizit verboten wird.
Nicht Homosexualität, sondern Vergewaltiger und Räuber werden
verdammt.

Ihre liberale Interpretation des Koran war lange umstritten. Hat sich das geändert?

Ja, ich werde immer öfter von unterschiedlichen Organisationen und auch
Individuen kontaktiert und bekomme Zuspruch. In den USA beschäftigen
sich immer mehr mit einer LGBTI-freundlichen Lehre und Philosophie des Islams. Ich bin kein Einzelkämpfer mehr. Es hat ein Wandel stattgefunden. Trotzdem ist es noch ein langer Weg. Ich glaube, die Öffentlichkeit sieht endlich, dass ich tue, was der Koran unterstützt. Und das ist: „Gute Taten vollbringen, Menschen zu helfen und ihnen einen Leitfaden zu geben“. Bestimmte Verse im Koran sind in der Moderne nicht mehr verbindlich und zeitgemäß. Wichtig ist, das Werk als Gesamtes zu verstehen und nichts aus dem Kontext zu reißen, wie es häufig in der Politik geschieht.

Manchmal muss ich lachen, wenn jemand glaubt, was Trump sagt

Trump hat ein Einreiseverbot für Muslime gefordert.

Davon abgesehen, dass es gegen die amerikanischen Werte und
Religionsfreiheit verstößt, muss ich manchmal lachen, dass jemand, der
glaubt, was Trump sagt, wohl doch nicht so intelligent ist, wie er denkt.
Hinzu kommt, dass seine Anhänger das gleiche Ausmaß an Wut in sich
tragen wie er – und ihren, ich nenne es „Blutdurst“, stillen wollen. Sie
möchten Menschen verletzen, weil sie in der Vergangenheit selbst verletzt
wurden. Es ist wie bei Kindern: Wenn ihnen jemand etwas zuleide tut,
wollen sie zurückschlagen. Egal, ob es die Person ist, die ihnen Leid
zugefügt hat oder ob es eine andere stärkere oder größere ist. Wenn
Donald Trump sagt: „ We want America back“, was heißt das? Wollen wir
Amerika zurückdrehen in eine Zeit, wo Diskriminierung aufgrund von
Herkunft, „Rasse“, Nationalität und Religion ein Thema war? Vorurteile,
Hass und Gewalt gegenüber „anderen“ haben schwerwiegende Folgen.
Meine Ausbildung in Metaphysik hat mir bestätigt, dass die Grundlage der
meisten Handlungen Angst ist. Alles, was daraus resultiert ist überwiegend
negativ. Es gibt in den seltensten Fällen eine Win-Win-Situation. Angst
schützt uns zwar vor Fehlern und Bedrohungen, doch wenn sie eingesetzt
wird, um andere anzugreifen, wird sie gefährlich.
Wie interpretieren Sie seine Haltung zur Homosexualität?

In den USA gibt es im Moment viele Menschen, die darüber reden, dass sie
Donald Trump unterstützen wollen. Seine Aussagen sind aber leider nicht
eindeutig. Einerseits sagt er: „Wir unterstützen die Schwulen“, dabei hat er
in der Vergangenheit bewiesen, dass er es doch nicht tut (MÄNNER-Archiv) und zwar unter anderem mit der Aussage, dass er gegen die Ehe-Öffnung ist . Ich möchte es kurz fassen: Sie kennen sicher das Märchen „Des Kaisers neue Kleider“. Trump, der Schneider, regt die Fantasie an, aber es steckt nichts dahinter.

Titelbild: privat


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